Schlagwort: WM 2014

Sich einen runterhoolen – eine alte abendländische Tradition

Elf Anmerkungen zum bisherigen Verlauf der EM (Spiel 1 bis 10, ohne Gruppe F):

1.) Es noch gar nicht so lange her, da wurde hierzulande der Untergang des Abendlands beschworen, weil in deutschen Innenstädten Korane verteilt wurden. Die Reaktionen auf die völkervertrimmenden Krawalle in Frankreichs Innenstädten fallen im Verhältnis dazu reichlich verhalten aus. Ist halt alte abendländische Tradition, sich in überbordender Männlichkeit gegenseitig die Fresse zu polieren. Die russischen Hooligans haben sich vor Gericht ebenso in Luft aufgelöst wie einst die Massenvernichtungswaffen von Saddam Hussein. Mit dem schlimmen Wort von der Lügenpresse hat das natürlich nichts zu tun, es handelt sich lediglich um bedauerliche Recherchefehler.

2.) Die Vorberichte im ZDF zum Eröffnungsspiel fielen dadurch auf, dass die Equipe Tricolor keinen Gegner hatte. Kein Wort über Rumänien, auch nicht über den Trainer Anghel Iordanescu, der  immerhin zweimal den Europapokal der Landesmeister bzw. die Champions League gewann. Stattdessen tatsächlich bewegte Bilder vom WM-Halbfinale 1982 mit Marius Trésor, aber kein rumänischer Studiogast. Warum nicht Dorinel Munteanu, als Trainer mit Galati rumänischer Meister 2011? Ansonsten teilweise recht gute Spielberichte (Claudia Neumann) und auch eine sehr realistische Kommentierung der Leistung der deutschen Mannschaft gegen die Ukraine (Gerd Gottlob). Selbst Tom Bartels war erträglich. Dazu noch ein O-Ton: Die Welt: Wie läuft eine Turniervorbereitung für Sie? Béla Réthy: Da gilt es, so viel wie möglich über die Teams zu recherchieren und wichtige Daten zusammenzutragen. Ich kann es kaum erwarten.

3.) Die Chance, als Gruppendritter weiter zu kommen, ermuntert die meisten Mannschaften, offensiver zu spielen. Man hat nicht den Wahnsinnsdruck, mit einer Auftaktniederlage gleich alles versaut zu haben. Ausnahmen wie Spanien 2010 bestätigen diese Regel. Bisher fallen die sogenannten Fußballzwerge in keinster Weise negativ auf. Es ist eben nicht die dritte, sondern die erweiterte zweite Reihe, die dabei ist: WM-Dritte wie Rumänien und die Türkei und große Fußball-Nationen, die in letzter Zeit wenig gerissen haben wie Ungarn, Tschechien und Portugal. Man weiß bis zum Schluß der Vorrunde nicht, gegen wen es geht. Hat Charme, dieser Modus.

4.) Das beste Spiel – bevor die Gruppe F an den Start ging – war Belgien gegen Italien, aber gleich danach kam für mich Wales gegen die Slowkei. Zwei gleichstarke Gegner, die alles probierten. Dazu der verdiente Sieger Wales, der in der Lage war, nach dem Ausgleich sehr schnell taktisch und spielerisch zu reagieren. Alle Spiele sind sehr fair, auch ein Zeichen dafür, wie viel besser das technische Niveau geworden ist.

5.) Die Engländer haben eine Mannschaft zum Liebhaben: Alli, Sterling und die anderen jungen Wilden sind mit heißem Herzen und spielerischer Leichtigkeit dabei. Aber mit dieser Chancenverwertung werden sie nicht weit kommen. Die ultimative Kränkung wäre es, wenn eine der anderen Mannschaften von den Inseln weiterkommt und die Three Lions nicht. Wales is waiting.

6.) Der Turnierstart der deutschen Mannschaft war besser als erwartet. Und dann auch noch zu Null, nach dem fröhlichen Scheibenschießen in den letzten zwei Jahren. Zu sehen gab es sehr viel Glück, einen sehr guten Neuer und schon ziemlich viele Ideen in der Offensive. Özil kommt in der allgemeinen Einschätzung zu schlecht weg. Er hat gerackert für drei und Schweinsteiger das 2-0 präzise aufgelegt. Nach all dem Hype um Odonkor wegen einer guten Flanke 2006 hat Özil mehr Respekt verdient. Ich hätte mir gewünscht, dass Boateng Kapitän ist, das wäre mal eine Ansage gewesen. Und Schweinsteiger hat immerhin schon Luft für sieben Minuten. Das läßt hoffen für die 1113. Minute in einem KO-Spiel.

7.) Eine seltsame Stimmung liegt über dem Turnier. Die EU steht möglicherweise vor ihrem Zerfall, mit zwei Teilnehmern – Türkei und Russland – gibt es massive Konflikte, allenthalben dräut und droht ein terroristischer Anschlag. Die Leute feiern, aber selten war es bei einem Turnier so deutlich zu spüren, dass Fußball eine Nebensache. Eine EM am Vorabend. Aber von was?

8.) Am besten trat neben den aus dem Nichts wieder erstarkten Italienern bisher Kroatien auf. Technisch überragend, in den Zweikämpfen giftig, aber nicht brutal, immer in der Lage, das Spiel zu machen. Und gespickt mit hervorragenden Einzelspielern: Srna, Mandzukic, Modric.

9.) Die Schiedsrichterleistungen sind bisher überwiegend gut. Bis auf den übersehenen Ellbogen von Giroud beim 1-0 gegen Rumänien gab es praktisch keine Fehlentscheidungen. Noch beeindruckender: Es scheint, die Schiedsrichter haben sich auf eine gemeinsame Linie geeinigt – wenige Karten, viel laufen lassen, sehr viel reden. Das gab es noch nie: Die Spielleiter verpassen einem Turnier ihre spielübergreifende Handschrift.

10.) Ibrahimovic hat den Ausgleich der Schweden erzwungen, aber ingesamt kommt es mir so vor, als sei das Modell 1 Superstar und 10 Wasserträger ein Auslaufmodell. Rooney ist ein mannschaftsdienlicher Kükenhirte geworden, Bale zerstreut erfolgreich seinen Kultstatus, Schland und Kroatien kommen ohne Superstar gut zurecht. Mal sehen, wie sich CR7 hineinfindet in seine Rolle als leader of the pack einer neuen Generation.

11.) Die Franzosen sind deutlich verbessert im Vergleich zu den letzten Turnieren. Sie tragen ihre Last der Erwartungen bisher mit mehr Esprit als die Brasilianer vor zwei Jahren. Aber Les Bleus werden ohne Zidane für mich immer unvollkommen sein. Wie ein Orchester ohne Violinen, ein Wald ohne Vögel, ein Essen ohne Gewürze. Trotz Lahm und Klose, Xavi und Iniesta, Buffon und Pirlo, bleibt Zizou die überragende Persönlichkeit der letzten 20 Jahre. Diese französische Mannschaft könnte aus seinem Schatten treten.

Das Drama des begabten Kindes

Mario Götze ist nicht der erste hoffnungsvolle deutsche Spieler, der mit einem Wechsel zum FC Bayern München seine Karriere ruiniert, auf Null abgebremst oder zumindest aus der Bahn gesteuert hat.  Jan Schlaudraff (Saison 2007-08 / 8 Bundesligaspiele / 150 Spielminuten), Alexander Baumjohann (2008-09 / 3 / 90), Mitchell Weiser (2012-15 / 16 / 914), Jan Kirchhoff (2013-14 / 7 / 82), Sebastian Rode (2014-16 / 38 / 1359) heißen die Opfer der letzten Jahre. Alle hatten vor ihrem Engagement bei Bayern eine tragende Rolle in ihren Vereinen oder dort sehr jung eine sehr gute Saison gespielt.

Keiner von ihnen würde zugeben, dass der Wechsel zum „Branchenprimus“ ein Fehler war. Zumeist murmeln die Kandidaten auf diese Frage meist mehr oder weniger verkniffen etwas davon, dass sie auf höchstem Niveau arbeiten durften und unglaublich viel dazu gelernt haben. Richtig ist, dass sie nach der langen Bankdrückerei nicht nur mit einer super-super-super Gesäßmuskulatur zu ihrem nächsten Arbeitgeber wechseln. Auch eine berufliche Perspektive als Gebietsleiter im Außendienst für diejenigen ergonomischen Sitzmöbel, die man so ausgiebig kennenlernen durfte, ist nach dem Ende der sportlichen Laufbahn für den langfristig planenden Profi von heute ein echter Zugewinn. Mitchell Weiser ist im zarten Alter von 22 Jahren immerhin schon dreifacher Deutscher Meister.

Bei Mario Götze ist alles ein bißchen anders. Als Siegtorschütze in einem WM-Finale ist er eine lebende Legende, kein hoffnungsvolles Talent. Ohne die Fähigkeiten der anderen hier Genannten zu schmälern ist es fair zu sagen, dass Götze mit außergewöhnlicher Begabung ausgestattet ist. Gleichzeitig ist Götze alles, bloß kein Star zum Anfassen. Ihn kann ich mir gut vorstellen, wie er frisch gefönt im weißen Tennispullover mit V-Ausschnitt aus dem Wellnessbereich des privaten Tennisclubs geschlendert kommt. Der Parkplatzboy fährt den Lamborghini vor, Götze drückt ihm 100 Euro in die Hand und sagt: Stimmt so. Das mag völlig falsch sein, genauso wie es falsch sein kann, dass Cristiano Ronaldo ein testosterongesteuerter Möchtegernmarshall ist, auch wenn er sich so hinstellt, wenn er einen Freistoß tritt. Götzes Tor gegen Argentinien ist jedenfalls paradigmatisch für seine Spielweise und die Spielweise der Nationalmannschaft, der er angehört. Helmut Rahns Schuß aus dem Hintergrund war der Glücks- und Verzweiflungsschuß der kriegsgeprägten Generation der fünfziger Jahre. Der ehrliche Malocher, Sohn eines Bergmanns, Kind des Ruhrgebiets und des Wirtschaftswunders, haute ihn irgendwie rein, so wie man in den Jahren davor irgendwie über die Runden gekommen war. Gerd Müllers Tor gegen Holland verdichtet die siebziger Jahre in einem Augenblick: Popo raus, irgendwie im Liegen, Vorlage von Bonhof, einem Gladbacher. Das alles unter dem Dach dieses atemberaubenden Stadions, das ein so wirkungsmächtiger Gegenentwurf zu jeder Art von Großmannssucht war.  Andy Brehme steht für den Stil der Ära Matthäus: Spielfreude durch Kraftmeierei. Loddar, Ruuudi und die anderen waren keine Rumpler, vor allem nicht bei der WM 1990. Aber vielleicht doch eher Atlético als Real, eher Hansdampf als filigran. Und 2014 dann Götze, dessen Vater kein Bergmann ist, sondern als Professor im modernisierten Ruhrgebiet irgendwas mit Medien macht. Bei seinem Kabinettstückchen in Rio machte Mario Götze nicht nur alles richtig, sondern auch bezaubernd schön. Außer Maradona fällt mir keiner ein, der in so einem Spiel so ein Tor hätte schießen können.

Wirklich schade, dass dieser Götze (2012-16 / 114 / 7377) bei Bayern nur eine Randfigur ist. Oder war das gewollt? Ist Götze auf der Bank für Bayern wertvoller als bei Dortmund in der Startelf? Im Wirtschaftsleben ist diese Strategie nichts besonderes. Ständig werden Patente aufgekauft, damit sie von der Konkurrenz nicht kommerziell verwertet werden können. Warum nicht also aus einer funktionierenden Mannschaft das Ausnahmetalent herauslösen, um es bestens dotiert als Randfigur versauern zu lassen? Bayern kann für einen Spieler, den man nicht braucht und den man nicht will, mehr Geld ausgeben als andere Vereine für ihren gesamten Kader. Matthias Sammer formulierte das Selbstverständnis der Bayern im Februar 2015 so: „Wir kommen jetzt in die ganz heiße Saisonphase, das muss uns bewusst sein, da müssen wir den Maschinenmodus und nicht den Gefühlsmodus anwerfen. […] Jetzt zählt kein Gefühl, wir müssen gnadenlos gierig sein und wieder in diesen gnadenlosen Rhythmus kommen.“ Auch wenn Sammer ernsthaft erkrankt ist und ich ihm baldige Genesung wünsche, bin ich froh, dass derartig unmenschliche Formulierungen seltener zu hören sind, seit er bei Bayern nicht mehr in der ersten Reihe steht.

Selbst schuld, könnte man zu Götze jetzt sagen, er ist ja nicht verschleppt worden. Er wollte zu den Bayern, genau wie Baumjohann, Weiser, Rode und die anderen. Aber ganz langsam zeigen die Spieler der neuen Generation, dass sie es nicht als den Höhepunkt ihrer Laufbahn empfinden, bei München außen vor zu sein. Auch auf dem Branchenprimuskocher wird nur mit Wasser gekocht. Gianluca Gaudino (2014-15 / 8 / 373) wurde 2015 in die super-super-super Regionalliga degradiert und ließ sich Anfang 2016 für eineinhalb Spielzeiten nach St. Gallen ausleihen. Pierre Emil Højbjerg war schon zweimal ausgeliehen und will endgültig weg, genau wie Rode, der es aus dem Kreise der oben genannten Teilzeitprofis immerhin auf eine vierstellige Minutenzahl in zwei Spielzeiten brachte. Vereinstreue wird schnell als Anachronismus denunziert, ein Korb für einen größeren Verein als mangelnder Ehrgeiz. Benedikt Höwedes, der nicht schon dreimal Deutscher Meister war, bezeichnet sich im kicker-Interview am Donnerstag als „ein bißchen Fußballromantiker“, weil er den für ihn optimalen Bedingungen auf Schalke den Vorzug gibt vor als beispielsweise einer lieblos abgenudelten Meisterfeier mit lauwarmen Bier auf einem viel zu engen Balkon.  Dabei sollte man als Spieler doch vor allem eins wollen: spielen.

Götzes Rückkehr zu Dortmund ist ein Ding der Unmöglichkeit – die erdige Fankultur in Lüdenscheid mag keine global player, die überall zuhause sind. Also soll Götze jetzt aus München abserviert werden, möglichst so, dass er keine allzu große Delle in der Transferbilanz hinterläßt. Um so erfreulicher, dass Götze darauf offenbar keine Lust hat und dabei auch noch Unterstützung von Joachim Löw erfährt. Der FC Bayern inszeniert sich gerne als große Familie, in der Causa Götze erinnert er an eine Rockerdisco mit Kim Il McRummenigge als Rausschmeißer. Wenn Götze so dringend gehen soll, warum nicht ablösefrei? Dortmund drei Jahre lang zu schwächen, das sollte doch 35 Millionen wert gewesen sein.

First and Ten – Superbowl 50

Bei ran konnte man in den letzten Wochen online und im Fernsehen die Playoffs der National Football League (NFL) sehen. Am 7. Februar steigt das Endspiel, der Superbowl 50.  Austragungsort ist das neue Stadion der San Francisco 49ers, die seit 2014 zuhause nicht mehr in Grumpy Old Candlestick Park spielen, sondern ein Stück weiter südlich in Santa Clara, mitten im Silicon Valley. Trotzdem heißt das Stadion nicht Yahoo oder Oracle, sondern Levi’s Stadium. Levi Strauss, der Erfinder der Goldgräberhose, kam ursprünglich aus dem fränkischen Buttenheim, zwischen Bamberg und Forchheim gelegen, nur so nebenbei. Die 49ers spielten eine miserable Saison, haben mit Chip Kelly aber einen sehr interessanten neuen Coach verpflichtet, vielleicht ein wenig mit Hans Meyer vergleichbar, sofern es einen Erdling gibt, der mit Hans Meyer vergleichbar ist. Im Endspiel stehen die Denver Broncos mit ihrem alten Schlachtroß Peyton Manning als Quarterback. Sie treffen auf die Carolina Panthers aus Charlotte, North Carolina mit dem ihrem Überflieger-Quarterback Cam Newton. Der legt so rotzfreche Laufspiele hin, dass er mich ein wenig an „Joltin‘ Joe“ Montana erinnert, der manchen als bester QB aller Zeiten gilt und ab 1981/82 mit dem Gewinn des Superbowl XVI die goldene Ära der 49ers einläutete.

Sie wissen nicht, was ein Laufspiel oder ein Quarterback ist? In diesem Fall ist die Berichterstattung auf Sat 1 rückhaltlos zu empfehlen. Die Sendungen zur NFL sind ein echter Geheimtipp. Eine gelungene Mischung aus hochkarätiger Fachsimpelei, hemmungsloser Begeisterung für diesen außergewöhnlichen Sport und hintergründigem Antifernsehen, das alles macht, außer sich selbst zu ernst zu nehmen.

Die Moderatoren zum Beispiel spielen ihr ganz persönliches Bullshit-Bingo. Eigentlich haken beim Bullshit-Bingo Fernsehzuschauer auf einem Zettel die Dauerphrasen von (Sport)moderatoren ab, sobald diese sie von sich geben. Bei ran NFL machen sich die Moderatoren selbst über ihre Phrasen lustig. Momentum zum Beispiel, eines der Schlüsselwörter in der Berichterstattung des US-Fernsehens, von dem ran die Bilder übernimmt. Es läßt sich kurz und knapp mit Eigendynamik des Spielverlaufs übersetzen.

Das Moderatorenteam bei ran besteht aus dem früheren Basketballer Frank Buschmann, Roman Motzkus, ehemals Wide Receiver bei den Berlin Adler, dem vormaligen Quarterback der Cologne Crocodiles Jan Stecker sowie Patrick Esume, der als Assistant Coach unter anderem bei den Oakland Raiders  in der NFL gearbeitet hat. Und dann gibt es noch einen gewissen Icke, der eigentlich Christoph Dommisch heißt, und vom Katzentisch aus vor einer großen Social Media Leinwand die Sendung mit dem üblichen Social Media Trash anreichert. Zum Beispiel zeigt er ein gepostetes Foto von Footballfans in Schottenröcken mit dem Hashtag #schottentragennichtsdrunter. Oder ein gepostetes Foto von Footballfans, die kleine Hüte aus gelbem (Plastik)Käse tragen, weil sie Fans der Green Bay Packers sind. Oder die tausend Smileys von Gisele Bündchen, wenn ihr Ehemann Tom Brady, Quarterback der New England Patriots, einen Touchdown-Pass geworfen hat. Oder einen Kalender, bei dem die Köpfe der fünf Moderatoren so elegant auf die Körper von NFL-Cheerleaders montiert sind, dass man sich an Windowlicker von Aphex Twin erinnert fühlt. Was man halt so zeigt, wenn es früh um halb fünf ist. Und was man natürlich auch unbedingt sehen will, wenn Quarterback Carson Palmer von den Arizona Cardinals gerade seine vierte Interception geworfen hat.

Der Umgangston ist fachlich kompetent, aber locker. Den einen Abend war „hamsti bamsti“ zu hören, eine schöne Reminiszenz an den frühen Robin Williams, als er noch Mork vom Ork war. Der Football heißt „das Brot“, man flachst sich an, springt brüllend vor Begeisterung vom Moderatorentisch auf, und ab und zu sagt einer „ohne Scheiß“. Das ganze hat den Charakter eines niveauvollen Kneipengesprächs unter Gentlemen. Keiner macht die Lieblingsmannschaft des anderen nieder, keiner will es den Zuschauern zeigen, niemand will Recht haben. Das ganze wird angereichert mit zahllosen Anglizismen. Der Quarterback wird von den Defensivspielern der gegnerischen Mannschaft gesacked, und eingesackt trifft es ganz gut, was ihm da passiert. Pässe werden overthrown, plays gecalled, geblocked wird one on one oder eins auf eins, und manch Quarterback zeigt gegen Ende des Spiels ein gutes clock management.

Für den Laien – sofern er ein Fünkchen Interesse für den Sport aufbringt – sind bei der ersten Begegnung mit (American) Football die millimitergenauen Pässe über manchmal dreißig, vierzig Meter das zunächst Faszinierende. Und Millimeter heißt hier wirklich Millimeter. Football ist um einiges präziser angelegt als Fußball. Für mich, der im Schlagballweitwurf immer eine Vier Minus hatte, grenzt es an Hexerei, wie man das Brot ohne Wobble/Flattern so weit so exakt werfen kann. Vor allem, wenn gerade vier 150-Kilo-Hünen auf den Werfer zustürmen.  Sagen wir es so: Eine erfolgreiche Footballmannschaft, egal ob Offensive oder Defensive, spielt mit der Präzision eines Symphonieorchesters, nicht nur, was Notenwerte und Tonart angeht, sondern bis in die Phrasierung hinein. Ein sehr gutes Fußballspiel ist im Vergleich dazu eine richtig geile Jam Session. Man hat sich vorher auf die Form geeinigt (Blues in F oder Summertime bzw. Viererkette, Ecke auf den kurzen Pfosten), die Details ergeben sich aus der Situation. Es gibt im Fußball mehr Freiräume, mehr Platz zum Improvisieren.  Anders als im American Football gibt es mehr Möglichkeiten, einen Fehler zu korrigieren und Eigeninitative zu entwickeln.

Die eigentliche Seele des Spiels aber sind die Laufspiele. Ein Spieler rennt mit dem Ball unter dem Arm und wird frei gesperrt oder durch gegnerische Blocks gestoppt. Diese Suche nach dem freien Raum in Sekundenbruchteilen, die einstudierte Choreographie des Laufspiels und ihre Zerstörung, das gibt dem Spiel die taktische Tiefe. Die Viererkette der Italiener bei der EM 2000 – Cannavaro, Nesta, Pessotto, Maldini – hatte eine Schönheit in ihrer Präzision, die gutem Laufen und Blocken im Football nahekommt. Aber auch nur nahekommt.

Viel besser erklären als ich kann das Patrick Esume, dessen Erläuterungen zu den einzelnen Spielzügen, taktischen Optionen, Fehlern und Geistesblitzen das Interessanteste und Beste an Sportberichterstattung ist, seit Franziska van Almsick die Schwimmwettkämpfe bei den Olympischen Spielen in London 2012 kommentierte. Esume und die Gang von ran sowie van Almsick teilen eine Gemeinsamkeit: Respekt vor dem Athleten. Nicht Respekt vor dem erfolgreichen Athleten, sondern auch vor der Tatsache, dass jeder Wettkampf Verlierer braucht, um Sieger hervorbringen zu können. Das Auftreten der deutschen Schwimmer in London war wenig erfolgreich. Aber auch wenn ihr Co-Moderator den sportlichen Wert dieser Schwimmwettkämpfe auf die Frage reduzieren wollte, warum denn die deutschen Schwimmer aus seiner Sicht so jämmerlich versagt hatten, van Almsick wich keine Sekunde von ihrer Linie ab, den Sport zu erläutern. Sie sprach über Trainingsabläufe, mentale Vorbereitung, Taktik im Rennen, über alles, aber niemals bemängelte sie fehlende Siege oder machte ihren Kolleginnen und Kollegen Vorwürfe.

Beim zweiten Halbfinalspiel der NFL (eigentlich war es die NFC Championchip, aber das würde hier zu weit führen) trafen mit den Arizona Cardinals und den Carolina Panthers die punktbesten Mannschaften der Regular Saison aufeinander. Die Panthers gewannen 50-15, Carson Palmer, der Quarterback der Cardinals, warf das Brot vier Mal zum Gegner, der beste Passfänger des Teams Larry Fitzgerald, ließ zweimal unbedrängt den Ball fallen, was ungefähr so gravierend ist wie Kahns Patzer im WM-Endspiel 2002.

Von Häme im ran-Studio keine Spur. Bis zum Schluß grübelten die Moderatoren, was den Cardinals vielleicht noch einfallen könnte, woran es liegen konnte, welche Fehler gemacht wurden, warum die Panthers so stark waren. Sie machten ihren Job, erklärten und analysierten, was da gerade passierte, immer wieder aufgelockert durch Ickes situationistische Einlagen. Es war bei allen Spielen sehr viel Respekt vorhanden für eine Mannschaft, die gerade nach allen Regeln der Kunst in ihre Einzelteile zerlegt wurde, für jeden Spieler, der durch einen individuellen Fehler zur Niederlage seiner Mannschaft beitrug.

Es ist kein Zufall, dass es Ex-Profis sind, die in diesen Situationen einen anderen Zungenschlag pflegen als die meisten Journalisten.  Und es ist auch kein Zufall, dass es Randsportarten sind, die einen anderen Umgang ermöglichen als das dauernde Warten auf den Erfolg, die Spitzenleistung, das Jahrhundertmatch. Auch wenn alle froh sind, wenn der Medaillensegen wächst, ja, auch Schwimmen ist eine Randsportart.

Am anderen Ende der Fairness-Skala findet sich der jetzt ob seines bevorstehenden Abschieds hochgelobte Marcel Reif. Mag sein, dass er mit der deutschen Sprache präziser umgeht als die meisten seiner Kollegen, zugleich ist er aber auch der Großmeister der Herablassung. Würde man Bullshit-Bingo spielen, während Marcel Reif ein Spiel moderiert, könnte man früher oder später das Wort „Klassenunterschied“ von seinem Zettel streichen. Keiner ist so schnell bei der Hand, wenn es darum geht, einer von zwei Mannschaften die sportliche Berechtigung grundsätzlich abzusprechen. Auch die von ihm gern gebrauchte Formulierung „X kann sich nur selbst schlagen“ bedeutet die vollkommene Entwertung eines der beiden Kontrahenten. Wenn sich X nur selbst schlagen kann, dann ist Y eigentlich überflüssig, dann muss man weder wissen, wie das Spiel ausgeht, noch Y Respekt dafür zollen, dass sie es an einem Tag, in einem Spiel geschafft haben, besser oder glücklicher zu sein als X. Dann ist Y ein Hochstapler, wenn es gewinnt. Denn Y hat gar nicht gewonnen, X hat sich selbst geschlagen.

Reif ist die Galionsfigur einer Sportberichterstattung, die sich (im Fernsehen) fast immer als todernstes Weihfestspiel, oftmals mit nationalem Auftrag sieht. Es gibt keinen Schnack, keine Lässigkeit, keine Albern- und Blödheiten, naürlich auch nicht bei ran und Sat 1 in seiner Fußballberichterstattung. Man will Sieger zeigen, nicht den Sport vermitteln. Die meisten Kommentatoren sind Einpeitscher, die bei jedem Spiel mit deutscher Beteiligung von der ersten Sekunde an Argumente zusammentragen, warum nur die Deutschen – egal ob Nationalelf oder Verein – dieses Spiel gewinnen werden. Wenn Per Mertesacker nach dem Achtelfinale 2014 gegen Algerien die Faxen dicke hat, wird er zum Problemfall abgestempelt. Gewinnen ist etwas Schönes, gewiss. Der Pokalsieg von Nürnberg wärmt auch nach neun Jahren noch die Seele in düsteren Zweitligazeiten. Das 7-1 gegen Brasilien waren neunzig Minuten Genialität und Schönheit. Aber der Respekt vor dem Verlierer ist so wichtig wie die Freude über den Sieg. Man kann von „seinem“ Sport nur dann so rückhaltlos begeistert sein wie die Leute bei ran NFL, wenn man die Notwendigkeit der Niederlage akzeptiert hat. Man kann das Leben nur wirklich lieben, wenn man seine Sterblichkeit akzeptiert hat.

Kickoff für den Superbowl 50 ist in der Nacht von Sonntag auf Montag um 23.15 Uhr. See you in the end zone.