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First and Ten – Superbowl 50

Bei ran konnte man in den letzten Wochen online und im Fernsehen die Playoffs der National Football League (NFL) sehen. Am 7. Februar steigt das Endspiel, der Superbowl 50.  Austragungsort ist das neue Stadion der San Francisco 49ers, die seit 2014 zuhause nicht mehr in Grumpy Old Candlestick Park spielen, sondern ein Stück weiter südlich in Santa Clara, mitten im Silicon Valley. Trotzdem heißt das Stadion nicht Yahoo oder Oracle, sondern Levi’s Stadium. Levi Strauss, der Erfinder der Goldgräberhose, kam ursprünglich aus dem fränkischen Buttenheim, zwischen Bamberg und Forchheim gelegen, nur so nebenbei. Die 49ers spielten eine miserable Saison, haben mit Chip Kelly aber einen sehr interessanten neuen Coach verpflichtet, vielleicht ein wenig mit Hans Meyer vergleichbar, sofern es einen Erdling gibt, der mit Hans Meyer vergleichbar ist. Im Endspiel stehen die Denver Broncos mit ihrem alten Schlachtroß Peyton Manning als Quarterback. Sie treffen auf die Carolina Panthers aus Charlotte, North Carolina mit dem ihrem Überflieger-Quarterback Cam Newton. Der legt so rotzfreche Laufspiele hin, dass er mich ein wenig an „Joltin‘ Joe“ Montana erinnert, der manchen als bester QB aller Zeiten gilt und ab 1981/82 mit dem Gewinn des Superbowl XVI die goldene Ära der 49ers einläutete.

Sie wissen nicht, was ein Laufspiel oder ein Quarterback ist? In diesem Fall ist die Berichterstattung auf Sat 1 rückhaltlos zu empfehlen. Die Sendungen zur NFL sind ein echter Geheimtipp. Eine gelungene Mischung aus hochkarätiger Fachsimpelei, hemmungsloser Begeisterung für diesen außergewöhnlichen Sport und hintergründigem Antifernsehen, das alles macht, außer sich selbst zu ernst zu nehmen.

Die Moderatoren zum Beispiel spielen ihr ganz persönliches Bullshit-Bingo. Eigentlich haken beim Bullshit-Bingo Fernsehzuschauer auf einem Zettel die Dauerphrasen von (Sport)moderatoren ab, sobald diese sie von sich geben. Bei ran NFL machen sich die Moderatoren selbst über ihre Phrasen lustig. Momentum zum Beispiel, eines der Schlüsselwörter in der Berichterstattung des US-Fernsehens, von dem ran die Bilder übernimmt. Es läßt sich kurz und knapp mit Eigendynamik des Spielverlaufs übersetzen.

Das Moderatorenteam bei ran besteht aus dem früheren Basketballer Frank Buschmann, Roman Motzkus, ehemals Wide Receiver bei den Berlin Adler, dem vormaligen Quarterback der Cologne Crocodiles Jan Stecker sowie Patrick Esume, der als Assistant Coach unter anderem bei den Oakland Raiders  in der NFL gearbeitet hat. Und dann gibt es noch einen gewissen Icke, der eigentlich Christoph Dommisch heißt, und vom Katzentisch aus vor einer großen Social Media Leinwand die Sendung mit dem üblichen Social Media Trash anreichert. Zum Beispiel zeigt er ein gepostetes Foto von Footballfans in Schottenröcken mit dem Hashtag #schottentragennichtsdrunter. Oder ein gepostetes Foto von Footballfans, die kleine Hüte aus gelbem (Plastik)Käse tragen, weil sie Fans der Green Bay Packers sind. Oder die tausend Smileys von Gisele Bündchen, wenn ihr Ehemann Tom Brady, Quarterback der New England Patriots, einen Touchdown-Pass geworfen hat. Oder einen Kalender, bei dem die Köpfe der fünf Moderatoren so elegant auf die Körper von NFL-Cheerleaders montiert sind, dass man sich an Windowlicker von Aphex Twin erinnert fühlt. Was man halt so zeigt, wenn es früh um halb fünf ist. Und was man natürlich auch unbedingt sehen will, wenn Quarterback Carson Palmer von den Arizona Cardinals gerade seine vierte Interception geworfen hat.

Der Umgangston ist fachlich kompetent, aber locker. Den einen Abend war „hamsti bamsti“ zu hören, eine schöne Reminiszenz an den frühen Robin Williams, als er noch Mork vom Ork war. Der Football heißt „das Brot“, man flachst sich an, springt brüllend vor Begeisterung vom Moderatorentisch auf, und ab und zu sagt einer „ohne Scheiß“. Das ganze hat den Charakter eines niveauvollen Kneipengesprächs unter Gentlemen. Keiner macht die Lieblingsmannschaft des anderen nieder, keiner will es den Zuschauern zeigen, niemand will Recht haben. Das ganze wird angereichert mit zahllosen Anglizismen. Der Quarterback wird von den Defensivspielern der gegnerischen Mannschaft gesacked, und eingesackt trifft es ganz gut, was ihm da passiert. Pässe werden overthrown, plays gecalled, geblocked wird one on one oder eins auf eins, und manch Quarterback zeigt gegen Ende des Spiels ein gutes clock management.

Für den Laien – sofern er ein Fünkchen Interesse für den Sport aufbringt – sind bei der ersten Begegnung mit (American) Football die millimitergenauen Pässe über manchmal dreißig, vierzig Meter das zunächst Faszinierende. Und Millimeter heißt hier wirklich Millimeter. Football ist um einiges präziser angelegt als Fußball. Für mich, der im Schlagballweitwurf immer eine Vier Minus hatte, grenzt es an Hexerei, wie man das Brot ohne Wobble/Flattern so weit so exakt werfen kann. Vor allem, wenn gerade vier 150-Kilo-Hünen auf den Werfer zustürmen.  Sagen wir es so: Eine erfolgreiche Footballmannschaft, egal ob Offensive oder Defensive, spielt mit der Präzision eines Symphonieorchesters, nicht nur, was Notenwerte und Tonart angeht, sondern bis in die Phrasierung hinein. Ein sehr gutes Fußballspiel ist im Vergleich dazu eine richtig geile Jam Session. Man hat sich vorher auf die Form geeinigt (Blues in F oder Summertime bzw. Viererkette, Ecke auf den kurzen Pfosten), die Details ergeben sich aus der Situation. Es gibt im Fußball mehr Freiräume, mehr Platz zum Improvisieren.  Anders als im American Football gibt es mehr Möglichkeiten, einen Fehler zu korrigieren und Eigeninitative zu entwickeln.

Die eigentliche Seele des Spiels aber sind die Laufspiele. Ein Spieler rennt mit dem Ball unter dem Arm und wird frei gesperrt oder durch gegnerische Blocks gestoppt. Diese Suche nach dem freien Raum in Sekundenbruchteilen, die einstudierte Choreographie des Laufspiels und ihre Zerstörung, das gibt dem Spiel die taktische Tiefe. Die Viererkette der Italiener bei der EM 2000 – Cannavaro, Nesta, Pessotto, Maldini – hatte eine Schönheit in ihrer Präzision, die gutem Laufen und Blocken im Football nahekommt. Aber auch nur nahekommt.

Viel besser erklären als ich kann das Patrick Esume, dessen Erläuterungen zu den einzelnen Spielzügen, taktischen Optionen, Fehlern und Geistesblitzen das Interessanteste und Beste an Sportberichterstattung ist, seit Franziska van Almsick die Schwimmwettkämpfe bei den Olympischen Spielen in London 2012 kommentierte. Esume und die Gang von ran sowie van Almsick teilen eine Gemeinsamkeit: Respekt vor dem Athleten. Nicht Respekt vor dem erfolgreichen Athleten, sondern auch vor der Tatsache, dass jeder Wettkampf Verlierer braucht, um Sieger hervorbringen zu können. Das Auftreten der deutschen Schwimmer in London war wenig erfolgreich. Aber auch wenn ihr Co-Moderator den sportlichen Wert dieser Schwimmwettkämpfe auf die Frage reduzieren wollte, warum denn die deutschen Schwimmer aus seiner Sicht so jämmerlich versagt hatten, van Almsick wich keine Sekunde von ihrer Linie ab, den Sport zu erläutern. Sie sprach über Trainingsabläufe, mentale Vorbereitung, Taktik im Rennen, über alles, aber niemals bemängelte sie fehlende Siege oder machte ihren Kolleginnen und Kollegen Vorwürfe.

Beim zweiten Halbfinalspiel der NFL (eigentlich war es die NFC Championchip, aber das würde hier zu weit führen) trafen mit den Arizona Cardinals und den Carolina Panthers die punktbesten Mannschaften der Regular Saison aufeinander. Die Panthers gewannen 50-15, Carson Palmer, der Quarterback der Cardinals, warf das Brot vier Mal zum Gegner, der beste Passfänger des Teams Larry Fitzgerald, ließ zweimal unbedrängt den Ball fallen, was ungefähr so gravierend ist wie Kahns Patzer im WM-Endspiel 2002.

Von Häme im ran-Studio keine Spur. Bis zum Schluß grübelten die Moderatoren, was den Cardinals vielleicht noch einfallen könnte, woran es liegen konnte, welche Fehler gemacht wurden, warum die Panthers so stark waren. Sie machten ihren Job, erklärten und analysierten, was da gerade passierte, immer wieder aufgelockert durch Ickes situationistische Einlagen. Es war bei allen Spielen sehr viel Respekt vorhanden für eine Mannschaft, die gerade nach allen Regeln der Kunst in ihre Einzelteile zerlegt wurde, für jeden Spieler, der durch einen individuellen Fehler zur Niederlage seiner Mannschaft beitrug.

Es ist kein Zufall, dass es Ex-Profis sind, die in diesen Situationen einen anderen Zungenschlag pflegen als die meisten Journalisten.  Und es ist auch kein Zufall, dass es Randsportarten sind, die einen anderen Umgang ermöglichen als das dauernde Warten auf den Erfolg, die Spitzenleistung, das Jahrhundertmatch. Auch wenn alle froh sind, wenn der Medaillensegen wächst, ja, auch Schwimmen ist eine Randsportart.

Am anderen Ende der Fairness-Skala findet sich der jetzt ob seines bevorstehenden Abschieds hochgelobte Marcel Reif. Mag sein, dass er mit der deutschen Sprache präziser umgeht als die meisten seiner Kollegen, zugleich ist er aber auch der Großmeister der Herablassung. Würde man Bullshit-Bingo spielen, während Marcel Reif ein Spiel moderiert, könnte man früher oder später das Wort „Klassenunterschied“ von seinem Zettel streichen. Keiner ist so schnell bei der Hand, wenn es darum geht, einer von zwei Mannschaften die sportliche Berechtigung grundsätzlich abzusprechen. Auch die von ihm gern gebrauchte Formulierung „X kann sich nur selbst schlagen“ bedeutet die vollkommene Entwertung eines der beiden Kontrahenten. Wenn sich X nur selbst schlagen kann, dann ist Y eigentlich überflüssig, dann muss man weder wissen, wie das Spiel ausgeht, noch Y Respekt dafür zollen, dass sie es an einem Tag, in einem Spiel geschafft haben, besser oder glücklicher zu sein als X. Dann ist Y ein Hochstapler, wenn es gewinnt. Denn Y hat gar nicht gewonnen, X hat sich selbst geschlagen.

Reif ist die Galionsfigur einer Sportberichterstattung, die sich (im Fernsehen) fast immer als todernstes Weihfestspiel, oftmals mit nationalem Auftrag sieht. Es gibt keinen Schnack, keine Lässigkeit, keine Albern- und Blödheiten, naürlich auch nicht bei ran und Sat 1 in seiner Fußballberichterstattung. Man will Sieger zeigen, nicht den Sport vermitteln. Die meisten Kommentatoren sind Einpeitscher, die bei jedem Spiel mit deutscher Beteiligung von der ersten Sekunde an Argumente zusammentragen, warum nur die Deutschen – egal ob Nationalelf oder Verein – dieses Spiel gewinnen werden. Wenn Per Mertesacker nach dem Achtelfinale 2014 gegen Algerien die Faxen dicke hat, wird er zum Problemfall abgestempelt. Gewinnen ist etwas Schönes, gewiss. Der Pokalsieg von Nürnberg wärmt auch nach neun Jahren noch die Seele in düsteren Zweitligazeiten. Das 7-1 gegen Brasilien waren neunzig Minuten Genialität und Schönheit. Aber der Respekt vor dem Verlierer ist so wichtig wie die Freude über den Sieg. Man kann von „seinem“ Sport nur dann so rückhaltlos begeistert sein wie die Leute bei ran NFL, wenn man die Notwendigkeit der Niederlage akzeptiert hat. Man kann das Leben nur wirklich lieben, wenn man seine Sterblichkeit akzeptiert hat.

Kickoff für den Superbowl 50 ist in der Nacht von Sonntag auf Montag um 23.15 Uhr. See you in the end zone.

Wo warst du, als…?

Den gestrigen historischen Fußballabend verbrachte ich in einer wunderbaren Bar in Friedrichshain. Als fairer Sportsmann trank ich zur Unterstützung des Schiedsrichters Corona-Bier und aß ein paar Tacos. Nach dem 1-0 schenkten die Barleute kostenlosen Tequila an ihre etwa 30 Gäste aus, pro Tor ein Tequila versprachen sie uns,und ich sagte vorwitzigerweise „Wenn ihr das macht, seid ihr am Ende pleite“. 20 Minuten später, also nach Khediras 5-0 entschieden sie sich sinnvollerweise für einen Pauschalrum für alle Tore und gaben in Halbzeit Zwei noch einen obendrein.

Nicht nur für unsere us-amerikanischen Freunde Bündnispartner Interessenkonkurrenten Touristen waren die Geschehnisse unerklärlich. Einer merkte vorwitzig an: Wir haben nur 1-0 verloren, und in der Tat geben die USA oder Costa Rica oder Bosnien-Herzegowina wertvolle Hinweise auf die Gründe für diesen Spielverlauf.

Sicherlich haben der Ausfall von Neymar und Thiago Silva Brasilien erheblich geschwächt. Stellen wir uns vor, Müller wäre im Viertelfinale aus dem Turnier gefoult worden und Lahm wäre gelbgesperrt gewesen. Anders als die Brasilianer wäre das deutsche Team trotzdem nicht so auseinandergefallen. Man hätte vielleicht verloren, aber sich nicht binnen sieben Minuten komplett aufgegeben. Was uns zu den USA, Costa Rica und BiH bringt, die alle als Team überragend funktioniert haben. Brasilien ließ sich auf den Personenkult um Neymar ein, befeuerte ihn sogar noch. Wenn dieses Spiel mit einem anderen vergleichbar ist, dann mit dem WM-Finale 1998. Dort gab es mit Frankreich auch einen erfreulichen und verdienten Sieger, und der vermeintliche Superstar Ronaldo war genauso platt und enttäuschend wie seine Mitspieler. Auch diesmal wurschtelten sich die Brasilianer mehr schlecht als recht durch das gesamte Turnier und konnten nie – anders als die Spanier in ihrer Epoche – eine schlüssige Spielidee präsentieren. Die Methode Gewonnen, egal wie, reicht für ein Halbfinale, hat auch bei Deutschland schon zu manchem Halbfinale gereicht, reicht aber nie für einen Titel.

Ein weiterer Grund für den Spielverlauf ist das 4-4 gegen Schweden, vielleicht der heilsamste Schock unter Löw überhaupt. In der 60. Minute dachte ich daran, dass das 4-4 in der 70. Minute seinen Anfang genommen hatte. und war gespannt. Dann machte Schürrle das 6-0 und zerstreute alle Bedenken. Wer das 1-0 gegen Brasilien macht, denkt sich: ein 1-0 wird nicht reichen. Besser noch eins nachlegen. Und das 2-0 entwickelte eine unglaubliche Sogwirkung. In den besonderen fünf Minuten erzielte Deutschland das gleiche Tor dreimal. Pass auf halblinks in die Schnittstelle, rechts quergelegt, alle Brasilianer irren eurythmisch durch den Strafraum, drin isser. Wenn Deutschland gewollt hätte, hätte dieses Spiel zweistelling ausgehen können. Glücklicherweise wollten sie nicht, glücklicherweise spielte Brasilien in Würde weiter und kam zu seinem Ehrentreffer, der vielleicht besser Würdetreffer heißen sollte.

Der Hauptgrund aber ist, dass es Löw und Flick und Köpke und Bierhoff gelungen ist, ein funktionierendes Team zu bauen. Es war zu beobachten, dass diesem Turnier der große Favorit fehlt. Ergänzend könnte man sagen, dem deutschen Team fehlt die Überfigur. Und zwar nicht, weil sie alle im Mittelmaß verschwinden, sondern weil jeder in der Lage ist, ein besonderes Spiel zu liefern. Gegen Portugal überragte Müller, gegen Ghana war Klose zur Stelle, gegen die USA holte sich  Schweinsteiger seinen Stammplatz zurück. Gegen Algerien war es Neuer, gegen Frankreich Hummels, gestern Kroos. Wer weiß, wer am Sonntag zur Stelle sein wird. Dieses Team bietet eine besondere Mischung aus Coolness und Leidenschaft, die viel Freude macht. Müller im Interview gestern zum Beispiel, ohne einen Anflug von Hochmut oder Selbstgefälligkeit. Einen Effenberg oder Matthäus nach einem 7-1, egal gegen wen, mag ich mir gar nicht vorstellen. Ergebnisfußball? Mit solchen Ergebnissen gerne.

Bleibt noch der Sonntag. Der berühmte letzte Schritt. Nachdem alle meine Favoriten vorzeitig das Zeitliche gesegnet haben, tue ich Holland sicher keinen Gefallen, wenn ich sie zum Finalgegner ausrufe. Aber alles andere wäre eine große Überraschung. Was das Teambuilding angeht, gilt auch für Oranje. Die notorischen Streithansel des Weltfußballs sind taktisch souverän, haben fünf, sechs Leute, die im entscheidenden Moment über sich hinauswachsen können. Ihr Trainer ist ein schlauer, alter Sack Fuchs.  Auch sie haben ihre Spieler für besondere Momente. Van Persie gegen Spanien, Depay gegen Australien, Huntelaar gegen Mexiko, Krul gegen Costa Rica. Und natürlich Robben.  Ich habe noch nie einen Spieler gesehen, der so darauf brennt Weltmeister zu werden wie diesen Arjen Robben. Seine Ansprache vor der Verlängerung gegen Costa Rica ist genauso historisch wie Kloses 16. Tor. Und van Gaal, der vermeintliche Sturkopf, ließ ihn gewähren.

1974 hat eine Mannschaft Brasilien 2-0 rauschhaft an die Wand gespielt. Den Titel geholt haben am Ende die Anderen.

 

 

 

 

Die Mannschaft lebt, Charlie Brown

Nachdem ich gestern in der Süddeutschen Zeitung ARD und ZDF Beweihräucherung der deutschen Mannschaft vorgeworfen habe, kann ich jetzt Boris Büchler schlecht wegen vermeintlich hyperkritischer Fragen an Per Mertesacker kritisieren. Büchler ist einer der Lichtblicke beim Umgang mit Interviewpartnern. Aber ich kann Mertesackers Reaktion bei diesem kleinen Scharmützel verstehen. Seine Gegenfrage: „Wollen Sie, dass wir toll spielen und dann wieder rausfliegen?“ war großartig.

Mir fällt jetzt leider nicht ein, welcher Trainer gesagt hat, dass man auf dem Platz dauernd denken muss, dauernd überlegen muss, was man tut, damit man gewinnt, und wenn man aufhört zu denken, verliert man das Spiel. Klingt irgendwie nach dem Kopfarbeiter Guardiola, aber vielleicht war es auch jemand anderes. Löw? Ancelotti? Tuchel? Die deutsche Mannschaft jedenfalls hat genug von rauschhaften Siegen. Wer sich in einen Rausch spielt, denkt nicht nach. Alles läuft von allein, jeder Schuß ein Treffer. Alle jubeln, alles schick. Wenn dann das erste Spiel kommt,  nachdem der Rausch verflogen ist, weiß man nicht mehr weiter, dann fliegt man raus, geht an seiner Einfallslosigkeit zugrunde. Wie gegen Spanien 2010 und gegen Italien 2006. Deshalb auch die beinahe betretenen Reaktionen der Spieler nach dem Spiel gegen Portugal. Sind wir schon wieder so weit? Geht das schon wieder los?

Rausch ist keine Strategie. In den beiden schwierigen Spielen gegen Ghana und Algerien haben Löw und seine Spieler nach einer Antwort suchen müssen und jeweils die passende gefunden. Gegen Ghana setzten Schweinsteiger und Klose die entscheidenden Impulse, gegen Algerien war es der Superjoker Schürrle, der seit vielen Spielen immer da ist, wenn man ihn braucht. Es ist schön zu sehen, wie sich die drei „Engländer“ Özil, Schürrle und Mertesacker weiterentwicklen, auch wenn ihre Vereine keine ganz große Saison hatten.

Nach dem Ausscheiden von Mustafi spielte die alte Doppelsechs Khedira/Schweinsteiger und Lahm war endlich wieder außen. Also die Grundausrichtung von 2012. Entscheidend daran ist der zwischenzeitliche Lernprozess. Wenn sie mit dieser Startelf angefangen hätten, die Platzhirsche Khedira und Schweinsteiger durchgeschleppt hätten, bloß weil sie immer schon so gespielt haben, dann wäre das zu wenig durchdacht gewesen. Gedankenlos. Jetzt, nach vier Spielen mit vier verschiedenen Aufstellungen, spricht tatsächlich alles dafür, Lahm nach außen zu ziehen, schon allein, weil Kramer ja auch noch da ist. Der gab als WM-Debütant eine sehr entschlossene Figur ab, patzte hinten nicht und tummelte sich ab und zu auch vorne.

Dieses hart umkämpfte, klug herausgespielte und glückliche 2-1 gegen wirklich grandiose (und im Abschluß zu schlampige) Algerier hat einen sportlich viel höheren Stellenwert als die beiden überlegen geführten Spiele gegen England und Argentinien 2010. England ist seit 1996 ein Schatten früherer Tage, Argentinien stand vor vier Jahren im ganzen Turnier neben sich. Das führt zu der Frage, wie die Fußballöffentlichkeit hierzulande die Gegner einschätzt (erster Impuls immer noch: Die hauen wir weg) und welche Art von Spiel sie glücklich machen würde. Wer erwartet denn heutzutage noch Kantersiege in einem Achtelfinale? Bei dieser WM gab es zwei Spiele mit zwei Toren Unterschied, zweimal Elfmeterschießen, eine Verlängerung und die Beinahe-Verlängerung bei Holland – Mexiko. Wäre ein Achtelfinale wie gegen Schweden 2006 besser gewesen? Zwei schnelle Tore und dann 80 Minuten lang Ergebnis verwalten gegen einen überforderten Gegner? Dann doch lieber in jedem Spiel gefordert werden.

Natürlich ist es nervenzerfetzend, wenn Neuer viermal im Eins gegen Eins klären muss, aber im Vergleich zu Balotellis 2-0 im Halbfinale 2012 kommt die Mannschaft mit überfallartigen Kontern mittlerweile viel besser zurecht. Außerdem ist eine hochstehende Viererkette mit dem beidhändigsten Libero der Welt natürlich viel aufregender gegen eine tolle Kontermannschaft, als sich am eigenen Strafraum bis zum Stehkragen einzubunkern. Nebenbei: Wenn die Deutschen sich nicht Chance auf Chance erspielt hätten, hätte M’Bohli keine Weltklasseleistung zeigen müssen.

Erfreuliche Kleinigkeiten: Özil glänzt nicht, aber er hat in der zweiten Halbzeit einen defensiven Zweikampf nach dem anderen gewonnen und das entscheidende Tor gemacht. Schweinsteiger kann über 90 Minuten eine WM-taugliche Leistung abrufen. Löw hat im Rahmen der Möglichkeiten seinen Kader klug zusammengestellt. Man kann natürlich die Frage stellen, warum ein so erfahrener und defensiv polyvalanter Spieler wie Gonzalo Castro nicht dabei ist, aber das gestörte Verhältnis des DFB zu Spielern von Bayer Leverkusen würde den Rahmen sprengen.

Gegen Frankreich müssen sie sich wieder etwas einfallen lassen. Ich hoffe Lahm spielt außen, es ist eine andere, bessere Mannschaft, wenn er außen spielt. Schön, das mal in einem Spiel als Kontrast gesehen zu haben. Als Sechser macht er wenig falsch, als Außenverteidiger ist er eine Klasse für sich. Sieben-Titel-Götze dürfte sich hoffentlich aus der ersten Elf gespielt haben. Ich hoffe, Hummels ist wieder dabei und Müller bleibt fit. Und dann – auf zur nächsten Denksportaufgabe.