Schlagwort: Roman Weidenfeller

Meine Geheimfavoriten (2)

Meine Geheimfavoriten haben alle noch ein Spiel vor sich und müssen bis zum Abschluss der Gruppenphase aus datenschutzrechtlichen Gründen noch geheim bleiben.

Einer ist leider schon ausgeschieden, weil ein Schiedsrichter kurz nach Mitternacht ein reguläres Tor aberkannt hat. Dafür hat jetzt eine Mannschaft eine Chance aufs Weiterkommen, die von einem Kontinent kommt, für dessen Teams ich allergrößte Sympathien habe.

Einer meiner Geheimfavoriten ist schon qualifiziert und spielt heute um den Gruppensieg. Sie haben einen Titelfavoriten aus dem Turnier gekegelt und das 1-0 in diesem Spiel war Poesie wie von Pablo Neruda (zwinker, zwinker). Einer der Spieler heißt wie ein Sänger aus dem Land, den man ermordet hat.

Der dritte Geheimfavorit hat von einem Ex-Weltmeister eine mittelschwere Klatsche übergeholfen bekommen und muss das letzte Spiel gewinnen, hat aber durchaus eine realistische Chance aufs Weiterkommen, wenn sein Trainer nicht vorher an einem Magengeschwür zugrunde geht. Die Abwehr war löchrig wie, na, wie…?

Der vierte Geheimfavorit wird vermutlich Opfer einer abgefeimten Absprache zwischen ehemals ziemlich besten Freunden. Selbst wenn sie ihr letztes Spiel hoch gewinnen, könnte es nichts nutzen. Die Mannschaft spielt in einer Gruppe, in der es bisher nur außergewöhnlich spektakuläre Spiele gab.

Anmerkungen:

Die öffentlich-rechtliche Berichterstattung spottet weitgehend jeder Beschreibung. Tom Bartels bei Deutschland-Ghana an Borniertheit kaum auszuhalten. Plädiere für kommentarlose Spiele. Lieber Planstellen abbauen und Alphabetisierungskampagnen in anderen Ländern damit finanzieren.

Japan und Südkorea waren stark, als alle defensiv spielten. In dieser Offensiv-WM geben sie keine gute Figur ab.

Costa Rica rocks. Jetzt müssen die Urus bloß noch Italien rauswerfen.

Zwei Ex-KSC-Spieler sind die meinungsbildenden Experten dieses Landes. Warum ist der KSC nur zweitklassig?

„The Last of England“ ist der Titel eines ziemlich tollen Films von Derek Jarman. Er passt aber auch für die letzten zwanzig Minuten von England – Uruguay.

Was für ein unglaublicher Luxus, Podolski, Klose, Weidenfeller und Schweinsteiger auf der Bank zu haben. Gut gewechselt, Bundestrainer.

Wenn Poldi gegen die USA ein Tor schießt, rennt er aus Versehen zu Klinsmann und umarmt ihn.

Freundliche Einladung zu meiner nächsten Lesung:

Am 28. Juni lese ich von 18 – 18.30 Uhr in der Bier- und Weinbar Otello in der Poststraße 28, 10178 Berlin aus meinem Kriminalroman „Immer schön gierig bleiben„. Veranstalter ist der Verein Nikolaiviertel e.V., der am kommenden Wochenende zum 1. Berliner Bücherfestival einlädt. Ich freue mich auf viele Zuhörerinnen und Zuhörer und glaube nicht, dass in der ersten Halbzeit des ersten Achtelfinales sonderlich viel passieren wird.

Der große Ausverkauf

Das ist schon ein ziemlich konsequenter Radikalschlag, den Martin Bader da betreibt. Plattenhardt, Hlousek, Nilsson, Pogatetz, Chandler, Hasebe, Ginczek, Feulner, Drmic, jetzt vielleicht auch noch Frantz. Komischerweise hält sich meine Sorge über den sportlichen Substanzverlust in Grenzen. Drmic wäre auch bei einem Klassenerhalt nicht zu halten gewesen. Plattenhardt, Hlousek, Chandler, Pogatetz, und Feulner waren zuletzt eher unterdurchschnittlich. Hasebe und Ginczek sind nominell sicherlich sportliche Verluste, aber Hasebe geht nicht fit zu einer WM, und wenn Stuttgart 2,5 Mio für einen Spieler zahlen will, der vor vier Monaten einen Kreuzbandriss hatte, nun ja.  Der einzig echte Verlust ist Nilsson, auch weil er international so viel Erfahrung hat. Frantz wäre auch ein Verlust, der Club braucht Spieler, die sich mit dem Verein identifizieren. Insofern hätten sie – kalter Kaffee – Maroh nicht nach Köln gehen lassen sollen.

Interessanter sind natürlich die Spieler, die (noch) da sind. Polak finde ich eine gute Wahl, Rakovsky ist sehr spannend. Ob die Ablösung Schäfers jetzt schon erfolgen sollte, nach dem Modell Madrid? Rafa spielt Pokal, Rakovsky die Liga. Allerdings wäre es nicht fair, wenn Schäfer nur ein Saisonspiel macht. Er hat eine überragende Saison gespielt, steht notenmäßig vor den beiden WM-Fahrern Weidenfeller und Zieler und ist die personfizierte Erfahrung. Nichts gegen Ismaël, aber das Haifischbecken Zweite Liga ist etwas anderes, als die Zweite Mannschaft eines finanziell gut situierten Erstligavereins zu trainieren. Da sind ein paar Zweitliga-Haudegen nicht verkehrt. Andererseits, wenn Rakovsky zu lange auf der (langen) Bank sitzt, dann geht er. Sylvestr ist ein sehr interessanter Mann, Mendler, der von Sandhausen zurückkommt, auch. Angha bleibt, was ist mit Eigengewächs Gärtner und mit Stark?  Ich glaube immer noch daran, dass Pekhart ein hervorragender Spieler wäre, wenn man aus ihm  einen Wandspieler machen würde, anstatt ihn nur als Knipser und Wühler zu sehen. Und ein Joker ist er gar nicht. Dass Pinola noch ein Jahr bleibt, gefällt mir. Ich traue ihm zu, sich noch ein bißchen weiter zu entwickeln, auch wenn es schwer wird für ihn mit einem Stammplatz.

Ganz nebenbei hat der Club bisher etwa 13 Millionen Euro eingenommen, ein bißchen Spielraum also für den neuen Trainer und für Wolfgang Wolf. Andreas Ottl, zuletzt Augsburg, ist vereinslos. Der hat mit dem Club mal den Klassenerhalt geschafft. Und die WM ist ja auch noch da, als Schaufenster. Vielleicht findet sich ja der überragende Bosnier der Vorrunde dann am Valznerweiher wieder.

Digitale Minimalisten

Eins oder Null, welch einen Unterschied das machen kann, hat Bayer Leverkusen jetzt in zwei Auswärtsspielen innerhalb von vier Tagen eindrucksvoll bewiesen. Gegen die überhitzten Duracell-Häschen aus Lüdenscheid waren sie gallig, in San Sebastian abgebrüht. Leverkusen beherrscht nicht nur den gepflegten Offensivwirbel, sondern hat auch die Entschlossenheit, ein dreckiges 1-0 zu machen, wenn es sein muss. Und es ist kein Zufall, dass ein Abwehrspieler, Toprak, das Tor für das Achtelfinale gemacht hat. Ein Malocher, ein Abräumer, ein Defensiver. Auch das zeichnet große Mannschaften aus. Puyol 2010 im Halbfinale, als die DFB-Elf ziemlich lange ziemlich gut verteidigt hatte. Oder 1998 Laurent Blanc gegen Paraguay im Achtelfinale mit dem Golden Goal. Reingehämmert, -gewürgt, -gebolzt irgendwie. Spanien und Frankreich konnten auch anders damals, und Leverkusen ist spielerisch noch nicht am Limit. Sie haben kein Genie mehr wie Emerson, keinen Grandseigneur wie Ze Roberto und keine technisch versierte Kampfmaschine wie Lucio in ihren Reihen, sie wachsen und entwickeln sich gemeinsam, ganz still und leise unter Anleitung des klugen Sami Hyypiä.

Obwohl die mannschaftliche Geschlossenheit die große Stärke ist, möchte ich Simon Rolfes ausdrücklich herausgeheben. Er spielt die beste Saison seiner Laufbahn und ist nicht nur nominell der Mannschaftskapitän, sondern das heimliche Kraftzentrum in dieser Hinserie. Notendurchschnitt 2,92, dazu zwei Tore in der Liga und drei in der Champions League. Das ist zahlenmäßig nicht viel, aber es waren entscheidende Tore, die der Mannschaft die Möglichkeit verschafften, sich das Spiel anzueignen und zu gewinnen. Gegen Hannover das 1-0, gegen Augsburg das 1-1, gegen San Sebastian im Hinspiel das 1-0 mit dem Halbzeitpfiff, gegen Donezk den Elfmeter zum 2-0. Dass die Mannschaft sein 1-1 in Manchester nicht besser nutzen konnte, lag nicht an ihm. Selbst beim desaströsen 0-5 gegen Manchester hatte Rolfes die Note 3,0 im kicker. Er ist stabil, aggressiv, findet fast immer eine spielerische Lösung und für einen defensiven Mittelfeldspieler torgefährlich genug, um unberechnbar zu sein.

Dass man Rolfes nach dem Ausfall von Khedira öffentlich nicht einmal in Erwägung gezogen hat, zeigt, dass Bundestrainer Löw kein Problem mit Kießling, sondern mit Leverkusen hat. Auch Leno, der im Gegensatz zu ter Stegen, Adler und Zieler CL spielt, bekommt viel zu wenig Anerkennung für seine konstant überragenden Leistungen. In der Bundesliga hat er einen Notenschnitt von 2,53 und ist damit notenbester Torwart (Weidenfeller 2,68, Neuer 3,03). In der CL steht Leno bei 2,60 (Neuer 2,50, Weidenfeller 3,25). Rolfes würde diesem mit Schönspielern überreichlich gut besetzten DFB-Kader gut zu Gesicht stehen. Die Özil, Götze und Reus brauchen Leute, die ihnen den Rücken freihalten, die auch mal einen nach klassischer Manier reinwürgen, wenn die Ästheten vorne wieder mal in Schönheit ausscheiden. Ein guter Sechser ist er nebenbei auch.