Sturm auf das Winterparkett – Roter Keil trotzt weißem Kreis

Wer hätte gedacht, dass es irgendwo in Europa eine Mannschaft gibt, die eine noch miserablere Chancenauswertung praktiziert als der FC Schalke 04.Wenn es nach 45 Minuten 4:0 für Zenit geheißen hätte, kein Clubberer hätte sich beschweren können. Weil der Gaspromverein offenbar den gleichen Fernkursus im Torabschluß wie sein Bruderclub gebucht hat, und weil Dirty Chari langsam das kriegt, was man einen Lauf nennt, stand es dann völlig überraschend 1:0 für die Roten. Nicht unverdient, denn wirklich große Mannschaften wie ManU 1999 oder Brasilien 2002 nutzen die wenigen Chancen, die sich bieten, eiskalt. Vor allem im russischen Frühwinter, har har.

Zwei völlig unterschiedliche Spielsysteme trafen aufeinander. Auf der einen Seite Charisteas, der einen sinnlosen Tunnel nach dem anderen setzte, auf der anderen Seite Petersburg, das einen sinnlosen Hackentrick nach dem anderen zelebrierte. Auch die Trainer fraglos antagonistisch. Hier Dick Advocaat, gegen den Dennis Hopper in “Blue Velvet” aussieht wie ein Sparkassenmitarbeiter, auf der anderen Seite Hans Meyer (mit Mütze!), im Vergleich zu diesem (mit Mütze!) Dick Advocaat aussieht wie Bambi.

Spiegel-Online sprach natürlich pflichtschuldig und phrasoid von einem erkämpften Punkt der Nürnberger. Dabei war er erspielt. Zum Beispiel vor dem 1:0, als linksdraußen mehrfache Befreiungsversuche der Petersburger viswanathananandgleich antizipiert und unterbunden wurden. Nach einer haikupräzisen Staffette minimalinvasiver Kurzpässe war Charisteas dann am linken Strafraumeck mutterseelenaleinikov und hatte den Nerv und das Glück. Stürmer in der Krise machen solche Dinger nicht. Stürmer in der Krise kriegen beim Einwurf einen Muskelfaserriß.

Zu sehen waren vor allem in der zweiten Halbzeit einige wirklich elegante Nürnberger Ballstaffetten. Der Stratege Mintal, der Ballstreichler Misimovic, ein Saenko mit aufsteigender Tendenz – Adler wirkte heute wie ein aufgescheuchtes Huhn, aber Lüdenscheid ist ja nicht Leningrad – und der kluge Ballverteiler Charisteas können jede Abwehr auseinandernehmen, wenn sie sich noch ein bißchen besser kennen.

Zu sehen war auch ein großer Sprung nach vorne, was die Abgeklärtheit auf internationalem Parkett angeht. War es gegen Everton noch ein liebevoll zelebriertes, aber monotones Gewitter der Einfallslosigkeit, bot man heute ständige Tempowechsel, zog sich nicht ängstlich zurück, stürmte nicht blind, setzte den einen oder anderen gefährlichen Konter.

Zu sehen war ferner ein Engelhardt, der mit großem Risiko und meist erfolgreich konsequent jede Defensivaktion zum Aufbau einer Offensivaktion nutzte. Bei ihm gab es kaum blind nach vorn gedroschene Bälle, er suchte immer die klare Aktion, das Umschalten nach vorne. Dass er beinahe zur tragischen Figur geworden wäre, ist ihm nicht so sehr anzulasten, wie der kicker das tut. Beim 1:1 vertrat er einen absenten Innenverteidiger, ich glaube Beauchamp war es, und fehlte dann bei der Flanke außen. Beim 2:1 rutschte er zweimal aus, bleibt trotzdem im Zweikampf und sein kleiner Aufschrei, als es dem Zenitspieler gelang, ihn abzuschütteln, hatte schon fast shakespearesche Größe. Wolf sah sich das übrigens in aller Ruhe an, anstatt sich seinem Gegenspieler alsbaldigst auf Mundgeruchdistanz zu nähern. Die beiden Tore für Zenit fielen übrigens genau im richtigen Zeitpunkt, als nämlich die häßliche Fratze der Überheblichkeit schon über einigen Nürnberger Köpfen aufging. Dank der sprichwörtlichen überbordenden russischen Gastfreundschaft, dem Händchen von Meyer und dem Köpfchen von Benko fahren die Nürnberger jetzt nicht nur mit einem Punkt nach Hause, sondern mit einem hochwirksamen psychologischen Stachel für das wichtige Spiel in Duisburg.

Die aufsteigende Tendenz ist unverkennbar, auch gegen Mannschaften, die nicht von Thomas Doll trainiert werden.

Ein Kommentar zu “Sturm auf das Winterparkett…“

Christian Baumann
30.11.2007

Heute gleich nach Spielschluss so ein langer Kommentar und morgen aufhören? Was ist in diesen dunklen Stunden passiert?

Die Gemeinde wünscht schon eine kleine Erklärung, bitt’ schön…

Gruss aus Franken

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