Monat: Februar 2011

Traumwandler in rot und schwarz

Nein, nicht Ekici, nicht Schieber, nicht Cohen sind in der kicker-Elf des Tages, sondern Wolf und Wollscheid. Der Wolfi bereits zum dritten Mal in dieser Saison, beide Nürnberger Innenverteidiger waren zuletzt zeitgleich mit der Schlacht auf der Alten Veste (Gustav Adolf gegen Wallenstein) in der Auswahl.

Zeichen und Wunder: Wieder zu Null gespielt, wieder späte, wunderschöne Tore. Wenn die Mannschaft sich weiter so verjüngt, werden die Begleitkinderchen beim Hereinlaufen irgendwann Windeln tragen, damit es überhaupt noch einen Altersunterschied gibt. Nebenbei: Wie wäre es denn einmal mit Rentern? Leute mit mehreren Jahrzehnten Vereinsmitgliedschaft, die mit Max Morlock noch geschussert haben. Das wäre doch mal was. Dauert der Ein- und Ausmarsch halt ein paar Minuten länger.

Es sind jetzt noch 33 Punkte zu vergeben. Wenn die Mannschaft die Vorgabe von 44 Punkten erreicht, dann bliebe unter dem Strich die entspannteste Saison seit Menschengedenken, der reifere Fußball im Vergleich zum Pokaljahr und eine große Zahl junger Spieler, die nicht alle auf einmal verschwinden können. Selbst ein Schieber würde es sich zweimal überlegen, ob er in Wolfsburg unter Rudi Assauer und Udo Lattek beim Aufbau einer Mannschaft, die um die Champions League mitspielen kann,  beteiligt sein will, auch wenn die fünfmal so viel zahlen. Aber mit dem Endstand 44 würde der Club nur noch neun Punkte aus elf Spielen holen. Das wäre verwunderlich und gar nicht schön. Wenn sie ihre restlichen fünf Heimspiele gewönnen, stünden sie bei 50 Punkten und hätten zwei mehr als im Pokaljahr. Damals spielten sie nach dem Einzug ins Endspiel bisweilen vogelwild und wurden mit 48 Punkten Sechster.  Wenn sie alle Spiele gewinnen, auch die schweren Brocken in Dortmund und mittlerweile Köln, dann wären das 68 Punkte, was für den Altmeister von 1968 durchaus Stil hätte. Mit dieser Punktzahl wurde Schalke hinter Stuttgart 2007 Zweiter. *Seufz*.

Gegen jene Schalker geht es als Nächstes. Ich habe den Verdacht, Magath setzt voll auf Champions League, verwirrt die Scouts mit taktischen Transfers (Charisteas, Karimi) und plant heimlich das ganz große Ding. Also keine schlechten Voraussetzungen für den nächsten Auswärtscoup, schließlich ist vom Viertelfinale noch was offen.  Zu einer ausgeglichenen Auswärtsbilanz fehlen noch mindestens zwei Siege und vier Unentschieden. Vielleicht setzt auf Schalke Gündogan ja dann schon wieder die Offensivakzente.

Der nette Herr Pezzaiouli

Als Marco Pezzaiuoli nach der späten 1-2-Niederlage in Bremen die Großchancen seiner Mannschaft aufzählte, klang das schrecklich pennälerhaft. Wer will denn etwas von Statistik hören, wenn der soeben erkämpfte Punkt in der Schlußminute wieder hergeschenkt wurde, wie schon so oft in dieser Saison? Pezzaiuolis bubihaftes Aussehen und seine geringe Erfahrung, vor laufender Kamera zu sprechen, verstärkten diesen ersten Eindruck. Das Ausscheiden im Pokal gegen Cottbus trug auch nicht dazu bei, dem Nachfolger von Rangnick besonders viel zuzutrauen. Auf der anderen Seite zeigte Hoffenheim auf St. Pauli und jetzt gegen den FCK auf einmal, dass es auch in der Lage ist, ein Spiel zu drehen oder sich Punkte zurück zu holen. Plötzlich zeigen sie Nervenstärke und Entschlossenheit gegen zwei besonders kampfstarke Teams. Ob das schon der neue Trainer ist? Auch wenn die Niederlage Kaiserslauterns unglücklich war, in den wenigen Minuten der Zusammenfassung in der Sportschau wirkte die TSG wie ein Team und nicht wie eine Ansammlung von Einzelspielern, die immer noch der fabulösen Hinrunde von anno dunnemals hinterherhechelt.

Die Elf vom Samstag zeigt bereits in dieser Saison die Möglichkeiten für eine Neuausrichtung, bei der Spieler wie Demba Ba von keinem vermisst werden. Da gibt es die jungen Deutschen wie Compper, Beck und den Torschützen Nummer Eins vom Samstag, Rudy, mit Jaissle, Vukcevic und Weis in der Hinterhand. Eichner ließ man gehen, aber der ist in Köln besser aufgehoben, manchmal ist das so, obwohl er genau ins Anforderungsprofil gepaßt hätte. Dann gibt es die gleichfalls jungen Ausländer wie Vorsah, Babel und Sigurdsson, den zweiten Torschützen vom Samstag. Ob der 7-Millionen-Mann Babel sein Geld wert ist, muss man sehen, aber er scheint wohl eher ein Opfer der Liverpooler Krise zu sein als dass er das Fußballspielen verlernt hat. 5-Millionen-Mann Sigurdsson ist jedenfalls ein Vollstreffer. Drittens gibt es die immer noch sehr jungen Alten, die den Aufstieg mitgemacht haben wie Ibertsberger, Salihovic und Ibisevic, den Siegtorschützen gegen Kaiserslautern, der mit sechs Treffern auch schon so viele erzielt hat wie die mächtig gehypten Sam, Allagui und Großkreutz. Starke war zu lange verletzt, um herausragend zu werden, aber mit einem Notenschnitt von 2,92 macht er sich trotzdem sehr gut. Einzige Fremdkörper sind bei diesem Szenario der am Samstag auf die Bank beorderte Simunic und der nach wenigen Minuten vom Platz geflogene Braafheid.

Pezzaiuoli hat jetzt noch 13 Spiele Zeit, seine Mannschaft zu formen und zu zeigen, was er draufhat, auch was sinnvolle Ergänzungen für die neue Saison angeht. Die Chancen auf einen Platz für den internationalen Wettbewerb sind mit dem neuen Coach jedenfalls nicht geringer geworden. Dass auch kleiner gebackene Brötchen lecker schmecken können, zeigt ein ums andere Mal Freiburg, diese Saison werden auch Hannover und Mainz für diesen Weg belohnt. Hoffenheim wird auch in Zukunft mehr Geld in die Hand nehmen können als diese Vereine, aber mehr Bodenständigkeit mit einer taktisch versierten, jungen Mannschaft dürfte zur neuen Unübersichtlichkeit der Liga positiv beitragen. Trainer mit jungenhafter Ponyfrisur sollte man niemals unterschätzen.

Ein Tor für die Geschichtsbücher

Samstag 29. Januar 2011, 16.40 Uhr, EasyCredit-Stadion Nürnberg. Freistoß für den 1. FC Nürnberg gegen HSV. Hegeler schlenzt, Rost boxt, der Ball prallt an die Latte, Simons legt quer, Cohen staubt ab, 2-0 für den Club.

Dieses Tor ist nicht deshalb so bedeutsam, weil es den ersten Sieg gegen den HSV seit fünf Jahren und 26 Punkte bedeutete. Man muss sich klarmachen, wo der 1988 in Be’er Sheva geborene Mittelfeldspieler sein Tor erzielte. Das vormalige Franken-Stadion wurde in den zwanziger Jahren als Städtisches Stadion errichtet und befindet sich mitten auf dem erweiterten Reichsparteitagsgelände, ungefähr 200 Meter vom Zeppelinfeld. Des Führers Hauptrednertribüne ist gleich um die Ecke. In diesem Stadion fand im Rahmen der Parteitage der Tag der Hitler-Jugend statt, 1935 sprach Hitler hier von den flinken Windhunden, dem zähen Leder und dem harten Kruppstahl.

Dieses Areal, auf dem die Nazis zum Bacchanal des Bösen in Viererreihen aufmarschieren ließen, ist heute eine merkwürdige Geschichtslandschaft: Bob Dylan spielte hier 1978, die US Army stellte zwischen den überwachsenen Brocken des tausendjährigen Reichs ein paar Field Goals auf, und GIs übten hier die Shotgun Formation und andere Elemene des American Football. Soldier Field war der Spitzname, und eine Picknickwiese für die Familien gab es auch. Das Dokumentationszentrum ist sehenswert, vor allem die tätige Mithilfe der Kommunalverwaltung bei der Arbeit an den Reichsparteitagen an diesem Ort zu sehen, ist wichtig. Wenn man beim Burger King an der Regensburger Straße um die Ecke lugt, sieht man noch deutlich die Silhouette des Nazi-Adlers auf den hellen Steinen. Und jetzt ein Israeli.

Ein Jude, der das Zeug hat, in der Stadt, in der Julius Streicher 20 Jahre lang die Cohn, Hirsch, Huber und Müller Woche für Woche mit Hass überzog, zum Publikumsliebling zu werden. Bisher waren israelische Fußballer in der Bundesliga nur mäßig erfolgreich. Antideutsche Verschwörungstheoretiker würden sagen: Das liegt am Postfaschismus und der ewigen Feindschaft hierzulande, die Juden natürlich spüren. Ich würde sagen: Es liegt daran, dass Israelis nicht ganz so gern und gut Fußball spielen wie andere, auch dehalb, weil Basketball dort die Sportart Nummer eins ist.

Heimlich, still und leise hat sich eine Menge verändert zwischen Deutschen und Israelis in den letzten fünfzehn Jahren. Mitten im Aufbruchsgetümmel im Nahen Osten gibt es Regierungskonsultationen. Schon vor ein paar Jahren bezeichnete Ehud Olmert, zunehmend genervt von der Planlosigkeit der Bush-Administration, Deutschland als wichtigsten Verbündeten Israels.  Mag sein, dass das nur an der Staatsräson und am Kampf gegen den Terror liegt. Einige tausende Israelis leben dauerhaft in Berlin, mit und ohne zweitem, deutschem Pass. Mag sein, dass die Israelis nur kommen, weil im Moment eben alle nach Berlin wollen, und die Stadt schon immer ein bißchen weniger deutsch, weniger Nazi und post-Nazi war wie der Rest des Landes.

Die Verpflichtung von Almog Cohen folgt weder der Staatsraison noch einem sprichwörtlich guten Ruf, den Nürnberg bei Juden hätte. Wenn es eine Stadt gibt, die im historischen Vergleich zu Berlin am anderen Ende des Spektrums steht, dann ist es Nürnberg. Das kleinbürgerlich-protestantische Milieu bescherte den Nazis Spitzenwerte bei den Wahlen vor 1933, dass Streicher seit 1925 genau dort sein schmutziges Handwerk betrieb, dass genau dort bereits vor der Machtergreifung Reichsparteitage gefeiert wurden, ist kein Zufall. Mittlerweile positioniert man sich angenehm zurückhaltend als Stadt der Menschenrechte, nicht mit dem erhobenen Zeigefinger, eher mit nachdenklich gesenktem Haupt. Auch an die welthistorisch bedeutenden Prozesse im Gerichtsgebäude, Menetekel für Kriegsverbrecher von Pinochet bis Rumsfeld, wird seit Dezember 2010 erinnert.

Der ortsansässige 1. FCN, der im Jahr der Nürnberger Gesetze gegen Schalke erster deutscher Pokalsieger wurde – damals hieß das Ding nach dem Reichssportführer Hans von Tschammer und Osten „Tschammerpokal“ –  hat chronische Geldprobleme. Er muss dort nach Spielern suchen, wo der Tross der Scouts und Berater nicht so oft vorbeikommt, in den Randzonen des Fußballs. Der Koreaner Cha Bum Kun war vor vielen Jahren so ein Glücksgriff aus dem Niemandsland, mittlerweile wollen alle ihren Kagawa oder Park, ihren Lucio oder Emerson sowieso. Es ist ein weiterer absurder Aspekt an der noch recht kurzen Almog-Cohen-Saga, dass ausgerechnet der Lodda, auf den ersten Blick nicht die Inkarnation des Weltbürgertums, zum ersten deutschen Trainer in Israel wurde und dann auch noch Erfolg hatte. Er empfahl Cohen an Manager Bader. Cohen kam, er spielte, seit vier Partien ist er in der ersten Elf.

In der Sky-Reportage am Samstag bezeichnete der Reporter Cohen als „Giftzwerg“, was als Kompliment gemeint war. Auch der ansonsten immer hart auf Höhe der Grasnarbe daherschwadronierende Poschmann verglich beim Viertelfinale gegen Schalke den kleinen Kämpfer mit Gattuso. Cohen ist unglaublich laufstark und er antizipiert gut. Gegen Hamburg stibitzte er ein paar Mal den Ball vom Fuß des Gegners, weil die Hanseaten bar jeder Handlungsschnelligkeit waren an diesem Tag. Wie Gattuso spielt Cohen ausgesprochen fair, läßt aber ansonsten eher Zweikampfstatistiken sprechen als dass er ständig das Gespräch sucht. Die Heckingsche Variante des Tiki-Taka hat er voll verinnerlicht und ähnlich wie Pinola oder neuerdings Wollscheid bringt er die Aggressivität ins Spiel, die den braven Bubis in der Endphase Ära Oenning gefehlt hat.

Wie sehr sich die Dinge verändert haben zeigt der Umstand, dass Cohen bisher weder kopfschüttelnd beäugt noch dutzendfach analysiert wurde. Die Gehirnpolizei fährt nicht auf und untersucht „Giftzwerg“ am nächsten Tag nach seinem antisemitischen Gehalt. Es gibt keine betroffenen Leitartikler, die fragen, ob ein Israeli ausgerechnet in Nürnberg ausgepfiffen, gefoult, bejubelt oder vom Platz gestellt werden darf. Wenn die Clubfans ihrer bisherigen Praxis folgen – auch für den Senegalesen Souleyman Sane und die unsäglich unbegabten isländischen Zwillinge Arnar und Bjarki Gunnlaugsson hatten sie die richtigen Wimpel dabei –  werden wir demnächst israelische Flaggen in der Nordkurve sehen und Hava Nagila hören, wenn’s Almoggerla die Ecken tritt.