Kategorie: DhmFnmzt

Sich einen runterhoolen – eine alte abendländische Tradition

Elf Anmerkungen zum bisherigen Verlauf der EM (Spiel 1 bis 10, ohne Gruppe F):

1.) Es noch gar nicht so lange her, da wurde hierzulande der Untergang des Abendlands beschworen, weil in deutschen Innenstädten Korane verteilt wurden. Die Reaktionen auf die völkervertrimmenden Krawalle in Frankreichs Innenstädten fallen im Verhältnis dazu reichlich verhalten aus. Ist halt alte abendländische Tradition, sich in überbordender Männlichkeit gegenseitig die Fresse zu polieren. Die russischen Hooligans haben sich vor Gericht ebenso in Luft aufgelöst wie einst die Massenvernichtungswaffen von Saddam Hussein. Mit dem schlimmen Wort von der Lügenpresse hat das natürlich nichts zu tun, es handelt sich lediglich um bedauerliche Recherchefehler.

2.) Die Vorberichte im ZDF zum Eröffnungsspiel fielen dadurch auf, dass die Equipe Tricolor keinen Gegner hatte. Kein Wort über Rumänien, auch nicht über den Trainer Anghel Iordanescu, der  immerhin zweimal den Europapokal der Landesmeister bzw. die Champions League gewann. Stattdessen tatsächlich bewegte Bilder vom WM-Halbfinale 1982 mit Marius Trésor, aber kein rumänischer Studiogast. Warum nicht Dorinel Munteanu, als Trainer mit Galati rumänischer Meister 2011? Ansonsten teilweise recht gute Spielberichte (Claudia Neumann) und auch eine sehr realistische Kommentierung der Leistung der deutschen Mannschaft gegen die Ukraine (Gerd Gottlob). Selbst Tom Bartels war erträglich. Dazu noch ein O-Ton: Die Welt: Wie läuft eine Turniervorbereitung für Sie? Béla Réthy: Da gilt es, so viel wie möglich über die Teams zu recherchieren und wichtige Daten zusammenzutragen. Ich kann es kaum erwarten.

3.) Die Chance, als Gruppendritter weiter zu kommen, ermuntert die meisten Mannschaften, offensiver zu spielen. Man hat nicht den Wahnsinnsdruck, mit einer Auftaktniederlage gleich alles versaut zu haben. Ausnahmen wie Spanien 2010 bestätigen diese Regel. Bisher fallen die sogenannten Fußballzwerge in keinster Weise negativ auf. Es ist eben nicht die dritte, sondern die erweiterte zweite Reihe, die dabei ist: WM-Dritte wie Rumänien und die Türkei und große Fußball-Nationen, die in letzter Zeit wenig gerissen haben wie Ungarn, Tschechien und Portugal. Man weiß bis zum Schluß der Vorrunde nicht, gegen wen es geht. Hat Charme, dieser Modus.

4.) Das beste Spiel – bevor die Gruppe F an den Start ging – war Belgien gegen Italien, aber gleich danach kam für mich Wales gegen die Slowkei. Zwei gleichstarke Gegner, die alles probierten. Dazu der verdiente Sieger Wales, der in der Lage war, nach dem Ausgleich sehr schnell taktisch und spielerisch zu reagieren. Alle Spiele sind sehr fair, auch ein Zeichen dafür, wie viel besser das technische Niveau geworden ist.

5.) Die Engländer haben eine Mannschaft zum Liebhaben: Alli, Sterling und die anderen jungen Wilden sind mit heißem Herzen und spielerischer Leichtigkeit dabei. Aber mit dieser Chancenverwertung werden sie nicht weit kommen. Die ultimative Kränkung wäre es, wenn eine der anderen Mannschaften von den Inseln weiterkommt und die Three Lions nicht. Wales is waiting.

6.) Der Turnierstart der deutschen Mannschaft war besser als erwartet. Und dann auch noch zu Null, nach dem fröhlichen Scheibenschießen in den letzten zwei Jahren. Zu sehen gab es sehr viel Glück, einen sehr guten Neuer und schon ziemlich viele Ideen in der Offensive. Özil kommt in der allgemeinen Einschätzung zu schlecht weg. Er hat gerackert für drei und Schweinsteiger das 2-0 präzise aufgelegt. Nach all dem Hype um Odonkor wegen einer guten Flanke 2006 hat Özil mehr Respekt verdient. Ich hätte mir gewünscht, dass Boateng Kapitän ist, das wäre mal eine Ansage gewesen. Und Schweinsteiger hat immerhin schon Luft für sieben Minuten. Das läßt hoffen für die 1113. Minute in einem KO-Spiel.

7.) Eine seltsame Stimmung liegt über dem Turnier. Die EU steht möglicherweise vor ihrem Zerfall, mit zwei Teilnehmern – Türkei und Russland – gibt es massive Konflikte, allenthalben dräut und droht ein terroristischer Anschlag. Die Leute feiern, aber selten war es bei einem Turnier so deutlich zu spüren, dass Fußball eine Nebensache. Eine EM am Vorabend. Aber von was?

8.) Am besten trat neben den aus dem Nichts wieder erstarkten Italienern bisher Kroatien auf. Technisch überragend, in den Zweikämpfen giftig, aber nicht brutal, immer in der Lage, das Spiel zu machen. Und gespickt mit hervorragenden Einzelspielern: Srna, Mandzukic, Modric.

9.) Die Schiedsrichterleistungen sind bisher überwiegend gut. Bis auf den übersehenen Ellbogen von Giroud beim 1-0 gegen Rumänien gab es praktisch keine Fehlentscheidungen. Noch beeindruckender: Es scheint, die Schiedsrichter haben sich auf eine gemeinsame Linie geeinigt – wenige Karten, viel laufen lassen, sehr viel reden. Das gab es noch nie: Die Spielleiter verpassen einem Turnier ihre spielübergreifende Handschrift.

10.) Ibrahimovic hat den Ausgleich der Schweden erzwungen, aber ingesamt kommt es mir so vor, als sei das Modell 1 Superstar und 10 Wasserträger ein Auslaufmodell. Rooney ist ein mannschaftsdienlicher Kükenhirte geworden, Bale zerstreut erfolgreich seinen Kultstatus, Schland und Kroatien kommen ohne Superstar gut zurecht. Mal sehen, wie sich CR7 hineinfindet in seine Rolle als leader of the pack einer neuen Generation.

11.) Die Franzosen sind deutlich verbessert im Vergleich zu den letzten Turnieren. Sie tragen ihre Last der Erwartungen bisher mit mehr Esprit als die Brasilianer vor zwei Jahren. Aber Les Bleus werden ohne Zidane für mich immer unvollkommen sein. Wie ein Orchester ohne Violinen, ein Wald ohne Vögel, ein Essen ohne Gewürze. Trotz Lahm und Klose, Xavi und Iniesta, Buffon und Pirlo, bleibt Zizou die überragende Persönlichkeit der letzten 20 Jahre. Diese französische Mannschaft könnte aus seinem Schatten treten.

F wie Watzke

Die interessantesten Begegnungen hat man ja meistens im Zug. Neulich saß ich an einem Vierertisch einem Mann gegenüber, der vor sich die Kataloge verschiedener thailändischer Bordelle ausgebreitet hatte. Er schrieb Zahlen auf ein Stück Papier, strich sie wieder durch, addierte und multiplizierte und murmelte dabei fröhlich vor sich hin. Manchmal schlug er einen Katalog auf, markierte eines der zahlreichen Bilder mit einem Filzstift, wobei er anerkennend durch die Zähne pfiff.  Als ich ihn fragte, was er da mache, erklärte er mir, er sei der Vorsitzende und Urlaubswart des Kaninchenzüchtervereins in Kleinwölferode und dafür zuständig, die gemeinsame Reise nach Thailand zu planen. Dort wollten er und seine Jungs erstens „die Sau rauslassen“, zweitens „die Kuh fliegen lassen“ und drittens „nicht jeden Cent dabei umdrehen.“

Auf meinen Einwand, dass Prostitutionstourismus ja nicht unbedingt vorbildlich sei, und gerade der Kaninchenzüchterverein Kleinwölferode für die vielen Millionen Jugendlichen im Land, die ihr Herz an die possierlichen Kleinnager gehängt hätten, ein Fixstern am Ethikhimmel sei, bezeichnete er mich als Gutmensch und erklärte  brüsk: „Wir zahlen das und hauen wieder ab. Das ist eine reine Geschäftsbeziehung.“ Ich schwieg, denn von dieser Seite hatte ich das noch gar nicht betrachtet.

Dabei ist die Erkenntnis ebenso schlicht wie klar. Der Verein bezahlt nicht nur für die am Reiseziel in Anspruch genommenen Dienstleistungen, sondern indem er zahlt, kann er auch die Rechtfertigung für sich beanspruchen, dass Geschäftsbeziehungen moralisch nicht kritisiert werden könnten, weil sie ja gerade Geschäftsbeziehungen seien.

Was mich zu einem Aspekt bringt, der mit Fußball noch weniger zu tun hat als Kaninchenzucht in Kleinwölferode. Die Frage, welche Faktoren zum rasend schnellen Erfolg des NS-Regimes geführt hat, beantwortet der Soziologe Rainer C. Baum mit dem Hinweis auf den Verlust der professionellen Standards in den deutschen Eliten: Richter wurden zu Henkern in Robe, Polizisten von Freunden und Helfern zu Exekutoren von Massenerschießungen, Ärzte heilten nicht mehr, sondern ermordeten wehrlose Patient_innen. Auch Militär, Verwaltung, Professoren und Journalisten spielten ihren Part.

Was mich etwas besorgt, ist, dass die Manager der großen Unternehmen ihre berufsspezifische Ethik gar nicht erst Preis geben mussten, um zu Komplizen und ausführenden Organen der NS-Verbrechen zu werden. Der Arzt musste seinen hippokratischen Eid brechen und durch den Eid auf Hitler ersetzen. Er ersetzte seine Berufsethik durch eine völkische Ethik. Ein Manager allerdings machte das, was er vor und nach der NS-Zeit auch machte: Er betrieb Gewinnmaximierung. Dazu kaufte er die Ware Arbeitskraft dort ein, wo sie am billigsten war. Er hätte einen schlechten Job gemacht, wenn er nicht auf die von der SS angebotenen Zwangsarbeiter_innen zurückgegriffen hätte. Das Verhältnis zur SS war das zwischen Kunde und Dienstleister.

Es geht hier nicht darum, das NS-Regime ökonomisch zu erklären. Es ist viel komplizierter. Es geht auch nicht darum, jede fragwürdige Fernreise unter Faschismusverdacht zu stellen. Die moralische Indifferenz der Verantwortlichen damals und heute hat völlig unterschiedliche Dimensionen. Es geht aber wohl um die schrecklich schlichte und schrecklich falsche Vorstellung, ökonomische Entscheidungen seien moralisch nicht angreifbar, weil sie allein einer ökonomischen Zweckrationalität folgten. Von einem Vorsitzenden eines kleinen Kaninchenzüchtervereins kann man dazu sicherlich keine differenzierte Antwort erwarten. Hoffentlich sind wenigstens die Fair-Play-Trikots frisch gewaschen, wenn er und seine Jungs in Thailand in den Puff gehen.

Markenpflege im Land der 1000 Peitschenhiebe

Am Samstag gewann der FC Bayern ein Testspiel gegen Al-Hilal in Riad mit 4-1. Bis auf das Gegentor eigentlich nichts Besonderes, wäre Riad nicht die Hauptstadt von Saudi-Arabien. Dort hat ein Gericht den Blogger Raif Badawi im Sommer 2014 zu einer Strafe von 1000 öffentlichen Peitschenhieben verurteilt, von denen die ersten 50 Schläge am 9. Januar 2015 vollstreckt wurden. An diesem Tag begann auch das Trainingslager des FC Bayern in Katar. Von dort ging es weiter nach Riad, wo die zweiten 50 Schläge just an jenem Tag ausgesetzt wurden, als die Bayern gegen Al-Hilal einen weiteren wichtigen Schritt auf dem Weg zur Weltmarke machten. Aus gesundheitlichen Gründen, wie es hieß. Würde man die Höhe der Antrittsprämie für das Spiel gegen Al-Hilal kennen, könnte man ausrechnen, wieviel Geld die Bayern pro Peitschenhieb kassiert haben.

Dieses erbärmliche Gebaren hat dankenswerterweise @agitpopblog in einem offenen Brief, den Die Zeit online gestellt hat, kritisiert. Der Autor, der als Baron von Agitpop twittert, präsentiert als sein Logo einen grimmigen Dettmar Cramer und ist Bayern-Mitglied. Das heißt, er war es, denn mit dem Offenen Brief hat er auch gleich seine Austrittserklärung auf die Post gebracht. Das ist vorbildlich, und es gibt auch einige andere twitternde Bayernfans, die ein erfreulich hohes Problembewußtsein besitzen, was die Lebenslügen ihres Herzensvereins angeht.

Natürlich hat Sport nichts mit Politik zu tun. Jedenfalls dann nicht, wenn die Politik sich zum Nachteil des FC Bayern auswirken könnte. Das ist die erste und wichtigste Regel im Sportjournalismus. Vor einigen Jahren gab es einen vielstimmigen Aufschrei der Empörung, als Gazprom Trikotsponsor von Schalke 04 wurde. Seit Gazprom einer der Hauptsponsoren der Champions League ist, kräht kein Hahn mehr nach den ökonomischen Beziehungen zwischen deutschen Profivereinen und dem russischen Energieversorger. Der ästhetisch ansprechend gemachte Werbespot schafft die ökonomische Basis für die Anschaffung der Götzes und Xabi Alonsos und die ausführlich abgefeierte Abzahlung des Stadions in Fröttmaning. Für den unwahrscheinlichen Fall, dass Bayern vor den Schalkern aus der laufenden CL ausscheidet, werden die Hinweise, dass Schalkes Erfolg den faden Beigeschmack von Gazproms Sponsoring hat, nicht lange auf sich warten lassen.

Zurück nach Riad, die beste Adresse für Marketing und Markenpflege im Nahen Osten: Am 21. August 2104 meldete Human Rights Watch, dass in den 17 Tagen zuvor mindestens 19 Menschen in Saudi-Arabien hingerichtet worden seien. Bei wenigstens einer Hinrichtung wurde der Verurteile öffentlich geköpft, eine Vorgehensweise, die man versucht, zum Alleinstellungsmerkmal von ISIS aufzubauen, auch wenn „der wichtigste westliche Verbündete in der arabischen Welt“ seit Jahr und Tag diese Praxis an den Tag legt. Wer deshalb gleich Luftschläge gegen die Henker von Riad fordert, sollte bedenken, dass im schlimmsten Fall auch deutsche Nationalspieler unter den Opfern sein könnten.