Schlagwort: Bastian Dankert

Sommerfußball vom Feinsten

Am Freitag war ich im Stadion und sah hocherfreut das 3-2 von Nürnberg gegen Heidenheim. Immerhin so etwas wie ein Angstgegner, gegen den der Club in der letzten Saison sang- und klang- und einfallslos zweimal verloren hatte. Diesmal gab es ein Happy-End. Der Club hat schon viele Spiele gemacht, die viel besser waren, aber selten habe ich die Mannschaft von der ersten Minute an derart wütend-aggressiv erlebt. Allen voran Jan Polak, der als Pokalsieg-Erinnerungsspeicher den wehmütig besungenen Pinola nicht ersetzen konnte,  der aber weiß, was es heißt in Nürnberg und für Nürnberg zu spielen. Der Kampfeswille war weder brutal noch planlos. Mit kühlem Kopf und der Faust in der Tasche hatte man sich vorgenommen, die Schmach von Freiburg, wo die Sonne fast so oft scheint wie in Cordoba, ebenso vergessen zu machen wie die Grundsatzdebatten in und um den Verein. Wie schlecht die Stimmung im Moment ist, zeigt die verhaltene Reaktion im kicker („Ein Quantum Trost„). Auch die Nürnberger Nachrichten waren vor allem froh, dass die nächste Katastrophe vermieden werden konnte.

Dabei gab es einige erfreuliche Aspekte. Nürnberg war technisch besser als der Gegner, das waren sie in der letzten Saison nicht einmal. Es gab – von Torwart Kirschbaum angefangen bis hin zum fleißigen, aber vollkommen torungefährlichen Gislason, den ich zunächst mit Mlapa verwechselte – das klare Bestreben, jede Spielsituation, auch die defensiven, spielerisch zu lösen. Was des öfteren durch eine anmutige Raumaufteilung und kluge Laufwege gelang. Der von mir schon unter der Woche gelobte Brecko fügte sich nahtlos in den Defensivverbund ein. Am Freitag war die Abwehr wieder eine Abwehr, obwohl der designierte Chef Sepsi noch gar nicht dabei war. Bis auf die beiden verlorenen vor den Gegentoren gewann der Club alle wichtigen Zweikämpfe (Burgstaller vor dem 1-0, Blum vor dem 2-1, Füllkrug vor dem 3-2) und bewies eine unerschütterliche Moral. Das Spiel war auch nicht zerfahren oder durch viele Fouls belastet, wie zu lesen war, Schiedsrichter Dankert pfiff einfach konsequent kleinlich.

Bereichert wurde der Spielbesuch durch meine weibliche Begleitung, die bis dahin lediglich einmal ein 0-0 von Hertha im Berliner Olympiastadion erlebt hatte. Mit anderen Worten, Nürnberg gegen Heidenheim war ihr erstes Fußballspiel. Gefallen haben ihr die „kraftvoll“ und unermüdlich singenden Fans in der Nordkurve (wir sitzen meistens im Block 14 mit bester Sicht und Akustik), gefallen hat ihr auch „die Wiese“, die man sieht, wenn man das Stadion betritt. Weniger  gut gefielen ihr die Pfiffe bei jeder Ecke für Heidenheim. Außerdem hätte sie es gut gefunden, wenn man auch die Heidenheimer Ecken per Bierwerbung ausdrücklich angekündigt hätte. Wegen der mangelnden Fairness war sie dann irgendwann für Heidenheim: „Man kann seine Gäste doch nicht so behandeln.“ Als die Gäste zweimal den Ausgleich machten, kicherte im Block 14 genau eine Person zweimal in sich hinein. Nach dem 2-2 ließ sie sich dann zu der Prognose hinreißen: Ein Tor fällt noch, und  die Gerechtigkeit wird siegen. Es war an Polak, die schlummernde Fachkenntnis dieses Fußballtalents mit einem sagenhaft schönen Tor zu bestätigen.

Jetzt bin ich gespannt, was der Club in seiner Königsdizplin des Grauens zu leisten vermag. Am Montag ist Pokal.

 

 

 

Lieber Platzverweise als altersweise

Acht Platzverweise an einem Spieltag, was lernst uns das? Vielleicht haben die Schiri-Obleute ja nach Baumjohanns nicht mit Rot geahndetem Wischer bei Nürnberg gegen Hertha schnell ein Brandbrieflein an die Kollegen draußen auf dem Spielfelde geschickt, mit dem Tenor: Erst zücken, dann Fragen stellen.

Der Krösus war bei Hoffenheim gegen Freiburg Tobias Stieler mit zweimal Rot, einmal Gelb-Rot und einem Innenraumverweis für Freiburgs Trainer Streich als Sahnehäubchen. Der Platzverweis gegen Coquelin war glatt falsch, den Platzverweis von Streich hat er damit induziert. Streich schimpfte zwar emotional wie immer, ich habe aber schon Trainer gesehen, die sich schlimmer aufgeführt haben und im Innenraum bleiben durften. Außerdem war Streichs Ansprechpartner der Vierte Mann, der unter anderem dafür da ist, dass Trainer Dampf ablassen. Zusammen mit der nicht gegebenen Roten Karte gegen Sorg bekam Stieler im kicker die Note 4,5.  Auch Schiedsrichter Welz in Augsburg gegen Stuttgart bekam die Note 4,5. Anstelle des überzogenen Rot für Traoré hätte er Verhaegh vom Platz stellen müssen. Note 4 gab es für Dankert in Hannover gegen Schalke. Dessen drei Platzverweise gegen Höwedes, Huszti und Fuchs waren allesamt vertretbar, nur ein rotwürdiges Foul von Hoogland gegen Diouf hatte er übersehen.  Eine 2,5 bekam Kinhöfer bei Mainz gegen Wolfsburg, der nicht nur mit Gelb-Rot gegen Luiz Gustavo richtig lag.

Beim genauen Hinsehen ist nicht so sehr die Kartenflut das Problem, nur zwei der acht Platzverweise (Coquelin, Traoré) waren falsch, sondern die wackelige und widersprüchliche Spielführung. Stieler in Sinsheim hatte zusätzlich das Problem, dass er in der 11. Minute, also zu einem sehr frühen Zeitpunkt korrekterweise Rot gegen Salihovic zeigen musste. Ab da war jeder Zweikampf aus Sicht der Zuschauer eines Platzverweises würdig.

Eine ähnliche Konstellation bot das denkwürdige WM-Achtelfinale Portugal – Holland 2006, auch als „Schlacht von Nürnberg“ bezeichnet. Von Anfang an ging es knüppelhart zur Sache, nach einem brutalen Foul musste Ronaldo ausgewechselt werden. Ende der ersten Halbzeit gab es Gelb-Rot gegen Costinha. In Halbzeit zwei folgten eine weitere Gelb-Rote und zwei Rote Karten, dazu kamen acht Gelbe Karten. Auch hier war es die unklare Linie, die das Spiel aus dem Ruder laufen ließ: Schiedsrichter Ivanov „hatte das Spiel durch falsches Strafmaß nicht im Griff“, schrieb der kicker.

Trainer in der Pressekonferenz sagen über harte Platzverweisen manchmal gerne: Wenn man das pfeift, stehen am Ende fünf Mann auf dem Platz. Nach diesem Spieltag bin ich geneigt zu sagen: Na und? Dem Spielniveau tat die Kartenflut keinen Abbruch: Hoffenheim – Freiburg bekam die Note 1, Hannover – Schalke sowie Mainz – Wolfsburg eine 2,5, Augsburg – Stuttgart immerhin eine 3. Für die beiden letzten Teams war es die beste Saisonleistung.

Bin gespannt, was bei den Roten Karten als Strafmaß rauskommt. Bei Salihovic war es die vierte Rote Karte und es war eine klare Tätlichkeit. Dass er vorher geschubst wurde, lag daran, dass er den Ball nicht herausrückte. Er hat die Rudelbildung provoziert.

In den Spielen ohne Platzverweis schnitten die Schiedsrichter so ab: Zwayer (Dortmund – Bremen) Note 2, keine Karte, kein Elfer. Stark (Braunschweig – Frankfurt) Note 2, drei Gelbe Karten, kein Elfer. Fritz (Hertha – HSV) Note 3, fünf Gelbe Karten, kein Elfer. Brych (Leverkusen – Gladbach) Note 5, falscher Elfmeter gegen Gladbach, eine Gelbe Karte. Nach den beiden in München bereits der dritte Elfer im dritten Spiel, über den sich streiten läßt. Die Note 6 bekam Schiedsrichter Dingert im Spiel Bayern gegen Nürnberg, der Pinolas Rempler gegen Mandzukic nicht als Elfmeter pfiff, dafür vor dem Elfmeter für Bayern ein Handspiel von Nilsson gesehen haben wollte, wo keines war. Auch ein rotwürdiges Foul von Mandzukic an Dabanli hatte er übersehen. Wenigstens die Gelbe Karte für Ribery fürs Trikot ausziehen war korrekt.

Fazit: Viele Platzverweise machen weder die Schiedsrichterleistung noch ein Spiel per se schlechter. Die Referees sollten mit der Mindestzahl von sieben Spielern pro Team noch offensiver umgehen. Fehlentscheidungen wie der Platzverweis gegen Coquelin werden dadurch nicht besser, aber die Schubser, Treter, Schläger und Rudelbildner bekommen dadurch längere Denkpausen.