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Guardiola – Losertriple statt Vizekusen

Vizekusen – seinen Schmäh- und Spottnamen hat sich Bayer Leverkusen 2010 patentieren lassen. Verliehen wurde der Elf von Klaus Toppmöller der Beiname, als sie 2002 in drei Wettbewerben nur Zweiter wurde. In der Bundesliga verlor Bayer am vorletzten Spieltag 1-0 in Nürnberg und Dortmund zog mit einem 4-3 beim HSV vorbei. In der Champions League verlor man mit 1-2 gegen Real Madrid mit einem genialen Zinédine Zidane, im DFB-Pokal unterlag man  4-2 gegen Schalke.

In der Champions League sind die Bayern mit Trainer Pep Guardiola dreimal hintereinander nicht einmal Zweiter geworden, sondern in der Vorschlußrunde ausgeschieden. Epische Endspielniederlagen wie 1999 gegen Manchester United oder 2012 gegen den FC Chelsea lassen sich irgendwie sinnvoll zur Pflege des eigenen Mythos einbauen, ein KO im Halbfinale bedeutet nur, dass es für  ganz vorne nicht gereicht hat. Ob das jetzt Trieze- oder Miezekusen heißt, kann dahinstehen, jedenfalls schleicht man nach dem Losertriple um die Bewertung von Guardiolas Amtszeit herum wie die Katze um den heißen Brei. Man preist seine vermeintlichen Verdienste schon allein deswegen, weil man der sportlichen Leitung der Bayern nicht den Vorwurf machen möchte, dass sie für ihre Ansprüche den falschen Mann verpflichtet hat. Guardiola hat schönen Fußball spielen lassen, das ist richtig, aber den gab es auch bei Bayer 2002 zu sehen, mit Ballack, Ze Roberto, Bernd Schneider, Lucio. Klaus Toppmöller war neben Jürgen Klopp, Thomas Tuchel, Hans Meyer und Thomas Schaaf einer der wenigen Trainer, die die Vormachtstellung der Bayern nicht vorauseilend akzeptierten, sondern mit Bayer ebenso wie bereits 1993/1994 bei Eintracht Frankfurt mit traumhaft schönem Fußball dagegenhielt. Mag Guardiola ein zumeist cleverer Taktiker sein, der Offensivstil von Toppmöller bleibt unerreicht und kommt dem Voetbal Totaal von Johan Cruyff näher als alles andere, was je in der Bundesliga je zu sehen war.

Jetzt, da Guardiola seine wesentlichen sportlichen Ziele nicht erreicht hat (und das Double 2014 nur gewann, weil Knut Kircher Borussia Dortmund ein reguläres Tor stahl), soll es plötzlich der künstlerische Gesamteindruck richten. Dass Atletico Madrid in beiden Spielen die reifere, die spielintelligentere Mannschaft war, die nicht nur Beton anrührte, sondern immer auch offensiv aktiv war, wird beiseite geschoben. Atleti war auch unter höchstem Druck stets technisch perfekt, verursachte bis auf das 1-0 durch Alonso im Rückspiel kaum Freistöße zu, spielte wenig Foul und hatte die wesentlich gefährlicheren Außenbahnspieler. Außerdem waren sie in der mannschaftlichen Geschlossenheit den Bayern ein Stückweit voraus. Die auch mit nominell schwächeren Spielern zu bilden, ist eigentlich Sache des Trainers. Karl-Heinz „Dolchstoß“ Rummenigge brabbelt sich dazu lieber seine eigene Verschwörungstheorie zurecht, und ausgerechnet Arturo Vidal erklärt, wie ein verdienter Einzug ins Endspiel auszusehen hat.

Wie groß das Bemühen ist, Guardiolas Nachruhm nicht zu beschädigen, zeigt auch das entschlossene Schweigen über zwei zweifelhafte Personalentscheidungen, den Verkauf von Bastian Schweinsteiger und das Mobbing gegen den Mannschaftsarzt Müller-Wohlfahrt. Schweinsteiger war ein Spieler, der für Guardiolas Stil mehr und mehr brotloser Schönheit viel zu grobschlächtig war. Aber er ist ein Mann mit Ecken und Kanten, einer der wie Lahm und Müller für das Selbstverständnis der Mannschaft dieser Jahre steht. Einer wie er hat gegen Atletico gefehlt. Stattdessen gab es im Mittelfeld Thiago und am Ende nix.

In der Triple-Saison unter Heynckes stand Arjen Robben in der Champions League 409 Minuten auf dem Platz und machte vier Tore, darunter das Siegtor gegen Dortmund. Für den Wettbewerb 2015/2016 stehen bei Robben 159 Minuten zu Buche, davon 90 im Hinspiel bei Juve, wo er ein Tor erzielte. Interessiert es wirklich niemanden, ob die minimalen Einsatzzeiten dieses besonders verletzungsanfälligen Spielers etwas damit zu tun haben, dass der langjährige Mannschaftsarzt erst zermürbt und dann geschasst wurde? Warum Guardiola den Mull vergraulte und warum die Vereinsführung dabei mitspielte, wird keiner der Verantwortlichen beantworten müssen, weil kein Journalist dazu Fragen stellt. 2015 würgte der Pressesprecher jede Nachfrage ab, heute wird bei der Guardiola-Bilanz Müller-Wohlfahrts unrühmlicher Abgang peinlich ausgespart.

Mir ist es recht, dass Bayern ausgeschieden ist, erstens war Atletico besser und zweitens sowieso. Irritierend ist, dass Guardiola trotz gravierender Fehlentscheidungen in drei Jahren jetzt in Watte gepackt wird. Nach dem Schlußpfiff am Dienstag machte kurzzeitig ein Tweet von Sport1 die Runde: „FC Bayern zieht nach 2-1 über Atletico Madrid ins Endspiel der Champions League ein“. Schön, wenn der strukturelle Wirklichkeitsverlust bei der Berichterstattung über diesen Verein und seinen Trainer Guardiola gelegentlich unfreiwillig so deutlich wird.

Bayern wieder taktisch unterlegen

Es wäre zu leicht, die Niederlage der Bayern gegen Gladbach an Neuers Fehler fest zu machen. In erster Linie war es eine kluge und leidenschaftliche Mannschaftsleistung der Gladbacher, die den Sieg in München brachte. Nach zehn Minuten fiel den Bayern nichts mehr ein, Gladbach war läuferisch besser und handlungsschneller, außerdem nahmen sie die Zweikämpfe an, manchmal etwas ruppig zwar, das brutalste Foul des Spiels aber kam aber von Schweinsteiger und blieb ungeahndet.

Apropos ungeahndetes Foul. Es ist schon merkwürdig, dass die Bayern die beiden  Spiele verloren haben, in denen es keine Fehlentscheidungen zu ihren Gunsten gegeben hat. Natürlich haben sie nicht jedes ihrer Spiele wegen einer Fehlentscheidung gewonnen, aber es gab einige, die auf der Kippe standen (zuletzt Hannover, Bremen), und bei denen Schiedsrichtergeschenke den Ausschlag gaben. Beim 1-4 in Wolfsburg und gestern gab es keine Großzügigkeiten des Referees, und am Ende gewann das taktisch klügere Team. Vermutlich wird Rummenige Guardiola demnächst zurechtweisen: Fußball ist kein Stierkampf.

Die Bilanz der Bayern gegen Wolfsburg, Gladbach und Schalke (Platz 2,3 und 5)  ist mit drei Unentschieden, zwei Niederlagen und einem Sieg äußerst durchwachsen und spricht nicht für ein grandioses Saisonfinale. Die Kantersiege gegen Paderborn und den unsäglichen HSV sind kein Maßstab, auffällig ist die große Abhängigkeit von Robben in dieser Saison. Der spielte tatäschlich häufig Weltklasse, aber sonst halt keiner.

Es kann schon sein, dass sie wieder Meister werden, Wolfsburg und Leverkusen haben zu viele Punkte liegen lassen, aber wer will schon acht Spieltage erleben, bei denen die Verfolger immer näher kommen und die Bayern ins Ziel wanken? Und ob es in der Champions League zu mehr reicht als zum Halbfinale, mals sehen. Auch in Donezk waren sie einfallslos, zuhause half ihnen dann ein Platzverweis nach drei Minuten in die Spur.

Apropos Champions League. Mit Jens Keller qualifizierte sich Schalke zweimal in Serie für diesen Wettbewerb. Dann wurde er entlassen. Unter Di Matteo muss die Mannschaft um die Europa League bangen. Vielleicht sollten Horst Heldt und Martin Bader auf die Fanfreundschaft zwischen dem Club und Schalke noch eine Managerfreundschaft setzen. Sie scheinen bei ihrer Personalpolitik Brüder im Geiste zu sein.

 

 

Wo warst du, als…?

Den gestrigen historischen Fußballabend verbrachte ich in einer wunderbaren Bar in Friedrichshain. Als fairer Sportsmann trank ich zur Unterstützung des Schiedsrichters Corona-Bier und aß ein paar Tacos. Nach dem 1-0 schenkten die Barleute kostenlosen Tequila an ihre etwa 30 Gäste aus, pro Tor ein Tequila versprachen sie uns,und ich sagte vorwitzigerweise „Wenn ihr das macht, seid ihr am Ende pleite“. 20 Minuten später, also nach Khediras 5-0 entschieden sie sich sinnvollerweise für einen Pauschalrum für alle Tore und gaben in Halbzeit Zwei noch einen obendrein.

Nicht nur für unsere us-amerikanischen Freunde Bündnispartner Interessenkonkurrenten Touristen waren die Geschehnisse unerklärlich. Einer merkte vorwitzig an: Wir haben nur 1-0 verloren, und in der Tat geben die USA oder Costa Rica oder Bosnien-Herzegowina wertvolle Hinweise auf die Gründe für diesen Spielverlauf.

Sicherlich haben der Ausfall von Neymar und Thiago Silva Brasilien erheblich geschwächt. Stellen wir uns vor, Müller wäre im Viertelfinale aus dem Turnier gefoult worden und Lahm wäre gelbgesperrt gewesen. Anders als die Brasilianer wäre das deutsche Team trotzdem nicht so auseinandergefallen. Man hätte vielleicht verloren, aber sich nicht binnen sieben Minuten komplett aufgegeben. Was uns zu den USA, Costa Rica und BiH bringt, die alle als Team überragend funktioniert haben. Brasilien ließ sich auf den Personenkult um Neymar ein, befeuerte ihn sogar noch. Wenn dieses Spiel mit einem anderen vergleichbar ist, dann mit dem WM-Finale 1998. Dort gab es mit Frankreich auch einen erfreulichen und verdienten Sieger, und der vermeintliche Superstar Ronaldo war genauso platt und enttäuschend wie seine Mitspieler. Auch diesmal wurschtelten sich die Brasilianer mehr schlecht als recht durch das gesamte Turnier und konnten nie – anders als die Spanier in ihrer Epoche – eine schlüssige Spielidee präsentieren. Die Methode Gewonnen, egal wie, reicht für ein Halbfinale, hat auch bei Deutschland schon zu manchem Halbfinale gereicht, reicht aber nie für einen Titel.

Ein weiterer Grund für den Spielverlauf ist das 4-4 gegen Schweden, vielleicht der heilsamste Schock unter Löw überhaupt. In der 60. Minute dachte ich daran, dass das 4-4 in der 70. Minute seinen Anfang genommen hatte. und war gespannt. Dann machte Schürrle das 6-0 und zerstreute alle Bedenken. Wer das 1-0 gegen Brasilien macht, denkt sich: ein 1-0 wird nicht reichen. Besser noch eins nachlegen. Und das 2-0 entwickelte eine unglaubliche Sogwirkung. In den besonderen fünf Minuten erzielte Deutschland das gleiche Tor dreimal. Pass auf halblinks in die Schnittstelle, rechts quergelegt, alle Brasilianer irren eurythmisch durch den Strafraum, drin isser. Wenn Deutschland gewollt hätte, hätte dieses Spiel zweistelling ausgehen können. Glücklicherweise wollten sie nicht, glücklicherweise spielte Brasilien in Würde weiter und kam zu seinem Ehrentreffer, der vielleicht besser Würdetreffer heißen sollte.

Der Hauptgrund aber ist, dass es Löw und Flick und Köpke und Bierhoff gelungen ist, ein funktionierendes Team zu bauen. Es war zu beobachten, dass diesem Turnier der große Favorit fehlt. Ergänzend könnte man sagen, dem deutschen Team fehlt die Überfigur. Und zwar nicht, weil sie alle im Mittelmaß verschwinden, sondern weil jeder in der Lage ist, ein besonderes Spiel zu liefern. Gegen Portugal überragte Müller, gegen Ghana war Klose zur Stelle, gegen die USA holte sich  Schweinsteiger seinen Stammplatz zurück. Gegen Algerien war es Neuer, gegen Frankreich Hummels, gestern Kroos. Wer weiß, wer am Sonntag zur Stelle sein wird. Dieses Team bietet eine besondere Mischung aus Coolness und Leidenschaft, die viel Freude macht. Müller im Interview gestern zum Beispiel, ohne einen Anflug von Hochmut oder Selbstgefälligkeit. Einen Effenberg oder Matthäus nach einem 7-1, egal gegen wen, mag ich mir gar nicht vorstellen. Ergebnisfußball? Mit solchen Ergebnissen gerne.

Bleibt noch der Sonntag. Der berühmte letzte Schritt. Nachdem alle meine Favoriten vorzeitig das Zeitliche gesegnet haben, tue ich Holland sicher keinen Gefallen, wenn ich sie zum Finalgegner ausrufe. Aber alles andere wäre eine große Überraschung. Was das Teambuilding angeht, gilt auch für Oranje. Die notorischen Streithansel des Weltfußballs sind taktisch souverän, haben fünf, sechs Leute, die im entscheidenden Moment über sich hinauswachsen können. Ihr Trainer ist ein schlauer, alter Sack Fuchs.  Auch sie haben ihre Spieler für besondere Momente. Van Persie gegen Spanien, Depay gegen Australien, Huntelaar gegen Mexiko, Krul gegen Costa Rica. Und natürlich Robben.  Ich habe noch nie einen Spieler gesehen, der so darauf brennt Weltmeister zu werden wie diesen Arjen Robben. Seine Ansprache vor der Verlängerung gegen Costa Rica ist genauso historisch wie Kloses 16. Tor. Und van Gaal, der vermeintliche Sturkopf, ließ ihn gewähren.

1974 hat eine Mannschaft Brasilien 2-0 rauschhaft an die Wand gespielt. Den Titel geholt haben am Ende die Anderen.