Schlagwort: Eintracht Braunschweig

Guido B. und die vogelwilde 13

Die Zweite Liga geht in die Winterpause und der FCN liegt mit 25 Punkten auf Platz 9. Auf Platz 3 zum VfB Stuttgart sind es sieben Punkte Rückstand. Vor einem Jahr war der Club Vierter mit zwei Punkten Rückstand auf den FC St. Pauli, den er dann auch bald überholte. Freiburg und Leipzig waren zu stabil, da half es auch nichts, dass der Club bestes Team der Rückrunde war. Sieben Punkte auf Platz 3 sind eine Menge Holz, trotzdem braucht man am Valznerweiher die Aufstiegsambitionen nicht vorzeitig aufgeben.

Am letzten Spieltag der Hinrunde war der FCN neben den Würzburger Kickers der einzige Verein von Platz 1 bis 10, der drei Punkte holte. Es gab reichlich Unentschieden, und der warum auch immer zum Aufstiegsfavoriten Nummer Eins hochgejubelte VfB Stuttgart verlor bei eben diesen Kickers krachend und verdient mit 3-0. Keines der Teams, die sich in der oberen Tabellenhälfte tummeln ist so stabil wie der Sportclub aus dem Breisgau und die Leipziger in der Vorsaison. Wer also wird beim Kampf um die ersten drei Plätze das Nachsehen haben? Ich denke, dass auf jeden Fall Düsseldorf und Stuttgart das Aufstiegsrennen verlieren werden. Bei der Fortuna fehlt es dem Kader an individueller Klasse, der VfB macht sich einen Irrsinnsdruck und hat offenbar noch nicht begriffen, dass es kein Freilos dafür gibt, ein Absteiger zu sein. Die Kurzatmigkeit der Trainerwechsel erinnert an den HSV.

Braunschweig wird mit Lieberknecht einen Aufstiegsplatz holen

Auf einem der ersten drei Plätze wird dagegen sicherlich Eintracht Braunschweig landen. Wie einst der Sportclub Volker Finke haben sie ihren Aufstiegs- und Abstiegstrainer Torsten Lieberknecht behalten und spielen einen leidenschaftlichen Fußball mit einer klaren Handschrift. Bleiben also Hannover, Heidenheim und Union, sowie die beiden Aufsteiger aus Dresden und Würzburg. Und natürlich der Club. Hier verteilen sich meine Sympathien. Hannover hat als einen wichtigen Trumpf natürlich den legendären Manager Martin Bader, dem zweimal mit Nürnberg der direkte Wiederaufstieg und ein Pokalsieg gelang. Deshalb wird er jetzt in der Noris bis zur Besinngungslosigkeit geschmäht. Nein, eigentlich weiß ich nicht, warum er geschmäht wird. Seinen opulenten Zweitligaetat, der jetzt an allem schuld sein soll, haben diverse Nürnberger Granden nach dem letzten Abstieg brav abgesegnet. Einer von Baders letzten Transfers beim Club war die ablösefreie Verpflichtung von Guido Burgstaller. Wer derart schlecht wirtschaftet, hat Dresche verdient. Das meinen zumindest viele fränkische Fußballinsider, zumindest solche, die es sein wollen. Hannover steht momentan auf Platz 2, offenbar hat Bader nichts verlernt. Und um den Chor der Pöbler und Schuldzuweiser Lügen zu strafen, würde mich ein Aufstieg der 96er wirklich freuen.

Heidenheim erzeugt Angstschweiß bei den „Traditionalisten“

Ebenfalls freuen würde mich ein Aufstieg von Heidenheim. Das Team ist ähnlich gut eingespielt wie die Eintracht aus Braunschweig, sie spielen die Saison ihres Lebens und würden den „Traditionalisten“ in der Bundesliga ein paar Angstschweißtröpfchen mehr auf die Stirn zaubern. Traditionalisten sind Vereinsverantwortliche, die mit dem Ruhm von vorgestern über ihre Fehler von heute hinwegtäuschen und besser organisierte Neulinge, ob sie jetzt Mainz oder Leipzig heißen, im Namen ihrer ruhmreichen Geschichte durch die kalte Küche abservieren wollen. Also Forza Heidenheim, Forza Schnatterer, Forza Frank Schmidt. Ebenso freuen würde mich der Aufstieg von Union. Mit Jens Keller, der Schalke zweimal in die Champions League führte, ehe er wegen Erfolglosigkeit entlassen wurde, haben sie den wahrscheinlich taktisch besten Trainer der Zweiten Liga. Und ein Stadion-Schmuckkästchen Marke Eigenbau.

Freuen würde ich mich auch über einen Aufstieg von Dresden. Meine These, dass RB Leipzig dem Fußball im gesamten Beitrittsgebiet gut tun wird, bestätigt die mehr als solide Hinrunde der Elbfiorentina. Vielleicht schafft ja die Dynamo den Durchmarsch aus dem Nichts. Sollte Würzburg aufsteigen, schreit eigentlich alles nach einer Dauerkarte. Dieser Blog bekäme dann eine eigene Bocksbeutelsektion, und ich würde in der Hinrunde zehn Kilo zunehmen.

Ich hätte auch nicht wirklich etwas dagegen, dass der 1. FC Nürnberg aufsteigt. Allerdings muss die erweiterte Startelf ihr vogelwildes Abwehrverhalten in den Griff kriegen. Auch das wird übrigens Bader zur Last gelegt, angeblich verhindern seine früheren Transaktionen eine bessere Verstärkung des Kaders. Nun, in der letzten Rückrunde kassierten die Clubberer unter René Weiler 15 Tore in 17 Spielen, in dieser Hinrunde unter Alois Schwartz 29 Tore in 17 Spielen. Die Abwehrspieler sind identisch, Abgänge hatte der Club nur offensiv zu verzeichnen. Schwartz hat die zweitbeste Abwehr der Rückrunde zur zweitschlechtesten Abwehr der Hinrunde heruntergewirtschaftet. Damit meine ich nicht nur die hohe Zahl der Gegentore. Wenn man das desolate 1-6 in Braunschweig und das verrückte 4-5 in Bochum einfach mal als 0-1 wertet, steht der Club bei den Gegentoren nicht ganz so schlimm da. Viel schwerer schlägt zu Buche, dass er ein ums andere Mal einen Vorsprung vergeigt oder ein Unetnschieden wieder aus der Hand gegeben hat. Diese chronische Schlamperei hätte auch beinahe gegen Kaiserslautern wieder zwei Punkte gekostet, nur das späte 2-1 von Burgstaller, dem besten Torschützen der Zweiten Liga, rettete dem Club den Heimsieg. Sagte ich schon, dass Burgstaller von Martin Bader verpflichtet wurde? Ingesamt gab der Club in sechs Spielen zehn Punkte unnötig wieder her.

  • 1-1 in Dresden nach 1-0
  • 1-1 gegen Heidenheim nach 1-0
  • 1-6 in Braunschweig nach 1-0
  • 1-2 gegen die Münchner Löwen nach 1-1
  • 4-5 in Bochum nach 3-3
  • 2-2 gegen Würzburg nach 1-0

Das hat nichts mit Substanzverlust zu tun und auch nichts mit Martin Bader, sondern mit der Einstellung. Und für die ist der Trainer verantwortlich. Mit den zehn Punkten mehr wäre der Club Tabellenführer. Genau so schlimm ist, dass die mitreißenden Aufholjagden mit der tollen Moral, die späten Glücksgefühle, die engen Zitterspiele unglaublich viel Kraft kosten. Der Club könnte es wieder schaffen, auf Platz drei zu kommen, aber was nützt ihm das, wenn er in der Relegation stehend k.o. ist gegen Frankfurt? Ich habe das letzte Ligaspiel gegen St. Pauli gesehen im Mai 2016. Es war sonnig und ausverkauft, der Club gewann 1-0. Aber die Spieler hatten keine Kraft mehr, die Ecken auszuführen. Sie standen am Strafraum von St. Pauli herum, und keiner mochte den langen Weg zur Eckfahne gehen. Drei Tage später war Relegation.

Es ist eng, aber nicht hoffnungslos

Natürlich gibt es Hoffnung. Schon viermal hat der Club zu Null gespielt, nicht zuletzt ein Verdienst von Torhüter Kirschbaum. Wegen dieser Tendenzen halte ich es anders als zum Saisonauftakt für möglich, dass Schwartz das weiter stabilisiert. Die ersten drei Spiele nach Winterpause werden es entscheiden. Zuhause gegen Dresden, in Heidenheim, zuhause gegen Braunschweig. Alle drei Vereine stehen jetzt noch vor dem Club. In der letzten Rückrunde holte der FCN 38 Punkte. Wenn er das wiederholt, hätte er 63 Punkte. Das hätte seit 2011/12 immer für mindestens Platz 3 gereicht. 2010/11 holte Bochum als Dritter 65 Punkte und scheiterte in der Relegation an Borussia Mönchengladbach. Es ist eng in Liga Zwei, aber nicht hoffnungslos.

Zweite Liga rockt

Nur noch vier Tage, dann beginnt sie: die beste Zweite Liga aller Zeiten seit der besten Liga aller Zeiten vom Sommer 2014. Mit Bielefeld und Duisburg kehren zwei legendäre Ex-Bundesligisten in den Kreis der glorreichen 18 zurück. Mit den Münchner Löwen hat ein Verein mit hohem Unterhaltungswert die Klasse gehalten. Wenn die Roten früher der FC Hollywood war, dann sind die Löwen der TSV Komödienstadl, die Daily Soap in flauschiblau. Das Personal wechselt schneller als bei Game of Thrones und die Ansprüche sind höher als der Olympiaturm.

Ein Lichtblick sind auch die Roten Bullen aus Leipzig. Dieses wüste und wahllose Bashing leuchtet mir nicht ein. Rangnick ist einer der klügsten und innovativsten Köpfe im Fußball, die beiden Leipziger Traditionsvereine hatten 20 Jahre Zeit, um ihre eigene Fußballkultur aufzubauen. Stattdessen gab es eine liebevoll gepflegte Feindschaft ohne nennenswerte sportliche Außenwirkung. Es ist traurig, dass die Ostvereine mit Ausnahme von Union so weit unten stehen. Egal, ob Cottbus, Rostock oder Dresden, alle haben sich ihre Situation durch hausgemachte Fehler selbst eingebrockt, es waren nicht die bösen Großsponsoren, die den Niedergang herbei geführt haben. Leipzig hat eingekauft wie irre, zugegebenermaßen, aber entscheidender ist, dass Rangnick sportlich das Sagen hat. Außerdem schießt Geld tatsächlich keine (entscheidenden) Tore, wie das Mittelmaß der Premier League zeigt. In den nächsten Jahren kann Leipzig für den Fußball im Osten eine Leuchtturmfunktion übernehmen. Das heißt nicht, dass jeder Verein einen exotischen Milliardär in der Hinterhand haben muss, sondern, dass langer Atem und Strategie auch bei Traditionsvereinen funktionieren können. Bielefeld und Duisburg, Braunschweig und Darmstadt sind Beispiele aus den letzten Jahren.

Das Feld ist ausgeglichen wie nie, man muss suchen, um eine Mannschaft zu finden, die nicht zumindest inoffiziellen Aufstiegsambitionen hat. Außer den beiden Aufsteigern fallen mir nur Sandhausen und der FSV Frankfurt ein. Zusammen mit Leipzig und Union sind das die beiden Vereine, die noch nie in der Bundesliga waren.

Zu den unter den Hand gehandelten Aufstiegsanwärtern gehört natürlich auch wie immer der 1. FC Nürnberg. René Weiler, der aktuelle Trainer mit Langzeitperspektive beim Club, hat als Saisonziel einen Platz unter den ersten Sechs ausgegeben. Dafür hätte der Club in der Vorsaison 50 Punkte gebraucht, also einen Schnitt von 1,4705 Punkten. Erreicht hat Weiler in den 21 Spielen der Vorsaison 1,4761 Punkte. Weiler will den Club also um 55 Tausendstel schlechter machen, um besser zu werden. Das klingt nach langfristiger, nach sehr langfristiger Aufstiegsstrategie. Aber besser den Ball flach halten anstatt wieder Dresche kriegen für unerreichbar hohe Ziele. Für Platz zwei (59 Punkte) brauchte man in der Vorsaison 1,74 Punkte pro Spiel.

Valérien Ismaël, Weilers Vorgänger ohne jeglichen Rückhalt, war in den ersten 13 Spielen auf 14 Punkte gekommen. Der Punkteschnitt von 1,08 hätte am Ende 36,7 Punkte ergeben. Mit 37 hätte der Club die Klasse glatt gehalten. Egal, Nürnberg hat in der Vorbereitung den Viertligisten Schweinfurt 05 mit 1-0 förmlich gegen die Wand gespielt, und gegen Celta Vigo ein 2-2- erkämpft. Da kommt der Auftakt in Freiburg gerade recht. Weiler und Ismaël sprechen beide Französisch. In diesem Sinne: Laissez les bons temps rouler!

 

Leere Ränge – volle Punktzahl

Finanziell ist der Zuschauerausschluß für Nürnberg vermutlich eine Bestrafung, sportlich erweist sich die gähnend leere Nordkurve als wirksame Motivationshilfe. Sieg gegen die Roten Teufel, Sieg gegen die Rote Brause. Die komplett neu zusammengefügte Mannschaft scheiterte gegen Düsseldorf und den FSV Frankfurt nicht an ihren mangelnden Fähigkeiten, sondern am Erwartungsdruck.

Sofortiger Aufstieg lautet das Saisonziel. Sofortig, das heißt, spätestens in der Relegation, die im fernen Mai 2015 stattfinden wird. Für den Fan heißt sofortig: jetzt, auf der Stelle, am besten am ersten Spieltag gegen Aue. Gegen die gab es am ersten Spieltag zwar einen Sieg, aber das Nervenflattern war zu spüren. Dann kam das 1-5 gegen Fürth, gegen die beste Mannschaft der Vorsaison, die nicht aufgestiegen war, und seitdem saßen die Fans auf ihren Schalensitzen oder standen in der Kurve und nahmen übel. In erster Linie nahmen sie immer noch den Abstieg übel. Ob er vermeidbar, peinlich, überflüssig war, darüber kann man diskutieren. Wer bei so einem Schneckenrennen wie an den letzten acht Spieltagen keinen einzigen Punkt holt, der wird seinem Ruf als Depp durchaus gerecht.

Andererseits: Wenn man sieht, wie Bayern und Dortmund rumjammern, wenn zwei oder drei Stammspieler fehlen, war es vielleicht am Ende vor allem das Verletzungspech. Bis zu acht Stammspieler musste der Club ersetzen, nicht mal Wiesinger kann man das anlasten. Gut, die Spieler (Mannschaft war das nicht mehr) wirkten am Ende innerlich unbeteiligt, aber Braunschweig, das von allem zu wenig hatte, außer von den Emotionen, stieg auch ab.

Gestern gegen Leipzig war eine ganz andere Nähe zwischen Spielern und Trainer zu sehen. Nicht nur, dass Valérien Ismaël jeden seiner ausgewechselten Spieler umarmte, auch auf dem Platz gab es viele ermunternde Gesten, im Lauf- und Grätschduell gegen Rangnicks Millionentruppe. Nebenbei: Ich halte RB nicht für den Untergang des Fußballs. Die Traditionsvereine, die die Neuankömmlinge als zu klein oder zu künstlich beschimpfen, scheitern nicht an den solventen oder klug agierenden Konkurrenten. Solange 1860, St. Pauli, Kaierslautern sich selbst im Weg stehen, ist Platz für Augsburg, Hoffenheim, Paderborn.

Zurück zum Club. Nicht nur bei der Torwartfrage hat Ismaël in den letzten Wochenein gutes Händchen bewiesen. Platzhirsch Schäfer war die erste Option. Als es nicht lief, kam der Tausch. Rakovsky hat gewisse Eigenwilligkeiten (Fangtechnik, Fausten), aber er spielt gut, und wird noch sehr viel besser werden. 2007/08 gab es eine ähnliche Konstellation. Nach dem Weggang von Schäfer hätte eigentlich Pokalheld Klewer die erste Chance erhalten müssen. Meyer entschied sich für den neuen Mann Blazek. Der patzte im ersten Spiel gegen Schalke (0-2), und die Mannschaft fand nie mehr die richtige Balance und Hierarchie. Wenn Klewer die (erste) Nummer Eins gewesen wäre, wäre der Club vermutlich nicht abgestiegen. Schäfer ist kein Stinkstiefel und wird sich jetzt, ähnlich wie Pinola, als Elder Statesman hilfreich in die neue Hierarchie einfügen.

Mit einem Mal steht auch der vielgeschmähte Manager Bader ganz anders da. Zum einen hat er mit Wolf und Polak zwei alte Leistungsträger zurückgeholt. Zum anderen hat er für wenig Geld einige wirklich sehr gute Leute geholt. Vor vier Wochen wurden Schöpf, Ramirez, Füllkrug noch als Fehleinkäufe abgestempelt, in der Winterpause wird man sich fragen, ob der Club sie halten kann. Die Frage wird sich auch bezüglich des Trainers stellen. Aber ich habe das Gefühl, dass uns die Konstellation Bader, Wolf, Ismaël und Mintal über das Ende dieser Saison hinaus erhalten bleiben wird.