Monat: Mai 2016

Ohne vier, spiel fünf

Das Wetter war zwar schlecht am Sonntag, aber der Test gegen die Slowakei hat gezeigt, dass die vielen jungen Spieler zwar talentiert sind, aber ihr Talent nur zeigen können, wenn sie in einer funktionierenden Mannschaft spielen. Julian Brandt war bei Leverkusen im Schlußspurt überragend, Leroy Sané hatte starke Momente, wenn Schalke einen guten Tag erwischte. Keiner der Kandidaten war jedoch in der Lage, nach dem plötzlichen Rückstand kurz vor der Pause gegenzusteuern. Das deutsche Spiel erstickte nicht in Wasserlachen, sondern an der Halbherzigkeit der Protagonisten. Insofern wundert es mich schon, dass Spieler wie Gonzalo Castro und Lars Stindl überhaupt keine Rolle spielen. Castro hat eine sehr gute Saison gespielt und war für mich der beste Spieler im DFB-Pokalfinale. Castro und Stindl sind nach Thomas Müller (und dem verletzten Ilkay Gündogan) die notenbesten deutschen Mittelfeldspieler im kicker. Beide sind extrem vielseitig und zweikampfstark, beide haben ihre Fähigkeiten als Führungsspieler schon nachgewiesen. Beide haben sich in neuen Mannschaften sehr schnell als Leistungsträger etabliert. Natürlich sollten stetig junge neue Spieler herangeführt werden, aber mit den Verletzungen von Hummels und Schweinsteiger wackelt das Zentrum doch gewaltig. Auch Joshua Kimmich braucht starke Nebenleute, um die Sicherheit für sein Spiel zu finden. Streichen würde ich in jedem Fall Reus, der in den letzten Wochen eher sehr verhalten auftrat und völlig erschöpft wirkt, sowie Schweinsteiger, weil die Idee, ihn im Turnier aufzubauen, 2012 schon einmal völlig daneben ging. Ansonsten wäre mir Weigl im Kader lieber als Kimmich, Sané sollte mit, auch Podolski, weil es im Moment zu wenig gesunde, erfahrene Spieler gibt. Es muss alles passen, damit das Team den Verlust von Lahm, Mertesacker und Klose wenigstens ansatzweise auffangen kann.

Das Drama des begabten Kindes

Mario Götze ist nicht der erste hoffnungsvolle deutsche Spieler, der mit einem Wechsel zum FC Bayern München seine Karriere ruiniert, auf Null abgebremst oder zumindest aus der Bahn gesteuert hat.  Jan Schlaudraff (Saison 2007-08 / 8 Bundesligaspiele / 150 Spielminuten), Alexander Baumjohann (2008-09 / 3 / 90), Mitchell Weiser (2012-15 / 16 / 914), Jan Kirchhoff (2013-14 / 7 / 82), Sebastian Rode (2014-16 / 38 / 1359) heißen die Opfer der letzten Jahre. Alle hatten vor ihrem Engagement bei Bayern eine tragende Rolle in ihren Vereinen oder dort sehr jung eine sehr gute Saison gespielt.

Keiner von ihnen würde zugeben, dass der Wechsel zum „Branchenprimus“ ein Fehler war. Zumeist murmeln die Kandidaten auf diese Frage meist mehr oder weniger verkniffen etwas davon, dass sie auf höchstem Niveau arbeiten durften und unglaublich viel dazu gelernt haben. Richtig ist, dass sie nach der langen Bankdrückerei nicht nur mit einer super-super-super Gesäßmuskulatur zu ihrem nächsten Arbeitgeber wechseln. Auch eine berufliche Perspektive als Gebietsleiter im Außendienst für diejenigen ergonomischen Sitzmöbel, die man so ausgiebig kennenlernen durfte, ist nach dem Ende der sportlichen Laufbahn für den langfristig planenden Profi von heute ein echter Zugewinn. Mitchell Weiser ist im zarten Alter von 22 Jahren immerhin schon dreifacher Deutscher Meister.

Bei Mario Götze ist alles ein bißchen anders. Als Siegtorschütze in einem WM-Finale ist er eine lebende Legende, kein hoffnungsvolles Talent. Ohne die Fähigkeiten der anderen hier Genannten zu schmälern ist es fair zu sagen, dass Götze mit außergewöhnlicher Begabung ausgestattet ist. Gleichzeitig ist Götze alles, bloß kein Star zum Anfassen. Ihn kann ich mir gut vorstellen, wie er frisch gefönt im weißen Tennispullover mit V-Ausschnitt aus dem Wellnessbereich des privaten Tennisclubs geschlendert kommt. Der Parkplatzboy fährt den Lamborghini vor, Götze drückt ihm 100 Euro in die Hand und sagt: Stimmt so. Das mag völlig falsch sein, genauso wie es falsch sein kann, dass Cristiano Ronaldo ein testosterongesteuerter Möchtegernmarshall ist, auch wenn er sich so hinstellt, wenn er einen Freistoß tritt. Götzes Tor gegen Argentinien ist jedenfalls paradigmatisch für seine Spielweise und die Spielweise der Nationalmannschaft, der er angehört. Helmut Rahns Schuß aus dem Hintergrund war der Glücks- und Verzweiflungsschuß der kriegsgeprägten Generation der fünfziger Jahre. Der ehrliche Malocher, Sohn eines Bergmanns, Kind des Ruhrgebiets und des Wirtschaftswunders, haute ihn irgendwie rein, so wie man in den Jahren davor irgendwie über die Runden gekommen war. Gerd Müllers Tor gegen Holland verdichtet die siebziger Jahre in einem Augenblick: Popo raus, irgendwie im Liegen, Vorlage von Bonhof, einem Gladbacher. Das alles unter dem Dach dieses atemberaubenden Stadions, das ein so wirkungsmächtiger Gegenentwurf zu jeder Art von Großmannssucht war.  Andy Brehme steht für den Stil der Ära Matthäus: Spielfreude durch Kraftmeierei. Loddar, Ruuudi und die anderen waren keine Rumpler, vor allem nicht bei der WM 1990. Aber vielleicht doch eher Atlético als Real, eher Hansdampf als filigran. Und 2014 dann Götze, dessen Vater kein Bergmann ist, sondern als Professor im modernisierten Ruhrgebiet irgendwas mit Medien macht. Bei seinem Kabinettstückchen in Rio machte Mario Götze nicht nur alles richtig, sondern auch bezaubernd schön. Außer Maradona fällt mir keiner ein, der in so einem Spiel so ein Tor hätte schießen können.

Wirklich schade, dass dieser Götze (2012-16 / 114 / 7377) bei Bayern nur eine Randfigur ist. Oder war das gewollt? Ist Götze auf der Bank für Bayern wertvoller als bei Dortmund in der Startelf? Im Wirtschaftsleben ist diese Strategie nichts besonderes. Ständig werden Patente aufgekauft, damit sie von der Konkurrenz nicht kommerziell verwertet werden können. Warum nicht also aus einer funktionierenden Mannschaft das Ausnahmetalent herauslösen, um es bestens dotiert als Randfigur versauern zu lassen? Bayern kann für einen Spieler, den man nicht braucht und den man nicht will, mehr Geld ausgeben als andere Vereine für ihren gesamten Kader. Matthias Sammer formulierte das Selbstverständnis der Bayern im Februar 2015 so: „Wir kommen jetzt in die ganz heiße Saisonphase, das muss uns bewusst sein, da müssen wir den Maschinenmodus und nicht den Gefühlsmodus anwerfen. […] Jetzt zählt kein Gefühl, wir müssen gnadenlos gierig sein und wieder in diesen gnadenlosen Rhythmus kommen.“ Auch wenn Sammer ernsthaft erkrankt ist und ich ihm baldige Genesung wünsche, bin ich froh, dass derartig unmenschliche Formulierungen seltener zu hören sind, seit er bei Bayern nicht mehr in der ersten Reihe steht.

Selbst schuld, könnte man zu Götze jetzt sagen, er ist ja nicht verschleppt worden. Er wollte zu den Bayern, genau wie Baumjohann, Weiser, Rode und die anderen. Aber ganz langsam zeigen die Spieler der neuen Generation, dass sie es nicht als den Höhepunkt ihrer Laufbahn empfinden, bei München außen vor zu sein. Auch auf dem Branchenprimuskocher wird nur mit Wasser gekocht. Gianluca Gaudino (2014-15 / 8 / 373) wurde 2015 in die super-super-super Regionalliga degradiert und ließ sich Anfang 2016 für eineinhalb Spielzeiten nach St. Gallen ausleihen. Pierre Emil Højbjerg war schon zweimal ausgeliehen und will endgültig weg, genau wie Rode, der es aus dem Kreise der oben genannten Teilzeitprofis immerhin auf eine vierstellige Minutenzahl in zwei Spielzeiten brachte. Vereinstreue wird schnell als Anachronismus denunziert, ein Korb für einen größeren Verein als mangelnder Ehrgeiz. Benedikt Höwedes, der nicht schon dreimal Deutscher Meister war, bezeichnet sich im kicker-Interview am Donnerstag als „ein bißchen Fußballromantiker“, weil er den für ihn optimalen Bedingungen auf Schalke den Vorzug gibt vor als beispielsweise einer lieblos abgenudelten Meisterfeier mit lauwarmen Bier auf einem viel zu engen Balkon.  Dabei sollte man als Spieler doch vor allem eins wollen: spielen.

Götzes Rückkehr zu Dortmund ist ein Ding der Unmöglichkeit – die erdige Fankultur in Lüdenscheid mag keine global player, die überall zuhause sind. Also soll Götze jetzt aus München abserviert werden, möglichst so, dass er keine allzu große Delle in der Transferbilanz hinterläßt. Um so erfreulicher, dass Götze darauf offenbar keine Lust hat und dabei auch noch Unterstützung von Joachim Löw erfährt. Der FC Bayern inszeniert sich gerne als große Familie, in der Causa Götze erinnert er an eine Rockerdisco mit Kim Il McRummenigge als Rausschmeißer. Wenn Götze so dringend gehen soll, warum nicht ablösefrei? Dortmund drei Jahre lang zu schwächen, das sollte doch 35 Millionen wert gewesen sein.

Relegation verloren – die Fans für sich gewonnen

Dreimal hat Nürnberg in dieser Saison gegen einen Bundesligisten gespielt, dreimal haben sie kein eigenes Tor erzielt, dreimal waren sie nicht in der Lage, ihr Spiel aufzuziehen. Gegen Hertha im Pokal-Achtelfinale war die Mannschaft chancenlos, in Frankfurt hatte sie Glück, im Rückspiel zu Hause in der Relegation hätte sie liefern müssen, also offensiver, gestaltender spielen müssen. Die Frage ist, ob die Spieler das nach dieser Saison noch konnten. Der dritte Platz ist angesichts der Konkurrenz in der Liga und den internen Konfilkten im ersten Teil der Hinrunde ein großartiges Ergebnis, aber dieser Erfolg gelang nur mit vielen Energieleistungen. Das brachte glückliche Momente wie den Sieg im Derby gegen Fürth und großartige Aufholjagden wie die gegen Leipzig, kostete aber auch sehr viel, zu viel Kraft. Gegen St. Pauli war ich im Stadion und es gab einige Szenen, die nahe legten, dass die Mannschaft völlig erschöpft war. Niemand hatte Lust, die Ecken auszuführen, es gab keinen schnellen Antritt mehr in der Offensive, beim Schlußpfiff ließen sich drei oder vier Club-Spieler auf den Rasen fallen. Das mag zum Teil an der Hitze gelegen haben, aber auch in den beiden Relegationsspielen wirkten vor allem die Offensivspieler fahrig und leisteten sich technische Fehler, die vermuten lassen, dass die Kraft fehlte, die erforderlich ist, um konzentriert zu ein.

Muss man deswegen jetzt traurig sein? Der eigentliche Erfolg dieser Saison ist nicht Platz Drei, sondern dass es den Spielern und Verantwortlichen gelungen ist, die Fans wieder zu begeistern, sich die Glaubwürdigkeit zurückzuholen. Schon vor dem Abstieg 2014 und eigentlich die ganze Saison 2014/15 in der Zweiten Liga, war die Stimmung desinteressiert bis frostig. Die saumselige und halbherzige Art und Weise, wie der Abstieg nicht vermieden wurde in diesem Schneckenrecken, bei dem ein einziger Sieg gereicht hätte, war schmerzlich. Aus der Riege der damals abgegebenen Spieler gibt es nicht einen, den ich beim Club vermisse. Das ist jetzt anders, mittlerweile gibt es eine spielerische Grundidee von Trainer Weiler und einige tolle Leute, an erster Stelle Burgstaller, aber auch Bulthuis, Erras und Behrens. Wer von denen jetzt bleibt, wird man sehen müssen. Allerdings schützt auch ein Erfolgserlebnis nicht vor dem Ausverkauf, wie man bei Darmstadt 98 sehen kann. Vielleicht ist ja der eine oder andere schlau genug, zu begreifen, dass eine Schlüsselrolle in einer funktionierenden Mannschaft mehr wert ist als ein gut bezahltes Jahr auf der Bank oder die Saison bei einem finanziell besser aufgestellten Verein, der die sportlichen Ziele meilenweit verfehlt. Die nächste Zweitligasaison wird keinen Deut leichter werden, aber die Mannschaft und der Verein sind an dieser Saison gewachsen.