F wie Watzke

Die interessantesten Begegnungen hat man ja meistens im Zug. Neulich saß ich an einem Vierertisch einem Mann gegenüber, der vor sich die Kataloge verschiedener thailändischer Bordelle ausgebreitet hatte. Er schrieb Zahlen auf ein Stück Papier, strich sie wieder durch, addierte und multiplizierte und murmelte dabei fröhlich vor sich hin. Manchmal schlug er einen Katalog auf, markierte eines der zahlreichen Bilder mit einem Filzstift, wobei er anerkennend durch die Zähne pfiff.  Als ich ihn fragte, was er da mache, erklärte er mir, er sei der Vorsitzende und Urlaubswart des Kaninchenzüchtervereins in Kleinwölferode und dafür zuständig, die gemeinsame Reise nach Thailand zu planen. Dort wollten er und seine Jungs erstens „die Sau rauslassen“, zweitens „die Kuh fliegen lassen“ und drittens „nicht jeden Cent dabei umdrehen.“

Auf meinen Einwand, dass Prostitutionstourismus ja nicht unbedingt vorbildlich sei, und gerade der Kaninchenzüchterverein Kleinwölferode für die vielen Millionen Jugendlichen im Land, die ihr Herz an die possierlichen Kleinnager gehängt hätten, ein Fixstern am Ethikhimmel sei, bezeichnete er mich als Gutmensch und erklärte  brüsk: „Wir zahlen das und hauen wieder ab. Das ist eine reine Geschäftsbeziehung.“ Ich schwieg, denn von dieser Seite hatte ich das noch gar nicht betrachtet.

Dabei ist die Erkenntnis ebenso schlicht wie klar. Der Verein bezahlt nicht nur für die am Reiseziel in Anspruch genommenen Dienstleistungen, sondern indem er zahlt, kann er auch die Rechtfertigung für sich beanspruchen, dass Geschäftsbeziehungen moralisch nicht kritisiert werden könnten, weil sie ja gerade Geschäftsbeziehungen seien.

Was mich zu einem Aspekt bringt, der mit Fußball noch weniger zu tun hat als Kaninchenzucht in Kleinwölferode. Die Frage, welche Faktoren zum rasend schnellen Erfolg des NS-Regimes geführt hat, beantwortet der Soziologe Rainer C. Baum mit dem Hinweis auf den Verlust der professionellen Standards in den deutschen Eliten: Richter wurden zu Henkern in Robe, Polizisten von Freunden und Helfern zu Exekutoren von Massenerschießungen, Ärzte heilten nicht mehr, sondern ermordeten wehrlose Patient_innen. Auch Militär, Verwaltung, Professoren und Journalisten spielten ihren Part.

Was mich etwas besorgt, ist, dass die Manager der großen Unternehmen ihre berufsspezifische Ethik gar nicht erst Preis geben mussten, um zu Komplizen und ausführenden Organen der NS-Verbrechen zu werden. Der Arzt musste seinen hippokratischen Eid brechen und durch den Eid auf Hitler ersetzen. Er ersetzte seine Berufsethik durch eine völkische Ethik. Ein Manager allerdings machte das, was er vor und nach der NS-Zeit auch machte: Er betrieb Gewinnmaximierung. Dazu kaufte er die Ware Arbeitskraft dort ein, wo sie am billigsten war. Er hätte einen schlechten Job gemacht, wenn er nicht auf die von der SS angebotenen Zwangsarbeiter_innen zurückgegriffen hätte. Das Verhältnis zur SS war das zwischen Kunde und Dienstleister.

Es geht hier nicht darum, das NS-Regime ökonomisch zu erklären. Es ist viel komplizierter. Es geht auch nicht darum, jede fragwürdige Fernreise unter Faschismusverdacht zu stellen. Die moralische Indifferenz der Verantwortlichen damals und heute hat völlig unterschiedliche Dimensionen. Es geht aber wohl um die schrecklich schlichte und schrecklich falsche Vorstellung, ökonomische Entscheidungen seien moralisch nicht angreifbar, weil sie allein einer ökonomischen Zweckrationalität folgten. Von einem Vorsitzenden eines kleinen Kaninchenzüchtervereins kann man dazu sicherlich keine differenzierte Antwort erwarten. Hoffentlich sind wenigstens die Fair-Play-Trikots frisch gewaschen, wenn er und seine Jungs in Thailand in den Puff gehen.

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