Schlagwort: Markus Feulner

Eine Runde Armageddon für Alle

Der Schang, Jean Löring, der langjährige Präsident von Fortuna Köln, hat 1999 einmal seinen Trainer Toni Schumacher in der Halbzeitpause entlassen, als seine Fortuna gegen Waldhof 0-2 zurücklag. Abgesehen davon, dass jeder Jeck anders ist, sind solche Schnellschüsse eher selten. Warum in aller Welt also denkt man in Nürnberg über eine Entlassung von Trainer Ismaël nach, während die erste Halbzeit (der Saison) noch läuft, obwohl das Saisonziel noch erreichbar ist und die Mannschaft sich spürbar weiterentwickelt?

Sicher, Nürnberg steht nach 13 Spieltagen mit 14 Punkten auf Platz 14 und hat nach St. Pauli die schlechteste Abwehr. Aber welche realistischen Erwartungen durfte man an den Club haben für den 14. Spieltag? Welchen Tabellenplatz und welche Bilanz müsste er jetzt vorweisen, damit es keine Trainerdiskussion gibt? Im Moment hat er sieben Punkte Rückstand auf Platz 3. In der Vorsaison stand der spätere Aufsteiger Paderborn am 13. Spieltag auf Platz sieben und hatte fünf Punkte Rückstand auf Platz 2. Die Bild-Zeitung wetzt schon freudig die Messer und behauptet, dieser Rauswurf ziehe sich „wie Kaugummi“. Wann hätte man den Trainer dann entlassen sollen? Nach dem 1-5 gegen Fürth am zweiten Spieltag? Das wäre das richtige Signal für den langen Atem beim notwendigen Neuaufbau. Oder vielleicht besser nach dem 0-3 gegen Heidenheim am siebten Spieltag? Danach folgten die sieben Punkte gegen Kaiserslautern, Bochum und Leipzig. Dann vielleicht nach dem Unentschieden gegen St. Pauli, bei dem die Mannschaft zweimal zurückkam, obwohl sie krass benachteiligt wurde?

Sage jetzt keiner, Skripnik hat mit Werder auch schon dreimal gewonnen. Skripnik hat eine Mannschaft vorgefunden, die über zwei Jahre zusammengestellt wurde und ihre Leistung nicht abrufen konnte. Der Club muss erst einmal eine neue Mannschaft aufbauen, bevor man über deren (nicht abgerufenes) Leistungsniveau Aussagen treffen kann. Daran und nur daran sollte man die Arbeit des Trainers messen. Nicht am Tabellenstand und nicht am einen oder anderen verhunzten Spiel: Wirklich indiskutabel waren bisher drei Spiele: das 0-1 zuhause gegen den FSV Frankfurt, sowie die beiden 0-3 in Karlsruhe und Heidenheim. Das 1-5 in Fürth und das 0-2 zuhause gegen Düsseldorf fing man sich gegen zwei eingespielte Aufsteigsanwärter ein, gegen Darmstadt und Sandhausen war man gut im Spiel und scheiterte an der Unerfahrenheit. Und die muss wachsen, die bringt auch ein neuer Trainer nicht Ready-to-Play nicht einfach mit.

Ismaël macht sehr viel richtig: Er hat Rakovsky zur Nummer Eins gemacht, anders als in der Abstiegssaison, als der Club an seiner Ideenarmut im Offensivbereich scheiterte, erspielt sich diese Mannschaft ständig Chancen und hat statt eines Kreativspielers im Schmollwinkel (Kiyotake)  mit Schöpf, Candeias, Sylvestr und Füllkrug gleich vier davon in der Offensive. Ähnlich wie Schmidt bei Leverkusen besteht der Coach darauf, dass der Club immer, egal bei welchem Spielstand, das Spiel machen soll. Das wurde gegen Bochum und St. Pauli belohnt, gegen Sandhausen und Darmstadt nicht. Das langatmige Ballgeschiebe, das das letzte Drittel der Vorsaison bestimmte und auch unter Hecking viel zu oft praktiziert wurde, ist unerwünscht. Und nach vorne läuft das Bällchen immer wieder richtig gut. Wer Kaiserslautern eine Stunde lang aus dem Stadion spielt, hat ohne weiteres das Potenzial, rechtzeitig noch in das Aufstiegsrennen einzugreifen. Natürlich muss die Abwehrleistung besser werden, gerade das Siegtor von Sandhausen war ein Beitrag aus dem Katalog für Slapstickeinlagen. Immerhin aber hat man auch schon drei Mal zu Null gespielt, einmal gegen den Millionensturm von RB Leipzig. Auch in diesem Spiel bot der Club eine Leistung, die das Ziel sofortiger Wiederaufstieg als realistisch erscheinen läßt.

Es gibt genug Beispiele dafür, dass Geduld sich lohnt: der zunächst auf ganzer Linie gescheiterte Hjulmand in Mainz, Stöger in Köln, Korkut in Hannover, alle Jahre wieder Streich in Freiburg, nicht zuletzt auch der Duracell-Guru von Lüdenscheid. Umso mehr gilt das, wenn ein neuer Trainer mit einer komplett neuen Mannschaft arbeiten muss. Einen derart radikalen Umbruch wie beim Club hat es nicht oft gegeben. Dieser Umbruch war vollkommen richtig. Bis auf Kyiotake (seit drei Spielen) bei Hannover, Mak bei Thessaloniki und mit Abstrichen Hasebe bei Eintracht Frankfurt und Angha bei 1860 München sind die abgegebenen Spieler meilenweit von ihren persönlichen Zielen und den Erwartungen ihrer Vereine entfernt: Nilsson wollte mit Kopenhagen in die Champions League, das in der Europa League gerade 0-4 zuhause gegen Brügge verlor und in der Gruppe auf Platz 3 steht. Plattenhardt (zu Hertha), Chandler (zu Frankfurt), Feulner (zu Augsburg) wollten einen Stammplatz bei einem Bundesligisten und sind außen vor, Drmic ist bei Leverkusen ungefähr so wertvoll wie Schieber bei Dortmund, Ginczek steht nach seinem Kreuzbandriss nach wie vor ohne einzige Minute da, Stuttgart ist Letzter. Pekhart (bei Ingolstadt) wurde in sieben Spielen sechs Mal frühestens in der 64. Minute eingewechselt und ist bisher torlos. Mike Frantz schlägt sich gut in Freiburg, das ist der einzige Spieler aus dem alten Kader, den Bader nicht hätte verkaufen dürfen.  Aber der große Umbruch zu Saisonbeginn war genau richtig, auch wenn Bader dafür anhaltend verbale Prügel bezieht.

Es wäre ein Jammer, ein richtungsweisender Fehlgriff, wenn der Verein jetzt Ismaël feuert. Es wäre die vierte Neuausrichtung in weniger als zwei Jahren, seit Heckings Abgang Weihnachten 2012. Der Club nähert sich damit wieder seinen finstersten Zeiten an und äfft den HSV nach, der seit 2007 elf verschiedene Trainer hatte. Der Verein wird dadurch nicht attraktiver für Trainer, die das besitzen, was jeder haben will: ein Konzept und eine eigene Handschrift. Gegen Kaiserslautern hat Ismaël beim Stand von 3-2 in der 78. Minute seinen designierten Abwehrchef Hovland eingewechselt. Der Norweger absolvierte damit seine ersten zwölf Saisonminuten, und der Club brachte das Ding nach Hause. Das hat Stil, das ist Klasse, da ist mutiges Coaching belohnt worden. Gegen Sandhausen hat Ismaël dafür bezahlt, dass er Pinola eine neue Chance gegeben hat. Pino ist Kult, Fußballgott und Pokalsieger, aber seine Fehler in Serie haben den Club am Freitag um einen Punktgewinn gebracht. Aber dass Ismaël seinen Spielern vertraut, auch einem alten Haudegen, das war groß. Ismaël ist bereit, ins Risiko zu gehen und er denkt sich etwas dabei. Obwohl er in Wolfsburg ganz andere Möglichkeiten gehabt hätte, hat er sich für den Club entschieden.  Der Club sollte mit Ismaël weiterarbeiten.  Nach dem Derby gegen Fürth am 20.12. wird der Rückstand auf Platz 3 geringer sein als heute. Danach ist alles drin.

 

 

 

 

 

 

 

 

Der große Ausverkauf

Das ist schon ein ziemlich konsequenter Radikalschlag, den Martin Bader da betreibt. Plattenhardt, Hlousek, Nilsson, Pogatetz, Chandler, Hasebe, Ginczek, Feulner, Drmic, jetzt vielleicht auch noch Frantz. Komischerweise hält sich meine Sorge über den sportlichen Substanzverlust in Grenzen. Drmic wäre auch bei einem Klassenerhalt nicht zu halten gewesen. Plattenhardt, Hlousek, Chandler, Pogatetz, und Feulner waren zuletzt eher unterdurchschnittlich. Hasebe und Ginczek sind nominell sicherlich sportliche Verluste, aber Hasebe geht nicht fit zu einer WM, und wenn Stuttgart 2,5 Mio für einen Spieler zahlen will, der vor vier Monaten einen Kreuzbandriss hatte, nun ja.  Der einzig echte Verlust ist Nilsson, auch weil er international so viel Erfahrung hat. Frantz wäre auch ein Verlust, der Club braucht Spieler, die sich mit dem Verein identifizieren. Insofern hätten sie – kalter Kaffee – Maroh nicht nach Köln gehen lassen sollen.

Interessanter sind natürlich die Spieler, die (noch) da sind. Polak finde ich eine gute Wahl, Rakovsky ist sehr spannend. Ob die Ablösung Schäfers jetzt schon erfolgen sollte, nach dem Modell Madrid? Rafa spielt Pokal, Rakovsky die Liga. Allerdings wäre es nicht fair, wenn Schäfer nur ein Saisonspiel macht. Er hat eine überragende Saison gespielt, steht notenmäßig vor den beiden WM-Fahrern Weidenfeller und Zieler und ist die personfizierte Erfahrung. Nichts gegen Ismaël, aber das Haifischbecken Zweite Liga ist etwas anderes, als die Zweite Mannschaft eines finanziell gut situierten Erstligavereins zu trainieren. Da sind ein paar Zweitliga-Haudegen nicht verkehrt. Andererseits, wenn Rakovsky zu lange auf der (langen) Bank sitzt, dann geht er. Sylvestr ist ein sehr interessanter Mann, Mendler, der von Sandhausen zurückkommt, auch. Angha bleibt, was ist mit Eigengewächs Gärtner und mit Stark?  Ich glaube immer noch daran, dass Pekhart ein hervorragender Spieler wäre, wenn man aus ihm  einen Wandspieler machen würde, anstatt ihn nur als Knipser und Wühler zu sehen. Und ein Joker ist er gar nicht. Dass Pinola noch ein Jahr bleibt, gefällt mir. Ich traue ihm zu, sich noch ein bißchen weiter zu entwickeln, auch wenn es schwer wird für ihn mit einem Stammplatz.

Ganz nebenbei hat der Club bisher etwa 13 Millionen Euro eingenommen, ein bißchen Spielraum also für den neuen Trainer und für Wolfgang Wolf. Andreas Ottl, zuletzt Augsburg, ist vereinslos. Der hat mit dem Club mal den Klassenerhalt geschafft. Und die WM ist ja auch noch da, als Schaufenster. Vielleicht findet sich ja der überragende Bosnier der Vorrunde dann am Valznerweiher wieder.

Urmel Busters auf Kaperfahrt

Augusburg spielt im Moment seinen besten Fußball seit Helmut Haller, Trainer Weinzierl kennt den Inhalt seiner Puppenkiste aus dem Öfföff. Gegen den FCA muss der Club am Sonntag trotzdem punkten. Es hilft nichts, wenn sich Verbeek nicht rasiert, bis Ginczek wieder auf dem Platz steht. Gertjan, der Graue schafft es vielleicht sogar, den ständig schlamperten Mak ein bißchen besser einzustellen. Oder Pekhart kriegt endlich mal ein paar gute Flanken. Oder ein Schuß von Feulner aus der zweiten Reihe reicht, weil die Abwehr absolut fehlerfrei verteidigt.

Auf die chaotischen Zustände beim HSV sollte sich der Club auf keinen Fall verlassen. Wobei, was der HSV im Moment abliefert, stellt manchen Tiefpunkt der Außendarstellung des FCN nebst Schalker Kreisel- und Kölscher Klüngeleien locker in den Schatten. Ein Verein zerfleischt sich in Echtzeit auf offener Bühne. Keine Spur vom Klischee der „kühl rechnenden hanseatischen Kaufleute“, das bei Bremen und beim HSV gerne bemüht wird. Als ob in 500 Jahren Hanse nie einer Pleite gemacht hätte.  Irgendwann wird James Cameron dieses Drama verfilmen. Mit Leonardo di Caprio als Rafael van der Vaart und George Clooney als Bert van Marwijk. Was für ein Stoff, was für ein Drama.

Aber darauf darf sich Nürnberg nicht verlassen. Wenn es am Sonntag 3-0 für die Bärte (Tore: Nilsson, Plattenhardt, Pekhart) hieße, wäre dies ein weiterer wichtiger Schritt aus der unmittelbaren Gefahrenzone.