Jahr: 2016

Körpersprache Deutsch

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Wenn Mesut Özil wegen seiner „Körpersprache“ kritisiert wird, klingt das in meinen Ohren immer ein bißchen wie der Satz: „Lern erst mal richtig Deutsch!“. Lässigkeit im Mannschaftssport weckt Mißtrauen hierzulande, mehr noch als in England, wo Arsène Wenger seinen Mittelfeldstrategen gegen ähnliche Kritik in Schutz nimmt, aber auch zu mehr Zackigkeit auf dem Spielfeld ermuntern muss. Bernd Schuster war auch so einer, dem man es übelnahm, dass er nach 90 Minuten im November nicht aussah, als habe er gerade eine Meisterschaft im Schlammcatchen gewonnen. Heute steht Mario Götze unter Phlegma-Verdacht, genau wie früher Netzer, Möller, Bein. Der idealtypische Mittelfeldspieler ist hierzulande seit eh und je das zielstrebige Kraftpaket vom Zuschnitt eines Matthäus oder Schweinsteiger.  Nach dessen offiziellem Rücktritt ist Özil zusammen mit Thomas Müller mittlerweile der Nationalspieler mit den meisten Länderspielen (83) und hat genau so viele Tore (21) erzielt wie „Der Boss“ Helmut Rahn, der dafür allerdings nur 40 Länderspiele benötigte. Aber Özil ist ein Mittelfeldspieler, den man unter anderem auch dafür kritisiert, dass er nicht so oft trifft wie ein Stürmer. Zinédine Zidane erzielte 31 Tore in 108 Länderspielen.

Messi unter Magath? – Lieber nicht

Der gemeine Fan weiß es mehr zu schätzen, wenn ein Spieler blutend am Spielfeldrand liegt und getackert wird als wenn dieser einen tödlichen Pass aus dem Fußgelenk spielt und dabei aussieht wie frisch gefönt. Natürlich wird man mit elf Özils nichts gewinnen, aber mit elf Schweinis auch nicht, und ohne Spieler wie Özil würde die Nationalmannschaft spielen wie Energie Cottbus, handfest, rustikal, elf deutsche Tugendbolde ohne Esprit. Es gibt andere Fußballkulturen, die haben ein größeres Herz für feinsinnige Spieler, in Italien zum Beispiel sind Baggio und Pirlo Ikonen. Kein Zufall, dass Maradona beim SSC Neapel heimisch wurde und dort wie ein Heiliger verehrt wird. Man stelle sich vor, er oder Messi hätten unter Felix Magath oder Werner Lorant trainieren müssen. Aus Südamerika machen sich hierzulande eher die robusten Haudegen einen Namen, Spieler wie Dunga, Vidal, Lucio. Ein wirklich genialer Fußballer wie Emerson blieb eher wegen seiner „Kunststückchen“ als wegen seiner überragenden Spielintelligenz im Gedächtnis, er sah intellektuell aus und war nicht von hünenhafter Statur. Zidane widerum war ein Modellathlet und hatte damit sogleich ein anderes Standing. Insofern ist der Schlaks Özil bei Arsenal im Moment besser aufgehoben als in Deutschland, nach Leipzig würde er noch am ehesten passen.

Kroos, das perfekte Hybridmodell

Das 1-0 der Gunners gegen West Brom am Boxing Day war ein Arbeitssieg, Özil werkelte 90 Minuten lang mit ohne ein Raunen der Begeisterung auszulösen, aber er gab die Flanke zum Siegtor. Insgesamt spielte er bisher 1060 Pässe und liegt damit in der Premier League auf Platz 6. Das perfekte Hybridmodell für die Nationalmannschaft soll in Zukunft Toni Kroos sein. Er könnte die Sehnsucht nach alter deutscher Kernigkeit und die Notwendigkeit, modern zu spielen miteinander versöhnen. Einerseits ist er der blonde Recke für die Massen und vom kicker gerade zum Mann des Jahres gewählt worden. Er setzt seine Physis sichtbar ein, grätscht auch mal und hat eine deutlich bessere Zweikampfquote (60%) als Özil (40%), dem man ja gerade da immer Drückebergerei unterstellt. Andererseits ist Kroos auch die spielintelligente Passmaschine, ein kluger Verteilerkopf im Aufbau- und Angriffsspiel. Bei der WM 2014 war Özil 654 von 690 Minuten auf dem Platz. Auch 2018 wird er gebraucht werden, wenn es ein ahnsehnliches Turnier für Mannschaft werden soll. Hoffentlich läßt der großartige, eigenwillige Mesut Özil in der Champions League Taten sprechen gegen die Bayern. Dann wird niemand mehr an seiner Körpersprache herummäkeln.

Guido B. und die vogelwilde 13

Die Zweite Liga geht in die Winterpause und der FCN liegt mit 25 Punkten auf Platz 9. Auf Platz 3 zum VfB Stuttgart sind es sieben Punkte Rückstand. Vor einem Jahr war der Club Vierter mit zwei Punkten Rückstand auf den FC St. Pauli, den er dann auch bald überholte. Freiburg und Leipzig waren zu stabil, da half es auch nichts, dass der Club bestes Team der Rückrunde war. Sieben Punkte auf Platz 3 sind eine Menge Holz, trotzdem braucht man am Valznerweiher die Aufstiegsambitionen nicht vorzeitig aufgeben.

Am letzten Spieltag der Hinrunde war der FCN neben den Würzburger Kickers der einzige Verein von Platz 1 bis 10, der drei Punkte holte. Es gab reichlich Unentschieden, und der warum auch immer zum Aufstiegsfavoriten Nummer Eins hochgejubelte VfB Stuttgart verlor bei eben diesen Kickers krachend und verdient mit 3-0. Keines der Teams, die sich in der oberen Tabellenhälfte tummeln ist so stabil wie der Sportclub aus dem Breisgau und die Leipziger in der Vorsaison. Wer also wird beim Kampf um die ersten drei Plätze das Nachsehen haben? Ich denke, dass auf jeden Fall Düsseldorf und Stuttgart das Aufstiegsrennen verlieren werden. Bei der Fortuna fehlt es dem Kader an individueller Klasse, der VfB macht sich einen Irrsinnsdruck und hat offenbar noch nicht begriffen, dass es kein Freilos dafür gibt, ein Absteiger zu sein. Die Kurzatmigkeit der Trainerwechsel erinnert an den HSV.

Braunschweig wird mit Lieberknecht einen Aufstiegsplatz holen

Auf einem der ersten drei Plätze wird dagegen sicherlich Eintracht Braunschweig landen. Wie einst der Sportclub Volker Finke haben sie ihren Aufstiegs- und Abstiegstrainer Torsten Lieberknecht behalten und spielen einen leidenschaftlichen Fußball mit einer klaren Handschrift. Bleiben also Hannover, Heidenheim und Union, sowie die beiden Aufsteiger aus Dresden und Würzburg. Und natürlich der Club. Hier verteilen sich meine Sympathien. Hannover hat als einen wichtigen Trumpf natürlich den legendären Manager Martin Bader, dem zweimal mit Nürnberg der direkte Wiederaufstieg und ein Pokalsieg gelang. Deshalb wird er jetzt in der Noris bis zur Besinngungslosigkeit geschmäht. Nein, eigentlich weiß ich nicht, warum er geschmäht wird. Seinen opulenten Zweitligaetat, der jetzt an allem schuld sein soll, haben diverse Nürnberger Granden nach dem letzten Abstieg brav abgesegnet. Einer von Baders letzten Transfers beim Club war die ablösefreie Verpflichtung von Guido Burgstaller. Wer derart schlecht wirtschaftet, hat Dresche verdient. Das meinen zumindest viele fränkische Fußballinsider, zumindest solche, die es sein wollen. Hannover steht momentan auf Platz 2, offenbar hat Bader nichts verlernt. Und um den Chor der Pöbler und Schuldzuweiser Lügen zu strafen, würde mich ein Aufstieg der 96er wirklich freuen.

Heidenheim erzeugt Angstschweiß bei den „Traditionalisten“

Ebenfalls freuen würde mich ein Aufstieg von Heidenheim. Das Team ist ähnlich gut eingespielt wie die Eintracht aus Braunschweig, sie spielen die Saison ihres Lebens und würden den „Traditionalisten“ in der Bundesliga ein paar Angstschweißtröpfchen mehr auf die Stirn zaubern. Traditionalisten sind Vereinsverantwortliche, die mit dem Ruhm von vorgestern über ihre Fehler von heute hinwegtäuschen und besser organisierte Neulinge, ob sie jetzt Mainz oder Leipzig heißen, im Namen ihrer ruhmreichen Geschichte durch die kalte Küche abservieren wollen. Also Forza Heidenheim, Forza Schnatterer, Forza Frank Schmidt. Ebenso freuen würde mich der Aufstieg von Union. Mit Jens Keller, der Schalke zweimal in die Champions League führte, ehe er wegen Erfolglosigkeit entlassen wurde, haben sie den wahrscheinlich taktisch besten Trainer der Zweiten Liga. Und ein Stadion-Schmuckkästchen Marke Eigenbau.

Freuen würde ich mich auch über einen Aufstieg von Dresden. Meine These, dass RB Leipzig dem Fußball im gesamten Beitrittsgebiet gut tun wird, bestätigt die mehr als solide Hinrunde der Elbfiorentina. Vielleicht schafft ja die Dynamo den Durchmarsch aus dem Nichts. Sollte Würzburg aufsteigen, schreit eigentlich alles nach einer Dauerkarte. Dieser Blog bekäme dann eine eigene Bocksbeutelsektion, und ich würde in der Hinrunde zehn Kilo zunehmen.

Ich hätte auch nicht wirklich etwas dagegen, dass der 1. FC Nürnberg aufsteigt. Allerdings muss die erweiterte Startelf ihr vogelwildes Abwehrverhalten in den Griff kriegen. Auch das wird übrigens Bader zur Last gelegt, angeblich verhindern seine früheren Transaktionen eine bessere Verstärkung des Kaders. Nun, in der letzten Rückrunde kassierten die Clubberer unter René Weiler 15 Tore in 17 Spielen, in dieser Hinrunde unter Alois Schwartz 29 Tore in 17 Spielen. Die Abwehrspieler sind identisch, Abgänge hatte der Club nur offensiv zu verzeichnen. Schwartz hat die zweitbeste Abwehr der Rückrunde zur zweitschlechtesten Abwehr der Hinrunde heruntergewirtschaftet. Damit meine ich nicht nur die hohe Zahl der Gegentore. Wenn man das desolate 1-6 in Braunschweig und das verrückte 4-5 in Bochum einfach mal als 0-1 wertet, steht der Club bei den Gegentoren nicht ganz so schlimm da. Viel schwerer schlägt zu Buche, dass er ein ums andere Mal einen Vorsprung vergeigt oder ein Unetnschieden wieder aus der Hand gegeben hat. Diese chronische Schlamperei hätte auch beinahe gegen Kaiserslautern wieder zwei Punkte gekostet, nur das späte 2-1 von Burgstaller, dem besten Torschützen der Zweiten Liga, rettete dem Club den Heimsieg. Sagte ich schon, dass Burgstaller von Martin Bader verpflichtet wurde? Ingesamt gab der Club in sechs Spielen zehn Punkte unnötig wieder her.

  • 1-1 in Dresden nach 1-0
  • 1-1 gegen Heidenheim nach 1-0
  • 1-6 in Braunschweig nach 1-0
  • 1-2 gegen die Münchner Löwen nach 1-1
  • 4-5 in Bochum nach 3-3
  • 2-2 gegen Würzburg nach 1-0

Das hat nichts mit Substanzverlust zu tun und auch nichts mit Martin Bader, sondern mit der Einstellung. Und für die ist der Trainer verantwortlich. Mit den zehn Punkten mehr wäre der Club Tabellenführer. Genau so schlimm ist, dass die mitreißenden Aufholjagden mit der tollen Moral, die späten Glücksgefühle, die engen Zitterspiele unglaublich viel Kraft kosten. Der Club könnte es wieder schaffen, auf Platz drei zu kommen, aber was nützt ihm das, wenn er in der Relegation stehend k.o. ist gegen Frankfurt? Ich habe das letzte Ligaspiel gegen St. Pauli gesehen im Mai 2016. Es war sonnig und ausverkauft, der Club gewann 1-0. Aber die Spieler hatten keine Kraft mehr, die Ecken auszuführen. Sie standen am Strafraum von St. Pauli herum, und keiner mochte den langen Weg zur Eckfahne gehen. Drei Tage später war Relegation.

Es ist eng, aber nicht hoffnungslos

Natürlich gibt es Hoffnung. Schon viermal hat der Club zu Null gespielt, nicht zuletzt ein Verdienst von Torhüter Kirschbaum. Wegen dieser Tendenzen halte ich es anders als zum Saisonauftakt für möglich, dass Schwartz das weiter stabilisiert. Die ersten drei Spiele nach Winterpause werden es entscheiden. Zuhause gegen Dresden, in Heidenheim, zuhause gegen Braunschweig. Alle drei Vereine stehen jetzt noch vor dem Club. In der letzten Rückrunde holte der FCN 38 Punkte. Wenn er das wiederholt, hätte er 63 Punkte. Das hätte seit 2011/12 immer für mindestens Platz 3 gereicht. 2010/11 holte Bochum als Dritter 65 Punkte und scheiterte in der Relegation an Borussia Mönchengladbach. Es ist eng in Liga Zwei, aber nicht hoffnungslos.

Die Fischköpfe grinsen wieder

img_5258-fischkoepfe-kleinHertha BSC ist sicherlich eine der erfreulichen Überraschungen dieser Saison. Pal Dardai hat den Mannen in blau-weiß Entschlossenheit, Geduld und Zielstrebigkeit beigebracht. Schön spielen können sie phasenweise auch. Dass sie am Samstag Abend ihr Heimspiel gegen Werder Bremen verloren haben, tut dieser positiven Entwicklung keinen Abbruch.

Bremen ist noch nicht ganz so weit, aber auch auf einem guten Weg. Mit Serge Gnabry, Claudio Pizarro und Max Kruse haben sie eine Offensivreihe, die einem Champions-League-Aspiranten gut zu Gesicht stehen würde, Jaroslav Drobny ist ein im Abstiegskampf erprobter Torhüter, Clemens Fritz ist als alter Haudegen mittlerweile so etwas das Gesicht des Vereins geworden – des Vereins, nicht der Krise. (Das andere Gesicht ist Frank Baumann, wie Stefan Kießling in Leverkusen und Stefan Reuter in Augsburg ein Ex-Clubberer, der andernorts mehr als nur heimisch geworden ist. Thomas Eichin, Baumanns Vorgänger hat mich nie so richtig überzeugt, genau so wenig übrigens wie Robin Dutt oder Matthias Sammer als Manager). Auf dem Spielfeld tummeln sich neben den Aktivposten bei Werder so wechselhafte Charaktere wie Zlatko Junuzovic, Santiago Garcia oder Lamine Sané, die an guten Tagen ein Spiel entscheiden können, an schlechten aber eben halt auch.

Jedenfalls ist die Lethargie, die Mumienstarre, die grün-weiß seit einigen Jahren befallen hatte, offenbar von der Mannschaft abgefallen, auch wenn sich das zahlenmäßig noch nicht besonders deutlich abzeichnet. In der letzten Saison hatte Werder nach 14 Spieltagen einen Punkt weniger, am Ende hatten sie nach Stuttgart die zweitschwächste Abwehr der Liga. Mit 65 Gegentoren war grün-weiß um drei Treffer schlechter als Hannover 96 als Letzter. Auch jetzt steht Bremen in dieser Statistik mit 32 Toren wieder ganz hinten, wenn es bei diesem Schnitt bliebe, wären es am Ende 78 Gegentore.

Nimmt man die Zahlen nur aus der Zeit seit dem Trainerwechsel nach dem dritten Spieltag, sieht es nur geringfügig besser aus. Unter Alexander Nouri holte Werder alle seine 14 Punkte, siegte gegen Wolfsburg und punktete beim HSV. In den 11 Spielen unter Nouri waren es noch 20 Gegentore, gestern spielten sie zum ersten Mal in dieser Saison zu Null. Mit Glück zwar, aber das kann man sich ja bekanntlich auch erarbeiten, erwurschteln und erblocken. Vor der Winterpause warten mit Köln und Hoffenheim zwei weitere Mannschaften aus dem oberen Tabellendrittel. Theoretisch könnte Werder mit zwei Siegen die sicheren 20 Punkte sogar einen Spieltag früher als nötig erreichen. Mit Kruse aus der Krise, das klingt so nach Bild am Sonntag, da grunzt das Phrasenschwein. Auch die Fischköpfe haben wieder etwas zu grinsen.