Schlagwort: Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt

Abstieg ist Chefsache

Aus Gründen war dieser Blog einige Monate nicht aktiv und auch nicht zu erreichen. Kurz nach meinen Zweifeln an Kimmich machte dieser begabte, aber übereifrige Bub zusammen mit dem hinkenden Schlachtross Schweinsteiger die entscheidenden Fehler im Halbfinale gegen Frankreich. So war ich in der Lage, auf dem Musikfestival in Rudolstadt entspannt von Bühne zu Bühne zu schlendern, während Portugal die bittere Medizin aus dem Jahr 2002 den diesmal gastgebenden Franzosen verabreichte.

Der 1. FC Nürnberg hat einen neuen Trainer. Er heißt Alois Schwartz, und seine Auftaktbilanz meißelte auch Kummer gewohnten Fans die Sorgenfalten ins Gesicht. Mittlerweile sieht die Situation wieder etwas besser aus, allerdings ist der Club in dieser Saison nach wie vor die Mannschaft, die am häufigsten einen Vorsprung hergeschenkt hat. So landet man am Ende nicht einmal auf Platz 3.

In der Bundesliga hat der größte Innovator der letzten Jahre, Ralf Rangnick, nach Hoffenheim auch RB Leipzig an die Tabellenspitze geführt. Die Bayern werden Leipzig in dieser Saison nicht das Wasser reichen können. Sie sind ein heißer Abstiegskandidat, und Die Rückkehr des Wurstfabrikanten (der vierte Band, den Tolkien niemals schreiben wollte) wird die Lage nur noch verschlimmern.

Natürlich sollte Uli Hoeneß unbedingt und sofort alle freien Ämter beim FC Bayern besetzen: Präsident, Aufsichtsratvorsitzender, Eisverkäufer im Oberrang, Financial-Fair-Play-Beauftragter, Mannschaftsarzt. Mit ihm an der Spitze bekommt die schwere Krise des FCB jene Tiefe, die echte Königsdramen auszeichnet. Hier die Gründe für die Krise:

1 Die Mannschaft ist überspielt und hat zu viele Verletzte. Es gibt zu viele Beliebigkeitslemuren: Bernat, Martinez, Alonso, Costa und viele andere geben dem Spiel mal dies, mal das, aber kein Gefüge und Gepräge.

2 Man ist in der Offensive zu sehr von Lewandowski und in der Defensive zu sehr von Neuer und Boateng abhängig. Sie nehmen sich ihre Auszeiten und schwächeln regelmäßig in entscheidenden Situationen. Auch, wenn Oliver Kahn jeden Neuer-Patzer als „unhaltbar“ gesundbetet.

3 Schalke, Dortmund, Köln, Leipzig, Leverkusen und noch ein paar Vereine haben eine professionellere sportliche Leitung als den ewigen Polterer und Haudrauf Kim-Il McRummenigge. Der desginierte Ersatzmann für die Außendarstellung, besagter Hoeneß, wird auch bald wieder poltern.

4 Zahlreiche Mannschaften haben sich systematisch verstärkt. Ancelotti hat zu Saisonbeginn darauf bestanden, dass der Kader stark genug ist. Dabei ist Sanches ist zu jung, um gleich eine Verstärkung zu sein, Hummels hat seinen Zenit längst überschritten, ebenso wie Lahm. Kimmich ist kein Führungsspieler, genauso wenig wie Ribéry. Letztere spielen nur dann gut, wenn die Mannschaft eine Spielidee hat.

5 Weil der FC Bayern bei der Europameisterschaft ganz alleine vorzeitig ausgeschieden ist (Kimmich), steckt auch nur seinen Spielern dieses Tunier in den Knochen. Das ist sowas von unfair, dass ich mich frage, warum man nicht schon seit Wochen auf diesem Umstand herumreitet. Bayerischer Rundfunk, was macht ihr eigentlich für die teuren Gebühren?

6 Rein statistisch ist eine Krise einfach mal fällig. Das ist im Kapitalismus so.

7 Ancelotti hätte Zeit gebraucht, um den Pep rauszutrainieren. Viel Zeit hat er nicht mehr. Dass ihm etwas Eigenes einfällt, ist nicht abzusehen. Außerdem spricht er nicht so fließend perfekt akzentfrei Deutsch wie Guardiola, der damit alle um die Finger habe super-super chewickelt.

8 Guardiolas entscheidendes Vermächtnis ist es, Müller-Wohlfahrt weggeekelt zu haben. Ohne Mull, ob Nackt- oder angezogen hat es jede Mannschaft schwer.

9 Das heimliche Maskottchen, Thomas Müller, steht vollkommen neben sich. Und niemand ist in der Nähe, der ihm in die Spur zurück helfen könnte. Der Raumsucher muss sich erst wieder selbst finden.

10  Die Fans mögen es nicht, dass durch eine Elite-Europaliga die Bundesliga schlecht geredet wird. Dieser „Schmarrn“ und seine heimliche Hauruck-Implementierung zeigt, dass der FCB keine klare Idee mehr von sich selbst hat. Die Idee einer Konkurrenz-Liga mit Benelux- und skandinavischen Teams finde ich hervorrangend. Wenn man die schottischen, türkischen und israelischen Mannschaften noch dazu nimmt, hätte man einen wunderbaren Wettbewerb.

11 Der Fußballgott verzeiht vieles, aber er vergißt nichts. Mit Hoeneß an der Spitze hätte sich der FCB eine Extrawurst zu viel genehmigt. Das hat sich bei engen Spielen bereits ausgewirkt, war aber erst der Anfang vom Ende.

12 Und was macht eigentlich Franz Beckenbauer?

Guardiola – Losertriple statt Vizekusen

Vizekusen – seinen Schmäh- und Spottnamen hat sich Bayer Leverkusen 2010 patentieren lassen. Verliehen wurde der Elf von Klaus Toppmöller der Beiname, als sie 2002 in drei Wettbewerben nur Zweiter wurde. In der Bundesliga verlor Bayer am vorletzten Spieltag 1-0 in Nürnberg und Dortmund zog mit einem 4-3 beim HSV vorbei. In der Champions League verlor man mit 1-2 gegen Real Madrid mit einem genialen Zinédine Zidane, im DFB-Pokal unterlag man  4-2 gegen Schalke.

In der Champions League sind die Bayern mit Trainer Pep Guardiola dreimal hintereinander nicht einmal Zweiter geworden, sondern in der Vorschlußrunde ausgeschieden. Epische Endspielniederlagen wie 1999 gegen Manchester United oder 2012 gegen den FC Chelsea lassen sich irgendwie sinnvoll zur Pflege des eigenen Mythos einbauen, ein KO im Halbfinale bedeutet nur, dass es für  ganz vorne nicht gereicht hat. Ob das jetzt Trieze- oder Miezekusen heißt, kann dahinstehen, jedenfalls schleicht man nach dem Losertriple um die Bewertung von Guardiolas Amtszeit herum wie die Katze um den heißen Brei. Man preist seine vermeintlichen Verdienste schon allein deswegen, weil man der sportlichen Leitung der Bayern nicht den Vorwurf machen möchte, dass sie für ihre Ansprüche den falschen Mann verpflichtet hat. Guardiola hat schönen Fußball spielen lassen, das ist richtig, aber den gab es auch bei Bayer 2002 zu sehen, mit Ballack, Ze Roberto, Bernd Schneider, Lucio. Klaus Toppmöller war neben Jürgen Klopp, Thomas Tuchel, Hans Meyer und Thomas Schaaf einer der wenigen Trainer, die die Vormachtstellung der Bayern nicht vorauseilend akzeptierten, sondern mit Bayer ebenso wie bereits 1993/1994 bei Eintracht Frankfurt mit traumhaft schönem Fußball dagegenhielt. Mag Guardiola ein zumeist cleverer Taktiker sein, der Offensivstil von Toppmöller bleibt unerreicht und kommt dem Voetbal Totaal von Johan Cruyff näher als alles andere, was je in der Bundesliga je zu sehen war.

Jetzt, da Guardiola seine wesentlichen sportlichen Ziele nicht erreicht hat (und das Double 2014 nur gewann, weil Knut Kircher Borussia Dortmund ein reguläres Tor stahl), soll es plötzlich der künstlerische Gesamteindruck richten. Dass Atletico Madrid in beiden Spielen die reifere, die spielintelligentere Mannschaft war, die nicht nur Beton anrührte, sondern immer auch offensiv aktiv war, wird beiseite geschoben. Atleti war auch unter höchstem Druck stets technisch perfekt, verursachte bis auf das 1-0 durch Alonso im Rückspiel kaum Freistöße zu, spielte wenig Foul und hatte die wesentlich gefährlicheren Außenbahnspieler. Außerdem waren sie in der mannschaftlichen Geschlossenheit den Bayern ein Stückweit voraus. Die auch mit nominell schwächeren Spielern zu bilden, ist eigentlich Sache des Trainers. Karl-Heinz „Dolchstoß“ Rummenigge brabbelt sich dazu lieber seine eigene Verschwörungstheorie zurecht, und ausgerechnet Arturo Vidal erklärt, wie ein verdienter Einzug ins Endspiel auszusehen hat.

Wie groß das Bemühen ist, Guardiolas Nachruhm nicht zu beschädigen, zeigt auch das entschlossene Schweigen über zwei zweifelhafte Personalentscheidungen, den Verkauf von Bastian Schweinsteiger und das Mobbing gegen den Mannschaftsarzt Müller-Wohlfahrt. Schweinsteiger war ein Spieler, der für Guardiolas Stil mehr und mehr brotloser Schönheit viel zu grobschlächtig war. Aber er ist ein Mann mit Ecken und Kanten, einer der wie Lahm und Müller für das Selbstverständnis der Mannschaft dieser Jahre steht. Einer wie er hat gegen Atletico gefehlt. Stattdessen gab es im Mittelfeld Thiago und am Ende nix.

In der Triple-Saison unter Heynckes stand Arjen Robben in der Champions League 409 Minuten auf dem Platz und machte vier Tore, darunter das Siegtor gegen Dortmund. Für den Wettbewerb 2015/2016 stehen bei Robben 159 Minuten zu Buche, davon 90 im Hinspiel bei Juve, wo er ein Tor erzielte. Interessiert es wirklich niemanden, ob die minimalen Einsatzzeiten dieses besonders verletzungsanfälligen Spielers etwas damit zu tun haben, dass der langjährige Mannschaftsarzt erst zermürbt und dann geschasst wurde? Warum Guardiola den Mull vergraulte und warum die Vereinsführung dabei mitspielte, wird keiner der Verantwortlichen beantworten müssen, weil kein Journalist dazu Fragen stellt. 2015 würgte der Pressesprecher jede Nachfrage ab, heute wird bei der Guardiola-Bilanz Müller-Wohlfahrts unrühmlicher Abgang peinlich ausgespart.

Mir ist es recht, dass Bayern ausgeschieden ist, erstens war Atletico besser und zweitens sowieso. Irritierend ist, dass Guardiola trotz gravierender Fehlentscheidungen in drei Jahren jetzt in Watte gepackt wird. Nach dem Schlußpfiff am Dienstag machte kurzzeitig ein Tweet von Sport1 die Runde: „FC Bayern zieht nach 2-1 über Atletico Madrid ins Endspiel der Champions League ein“. Schön, wenn der strukturelle Wirklichkeitsverlust bei der Berichterstattung über diesen Verein und seinen Trainer Guardiola gelegentlich unfreiwillig so deutlich wird.

Game of Trainerstühlchen – Die fünfte Staffel

Was bisher geschah.

Im Reich des Südens: Nachdem Dynastiebegründer Ulus der Untersetzte beim Orakel von Abgabenordnung Buße für vergangene Sünden tun muss, ist sein Thron reichlich verwaist. Seine Diadochen haben nichts zu lochen außer Steuerbelege, als der Schamane des Königshauses, Müwo der Pumperlgsunde, aus heiterem Himmel freiwillig in die Verbannung geht. Er will sich nicht den Zorn des Übungsleiters Peperoni des Affenscharfen zuzuziehen, der glaubt, Müwo der Pumperlgsunde habe die Sprunggelenke vom besten Pferd im Stall behext. Doch auch Peperoni der Affenscharfe sollte sich nicht zu sicher fühlen, denn Haushofmeister Kim Il Mac R, bekannt und beliebt durch die Moderation unzähliger Bankette, sägt schon an seinem Klappstuhl.

Im Reich des Westens:  Der äußerst erfolgreiche Übungsleiter Kloppo Trump  geht nach sieben Jahren freiwillig in die Verbannung, um dort kalten Hackfleisch- und Nierenpudding zu essen. König Aki der Altbierverächter, läßt die Krokodile im Wassergraben seiner Burg Iduna mit einer Extraportion Currywürsten füttern, weil ihm die Tränen ausgegangen sind. Kleinkreutz, der Hofnarr, fällt durch den Schmerz über Kloppos Abgang in geistige Umnachtung und trainiert fortan Außenristpässe. Doch seht, ein fahrender Ritter, in feinstes Tuchel gehüllt, kann vielleicht Abhilfe bringen.

Im Reich des Nordens: Die letzten 13 Übungsleiter wurden alle in die Verbannung geschickt, jetzt hat Uva Seela, die greise Seherin auf Schloß Volkspark, Nummer 14 eine glückliche Zukunft prophezeit. Völlig überraschend wird der juvenil wirkende Barde Bruno La Balladia unter verhaltenem Jubel auf den Schleudersitz gehievt. Sein Vertrag gilt auch für die Unterwelt, weil er weder Hölle, Tod noch Pauli, den kleinen Maulwurf fürchtet. Um seine Mannen nervlich zu entspannen, läßt sie La Balladia als erstes „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“ anstimmen. Leider stellt sich die Viererkette im Tenor als eine empfindliche Schwachstelle heraus, was die Götter unfroh stimmt.

Es zeichnen sich unvorstellbare Verwicklungen ab.