Schlagwort: Andreas Ottl

Der große Ausverkauf

Das ist schon ein ziemlich konsequenter Radikalschlag, den Martin Bader da betreibt. Plattenhardt, Hlousek, Nilsson, Pogatetz, Chandler, Hasebe, Ginczek, Feulner, Drmic, jetzt vielleicht auch noch Frantz. Komischerweise hält sich meine Sorge über den sportlichen Substanzverlust in Grenzen. Drmic wäre auch bei einem Klassenerhalt nicht zu halten gewesen. Plattenhardt, Hlousek, Chandler, Pogatetz, und Feulner waren zuletzt eher unterdurchschnittlich. Hasebe und Ginczek sind nominell sicherlich sportliche Verluste, aber Hasebe geht nicht fit zu einer WM, und wenn Stuttgart 2,5 Mio für einen Spieler zahlen will, der vor vier Monaten einen Kreuzbandriss hatte, nun ja.  Der einzig echte Verlust ist Nilsson, auch weil er international so viel Erfahrung hat. Frantz wäre auch ein Verlust, der Club braucht Spieler, die sich mit dem Verein identifizieren. Insofern hätten sie – kalter Kaffee – Maroh nicht nach Köln gehen lassen sollen.

Interessanter sind natürlich die Spieler, die (noch) da sind. Polak finde ich eine gute Wahl, Rakovsky ist sehr spannend. Ob die Ablösung Schäfers jetzt schon erfolgen sollte, nach dem Modell Madrid? Rafa spielt Pokal, Rakovsky die Liga. Allerdings wäre es nicht fair, wenn Schäfer nur ein Saisonspiel macht. Er hat eine überragende Saison gespielt, steht notenmäßig vor den beiden WM-Fahrern Weidenfeller und Zieler und ist die personfizierte Erfahrung. Nichts gegen Ismaël, aber das Haifischbecken Zweite Liga ist etwas anderes, als die Zweite Mannschaft eines finanziell gut situierten Erstligavereins zu trainieren. Da sind ein paar Zweitliga-Haudegen nicht verkehrt. Andererseits, wenn Rakovsky zu lange auf der (langen) Bank sitzt, dann geht er. Sylvestr ist ein sehr interessanter Mann, Mendler, der von Sandhausen zurückkommt, auch. Angha bleibt, was ist mit Eigengewächs Gärtner und mit Stark?  Ich glaube immer noch daran, dass Pekhart ein hervorragender Spieler wäre, wenn man aus ihm  einen Wandspieler machen würde, anstatt ihn nur als Knipser und Wühler zu sehen. Und ein Joker ist er gar nicht. Dass Pinola noch ein Jahr bleibt, gefällt mir. Ich traue ihm zu, sich noch ein bißchen weiter zu entwickeln, auch wenn es schwer wird für ihn mit einem Stammplatz.

Ganz nebenbei hat der Club bisher etwa 13 Millionen Euro eingenommen, ein bißchen Spielraum also für den neuen Trainer und für Wolfgang Wolf. Andreas Ottl, zuletzt Augsburg, ist vereinslos. Der hat mit dem Club mal den Klassenerhalt geschafft. Und die WM ist ja auch noch da, als Schaufenster. Vielleicht findet sich ja der überragende Bosnier der Vorrunde dann am Valznerweiher wieder.

Elf Gründe, warum Hertha in der Bundesliga bleiben muss

1.) Anders als in vormodernen Gesellschaften (Köln, Lüdenscheid) pflegt die autochthone Bevölkerung ihren örtlichen Kult nur sehr dezent (weinerliche Zeitungsüberschriften).

2.) Dank der hervorragend ausgebauten Infrastruktur ist das unter Denkmalschutz stehende Stadion gut zu erreichen.

3.) Die taktische Ausrichtung der Mannschaft und ihr Spielniveau lassen Auswärtssiege von Nürnberg, Schalke, ja sogar Fürth erwarten.

4.) Das Team hat ein superoriginelles Maskottchen: Einen Bär, der Herthino heißt und austrainerter wirkt als der 1. FC Köln unter Solbakken. (Man beachte die steinalten, quergestreiften Trikots aus der Zeit, als es noch was zum Jubeln gab.)

5.) Die Nachwuchsarbeit wird großgeschrieben. Die Gebrüder Boateng haben es bei Milan und Bayern bis in die Weltspitze geschafft, Dejagah  sogar bis nach Wolfsburg.

6.) Michael Preetz ist ein richtig netter Kerl, solange er sich nicht als Manager versucht.

7.) Randsportarten wie Wasserball (in Spandau) und Seifenkistenrennen (im Wedding) sind populärer als Hertha. Daher Man bekommt daher für alle Heim- bzw. Gastspiele problemlos Karten, außer für die Bayern. Aber wer will schon die Bayern sehen.

8.) Der Verein ist ein sicherer Hafen für Bayern-Spieler, die es nicht in die Weltspitze schaffen: Kraft, Lell, Ottl. Bald auch schon Breno, Rafinha, Petersen?

9.) Ralf Rangnick als ehemaliger Schalke-Trainer verspricht ähnlich erfolgreich zu wirken wie Huub Stevens als ehemaliger Schalke-Trainer. Die Merchandising-Abteilung rechnet damit, 200.000 Rangnick-Voodoo-Püppchen verkaufen zu können (Stevens: 850.000).

10.) Durch einen sofortigen Wiederaufstieg im übernächsten Jahr könnten falsche Erwartungen geweckt werden. Hertha kann nur gesunden, wenn es die nächsten zehn Jahre am Abgrund entlang wankt. Das schult den Gleichgewichtssinn und erleichtert den präzisen Querpass in der eigenen Hälfte.

Der elfte Grund ist wegen einer Würgeattacke im eigenen Strafraum vom Platz gestellt worden. Aber hier hat Rehhagel bereits die Köpfe frei bekommen und für den Umschwung gesorgt. Am Samstag traf es Babel von Hoffenheim.

Leihfix statt Verleihnix am Valznerweiher

Am Tag des Derbys Club – Bayern verstieg sich Christof Kneer (SZ) zu der Aussage: „Dieser Tage sind die Bayern mit diversen Ausleihgeschäften gar eine Art Entwicklungshelfer für den fränkischen Rivalen.“ Es stimmt zwar, dass Breno und Ottl in der schwierigen Saison 2009/10 einen Beitrag zum Klassenerhalt geleistet haben und Ekici in der Vorsaison auch ganz gut war. Allerdings ist Bayern nur einer von vielen Vereinen, mit denen Nürnberg klug und planvoll Geschäfte macht. Hegeler, Risse und Reinartz kamen auf Leihbasis aus Leverkusen, Schieber und Didavi aus Stuttgart, Choupo-Moting vom HSV. Sie waren allesamt wichtige Ergänzungen, manchmal sogar Leistungsträger. Mit dem Risiko, jedes Jahr wesentliche Spieler zu verlieren, weiß der Club umzugehen. Es ist zwar ärgerlich, wenn Choupo-Moting und Risse als unabkömmlich zum Hausverein zurückbeordert werden, um dann alsbald an Mainz, einen Mitkonkurrenten um Platz 8 bis 15 weitergereicht zu werden, aber der Club leiht ja nicht nur Spieler aus.

Durch die Verkäufe von Diekmeier (HSV), Wollscheid (Leverkusen), Kluge (Schalke) und Gündogan (Dortmund) sowie schon vorher Kießling (Leverkusen), Vittek (OSC Lille) und Saenko (Spartak Moskau) hat sich der Club – ohne Entwicklungshilfe – nahezu schuldenfrei gemacht. Mit Eßwein, Chandler, Pekhart, Cohen, Nilsson, Simons, Frantz, Maroh sowie natürlich Schäfer und Pinola hat er einen soliden Stamm fest unter Vertrag, Feulner und Balitsch waren echte Schnäppchen. Längst hat es sich herumgesprochen, dass man in Nürnberg als junger Spieler überdurchschnittlich gute Entwicklungschancen hat. Mendler, Mak und Wießmeier sind Spieler, die vor dem nächsten Schritt stehen, Bunjaku ist ein Knipser auf Abruf.

Zuletzt waren es eher die Bayern-Verantwortlichen als die Clubfans, die nach einem Derby Grund hatten, vor Wut zu schäumen. Nach dem 1-1 2011 wurde van Gaal entlassen, das 3-0 im Jahr 2007 mit einem Tor des Ex-Löwen Markus Schroth war ein beeindruckendes Willkommensgeschenk für den gerade reaktivierten Trainer Hitzfeld.

Feulner spielte übrigens bis 2004 auch für die Bayern, ehe er über Köln, Mainz und Dortmund zum Club kam. Wer Kneer auf Teufel komm raus zustimmen will, wird in diesem Werdegang einen Beweis für seine These sehen.