Schlagwort: Raphael Schäfer

Alles fließt, nur der Wasserhahn tropft

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Zwei Monate sind im Fußball eine lange Zeit. Für die vergangenen Wochen stehen bei mir schon mehr Stadionbesuche (2) in der Statistik als in der gesamten Vorsaison (0). Am 20. August erlebte ich im Max-Morlock-Stadion ein sehenswertes 2-2 gegen Union Berlin. Zweimal glich der Club einen Rückstand aus, mittlerweile hat er gegen Bochum und in Darmstadt sogar zwei Rückstände in einen Sieg verwandelt. Es ist wirklich eine prima Mannschaft mit vielen tollen Spielern, es macht Spaß zuzuschauen, auch wenn es wie gegen Bielefeld nicht immer reicht.Sehenswert waren im Stadion auch die politischen Choreos der Nordkurve an die Adresse des DFB:
„Für dich ist der chinesische TV-Zuschauer wichtiger als der Amateurkicker vom TSV Kornburg.“

Kornburg spielt fünftklassig in der Bayernliga Süd, steht auf Platz 18 von 19 und überlegt gerade, sich von seinem Trainer Herbert Heidenreich zu trennen. Heidenreich stand 1977 mit Gladbach im Halbfinale gegen Dynamo Kiew im Europapokal der Landesmeister. Über Tennis Borussia Berlin kam er zum 1. FCN, wo er von 1978 bis 1984 Denker und Lenker im Mittelfeld war, einen Aufstieg, ein DFB-Pokal-Finale und zwei Abstiege miterlebte.

Die schwere Verletzung seines aktuellen Lenkerdenkers Sebastian Kerk hat der Club gut weggesteckt, es gibt ja auch noch ein paar andere. Die Mannschaft hat dank Michael Köllner endlich wieder eine klare Spielidee und ist auf dem Weg, so sympathisch zu werden wie der 2007er-Kader mit Pinola, Schäfer, Mintal, wenn auch noch nicht so erfolgreich. Mal schauen, ob die Manager eine Idee finden, wie sie die Gang zusammenhalten. Irgendwann sollte es auch Spielervermittlern dämmern, dass große Spieler nur heranreifen, wenn Mannschaften gemeinsam wachsen können. Abdelhamid Sabiri übrigens, der fränkische Ousmane Dembelé, hat nach acht Spieltagen 160 von 720 möglichen Spielminuten in der Premier League für Huddersfield bestritten und noch kein Tor erzielt.

Prag war eine Reise wert – Slavia gegen APOEL Nikosia

Schon am Mittwoch danach war ich wieder im Stadion, diesmal spielte in der Qualifikation zur Champions League Slavia Prag gegen APOEL Nikosia. Es war ein herrlicher Abend, auch wenn Slavia nach dem 0-2 auf Zypern nur ein 0-0 zuwege brachte und verdient ausschied. Slavia spielt in der Eden Arena mit 20000 Plätzen, mitten in der Stadt. Das Spielfeld ist tiefer gelegt und wird von einem Gebäude, in dem man anscheinend wohnen kann, umschlossen. Stadion und Verein gehören einem chinesischen Mischkonzern. An der Fassade der Arena prangen die Porträts großer Spieler: Poborský, Šmicer, Vágner. Slavia feiert 2017 sein 125-jähriges Bestehen, genau wie der FC Liverpool und Hertha BSC. 1892 als Literaten- und Rhetorikervereinigung Slavia gegründet, wurde der Verein zwei Jahre später wegen nationalistischer Tendenzen erst verboten und dann als Sportverein wieder zugelassen. 1896 gründete Slavia seine Fußballabteilung. Unter dem schottischen Coach John William Madden, an den im Stadion überall erinnert wird, hatte Sparta von 1910 bis 1930 europäisches Spitzenniveau. Madden spielte für Celtic und Tottenham und ist in Prag beerdigt. In den letzten zehn Jahren konnte Slavia zwei Insolvenzen abwenden, 2017 wurden sie zum vierten Mal tschechischer Meister. Gegen Nikosia reichte es trotzdem nicht. Es gab alkoholfreies Bier (nealko pivo) und alkoholfreie Kolbasz. Wir saßen neben der Slavia-Kurve, unablässig skandierten die Fans das auch vom Eishockey bekannte Toto-Ho! Etwa 13 Minuten nach Schlusspfiff wurden wir aus dem Stadion geschickt, weil die Sicherheitskräfte zusperren wollten. Vermutlich gilt chinesisches Arbeitsrecht.

Die Zyprioten spielen listig und entschlossen und waren schon zweimal in der Champions League dabei, 2011 wurden sie sogar Gruppensieger. Man darf gespannt sein, ob dem Trainerfuchs Georgios Donis etwas einfällt, um die zuletzt immer durchsichtiger werdende Spielanlage von Borussia Dortmund auszuhebeln.

AbgasWerteBetrug und Financial Fair Play

Apropos Trainerfuchs: Jupp Heynckes ist neuer Trainer bei Bayern München. In den allgemeinen Jubelorgien wurde eisern verschwiegen, dass Don Jupp (damals noch Osram) am 8. Oktober 1991 bei Bayern nach einem 1-4 gegen die Stuttgarter Kickers (Trainer Rainer Zobel mit seinem Nerz) „freigestellt“ wurde. In der jetzigen Situation hat man sich darauf geeinigt, Heynckes als Grandseigneur und Triplegewinner zu verkaufen.

Geeinigt hat man sich auch darauf, überall eine internationale Inverstorenverschwörung gegen die so anständig wirtschaftenden deutschen Vereine zu wittern. Der kicker hat zwei seiner letzten Berichte über den FC Bayern mit dem Hinweis begonnen, dass die Mannschaft bei Audi die neuen Sponsorenfahrzeuge abgeholt hat. Abgesehen von diesem schamlosen Product Placement könnte man bei all dem Gejammer über die finanzstärkeren Vereine auch mal ein Wort darüber verlieren, dass gegen Audi und VW sowie gegen den DFB-Generalsponsor Mercedes Benz immer intensiver wegen Abgasmanipulationen ermittelt wird. Was sagt das Financial Fair Play zu Sponsorengeldern, die durch Betrug erwirtschaftet wurden?

Und zum Nachtisch Rolling Sushi

Das Leben ist ein Rolling Sushi, zumindest wenn man wie der 1. FC Nürnberg den Relegationsplatz in Liga Zwei sicher hat, und Woche für Woche die appetitlichen Gegenkandidaten aus Liga Eins an sich vorbeiziehen sieht. Schwere Brocken allesamt, der Club muss Zähne zeigen, um nicht selbst als fränkisches Schäuferle vom Gegner verspeist zu werden.

Gestern, während des Spiels Werder Bremen gegen den VfB Stuttgart hatten der Meister von 2004 und der Meister 2007 beide vorübergehend Platz 16 inne. Am Ende des Tages steht Frankfurt dort, weil das schlechtere Torverhältnis den VfB auf den direkten Abstiegsplatz, der Sieg Werder ans rettende Ufer gebracht hat. In den letzten Wochen schauten auch Augsburg und Hoffenheim mal auf dem Relegationsplatz vorbei. Theoretisch dort landen können auch noch Darmstadt, der HSV und Wolfsburg. Bei solch einer Auswahl fällt die Entscheidung schwer, wen man sich da wünschen sollte.

Der Club hat sich den Relegationsplatz gegenüber der Konkurrenz souverän gesichert und dabei teilweise begeisternden Fußball gespielt. Jetzt gehen die Helden auf dem Zahnfleisch. Burgstaller, der nach seinem 3-1 gegen Leipzig nicht mehr laufen konnte, ist das Sinnbild dafür, dass  die Mannschaft am Ende ihrer Kräfte ist. Nach dem 6-2 gegen Union werden sie noch zwei Energieleistungen brauchen, um aufzusteigen. Trainer Weiler hat es geschafft, ein Team zu bauen, das trotz zahlreicher Schwierigkeiten eine großartige Serie hingelegt hat und in den besseren Momenten schon einiges an Spielkultur erahnen läßt. Die schweren Verletzungen von Erras und Schäfer hat die Mannschaft lange Zeit gut weggesteckt. Mit den beiden in der Stammelf wäre der Club am zweiten Platz vermutlich ein ganzes Stück näher dran, wenn nicht sogar mit dem besseren Torverhältnis an Leipzig vorbeigezogen.

Den Kader hat ganz überwiegend übrigens noch Martin Bader zusammengestellt, auch für das neue Nachwuchsleistungszentrum, aus dem Erras kommt, zeichnet er maßgeblich verantwortlich. Die einzige richtungsweisende Transferentscheidung von Andreas Bornemann war der lukrative Verkauf von Schöpf an Schalke. Im Sommer wird man sehen, wen der neue Manager ausfindig machen kann und wie es ihm gelingt, die Begehrlichkeiten der Konkurrenz auch gegenüber Weiler abzuwehren. Die Vertragsverlängerung mit Erras war ein wichtiger Beitrag dazu.

Gegen wen also soll der Club antreten am 19. und 23. Mai? Bei einem Rolling Sushi drängen sich Fischköpfe förmlich auf, aber gegen Werder, das muss nicht sein. Werder ist sympathisch, außerdem eine KO-Spiel-erfahrene, abgewichste Truppe, die 34 Spieltage lang vor sich hin dümpelt und dann im Pokal plötzlich groß aufspielt. Gegen Stuttgart hat der Club seinen größten Erfolg der letzten Zeit errungen, das könnte ein gutes Omen sein, ebenso wie die miserable Abwehr der Schwaben. Weitere Kandidaten für ein Südderby sind der FC Augsburg und Eintracht Frankfurt. Gegen Augsburg hat der Club schon mal eine Relegation gewonnen, Frankfurt zeigt im Moment Nervenstärke und wäre der Verein, der bei den Clubfans die höchsten Abneigungswerte besitzt. Im Vergleich zu einer Relegation Nürnberg gegen Frankfurt wirkt Game of Thrones wie eine Talkshow mit Anne Will. Darmstadt hat ein paar Big Points liegenlassen und ist sehr abhängig von Wagner und Standards, die Leistungskurve zeigt eher nach unten. Mein Herz gönnt den Lilien den Klassenerhalt, als Gegner wären sie auf dem Papier sicher angenehmer als die anderen. Der HSV hat wohl mit dem verdienten Sieg gegen Bremen den einen Schritt nach vorne gemacht in seiner Entwicklung, der ihm die Relegation dieses Mal erspart. Wolfsburg allerdings ist trotz 5 Punkten und 13 Toren Vorsprung im Moment alles zuzutrauen, auch der Absturz auf Platz 16. Für Hoffenheim spricht, dass sie eine Relegation schon überstanden haben, der Club hat das allerdings schon zweimal geschafft.  Wenn Weiler es jetzt schafft, so zu regenerieren, dass es keinen Spannungsabfall gibt, kann der Club jeden schlagen. Und die letzte halbe Stunde spielt er ja zuhause.

Warum ich so lange nicht geschrieben habe, hat der treue Leser Johannes gefragt. Nun, ich dachte natürlich, ich träume, als Nürnberg 18 Spiele unbesiegt war, und wollte nicht geweckt werden. Außerdem arbeite ich an meinem neuen Kriminalroman, der hoffentlich so spannend wird wie diese Saison mit dem Club.

Leere Ränge – volle Punktzahl

Finanziell ist der Zuschauerausschluß für Nürnberg vermutlich eine Bestrafung, sportlich erweist sich die gähnend leere Nordkurve als wirksame Motivationshilfe. Sieg gegen die Roten Teufel, Sieg gegen die Rote Brause. Die komplett neu zusammengefügte Mannschaft scheiterte gegen Düsseldorf und den FSV Frankfurt nicht an ihren mangelnden Fähigkeiten, sondern am Erwartungsdruck.

Sofortiger Aufstieg lautet das Saisonziel. Sofortig, das heißt, spätestens in der Relegation, die im fernen Mai 2015 stattfinden wird. Für den Fan heißt sofortig: jetzt, auf der Stelle, am besten am ersten Spieltag gegen Aue. Gegen die gab es am ersten Spieltag zwar einen Sieg, aber das Nervenflattern war zu spüren. Dann kam das 1-5 gegen Fürth, gegen die beste Mannschaft der Vorsaison, die nicht aufgestiegen war, und seitdem saßen die Fans auf ihren Schalensitzen oder standen in der Kurve und nahmen übel. In erster Linie nahmen sie immer noch den Abstieg übel. Ob er vermeidbar, peinlich, überflüssig war, darüber kann man diskutieren. Wer bei so einem Schneckenrennen wie an den letzten acht Spieltagen keinen einzigen Punkt holt, der wird seinem Ruf als Depp durchaus gerecht.

Andererseits: Wenn man sieht, wie Bayern und Dortmund rumjammern, wenn zwei oder drei Stammspieler fehlen, war es vielleicht am Ende vor allem das Verletzungspech. Bis zu acht Stammspieler musste der Club ersetzen, nicht mal Wiesinger kann man das anlasten. Gut, die Spieler (Mannschaft war das nicht mehr) wirkten am Ende innerlich unbeteiligt, aber Braunschweig, das von allem zu wenig hatte, außer von den Emotionen, stieg auch ab.

Gestern gegen Leipzig war eine ganz andere Nähe zwischen Spielern und Trainer zu sehen. Nicht nur, dass Valérien Ismaël jeden seiner ausgewechselten Spieler umarmte, auch auf dem Platz gab es viele ermunternde Gesten, im Lauf- und Grätschduell gegen Rangnicks Millionentruppe. Nebenbei: Ich halte RB nicht für den Untergang des Fußballs. Die Traditionsvereine, die die Neuankömmlinge als zu klein oder zu künstlich beschimpfen, scheitern nicht an den solventen oder klug agierenden Konkurrenten. Solange 1860, St. Pauli, Kaierslautern sich selbst im Weg stehen, ist Platz für Augsburg, Hoffenheim, Paderborn.

Zurück zum Club. Nicht nur bei der Torwartfrage hat Ismaël in den letzten Wochenein gutes Händchen bewiesen. Platzhirsch Schäfer war die erste Option. Als es nicht lief, kam der Tausch. Rakovsky hat gewisse Eigenwilligkeiten (Fangtechnik, Fausten), aber er spielt gut, und wird noch sehr viel besser werden. 2007/08 gab es eine ähnliche Konstellation. Nach dem Weggang von Schäfer hätte eigentlich Pokalheld Klewer die erste Chance erhalten müssen. Meyer entschied sich für den neuen Mann Blazek. Der patzte im ersten Spiel gegen Schalke (0-2), und die Mannschaft fand nie mehr die richtige Balance und Hierarchie. Wenn Klewer die (erste) Nummer Eins gewesen wäre, wäre der Club vermutlich nicht abgestiegen. Schäfer ist kein Stinkstiefel und wird sich jetzt, ähnlich wie Pinola, als Elder Statesman hilfreich in die neue Hierarchie einfügen.

Mit einem Mal steht auch der vielgeschmähte Manager Bader ganz anders da. Zum einen hat er mit Wolf und Polak zwei alte Leistungsträger zurückgeholt. Zum anderen hat er für wenig Geld einige wirklich sehr gute Leute geholt. Vor vier Wochen wurden Schöpf, Ramirez, Füllkrug noch als Fehleinkäufe abgestempelt, in der Winterpause wird man sich fragen, ob der Club sie halten kann. Die Frage wird sich auch bezüglich des Trainers stellen. Aber ich habe das Gefühl, dass uns die Konstellation Bader, Wolf, Ismaël und Mintal über das Ende dieser Saison hinaus erhalten bleiben wird.