Monat: Januar 2011

Rein ins Getümmel

Vergangenen Sonntag, zum Abschluß des Rückrundenauftakts, gab es eine Neuheit zu besichtigen. Liga total bzw. die Deutsche Telekom hatte eingeladen, Fußball live in 3D zu erleben. Immer die beiden Sonntagsspiele werden in Zukunft in 3D gezeigt, für einschlägig tätige Blogger und sonstiges Fachpublikum, darunter Clubberer Bernd  Krippner von agolnaihaua und zwei Leute von Textilvergehen, gab es den Klassiker 1. FC Kaiserslautern gegen 1. FC Köln. Einschließlich dieser Begegnung trafen die beiden schon 78 mal in der Bundesliga aufeinander. 1991 holten sich die Roten Teufel mit einem grandiosen 6-2 in Köln mit Kalli Feldkamp die Meisterschaft.

Ort der Handlung beim Abstiegsduell war das Andel Hotel in der Landsberger Allee. Dass FC-Fans im Jahr 1235 Neukölln gegründet haben, um näher am zukünftigen Geburtsort von Litti-San und Icke Häßler zu sein, ist ja hinlänglich bekannt, insofern war es für die ein Katzensprung nach Lichtenberg. Die (nur?) zwei FCK-Fans im Publikum kamen wohl aus dem Westteil der Stadt, weil es von da nicht so weit in die Pfalz ist. Vom sechsten Stock hatte meinen einen herrlichen Blick auf die Trasse der Ringbahn und den Fernsehturm im Sonnenuntergang, auf der riesigen Terrasse standen noch immer die Deko-Rentiere und fühlten sich bei sechs Grad über Null sichtlich wohl.

Und dieses 3D? Es hat was. Als amuse-yeux gab es eine Hahnenkamm-Abfahrt, dann wurde es ernst auf dem Betzenberg. Die 3D-Übertragungen werden mit einem eigenen Set von Kameras übertragen und auch separat geschnitten. Die Kameras haben jeweils zwei Objektive und die Brille, die man einschalten muss, legt die beiden Bilder dann übereinander. Die Überblickseinstellungen, die Totalen unterscheiden sich vom herkömmlichen TV nur wenig. Aber sobald die Perspektive ebenerdig wird, verändert sich das Bild. Ob Einwürfe oder Ecken, alles was sich an den Seitenlinien abspielte, brachte einen mitten ins Geschehen, auch die Aufnahmen der Hintertorkamera waren angenehm geerdet. Man merkt plötzlich, wie unübersichtlich es in Strafräumen zugeht, wie schnell die Spieler reagieren müssen und wie wenig sie vom gesamten Spielfeld mitbekommen. Dauernd läuft jemand durchs Bild, es war – gerade bei diesem Kampfspiel mit den vielen Zweikämpfen – aufregend, sich quasi mitten unter den Spielern zu befinden. Die Bildregie experimentierte fleißig und in der zweiten Halbzeit hatten sie einen Rhythmus gefunden, bei dem die Kamera meistens auf Höhe der Grasnarbe blieb und bei langen Bällen und Passagen außerhalb des Strafraums mal kurz hochschaltete, um zu zeigen, wo man sich gerade befand. Ich sitze im Stadion (ja, ich sitze meistens) gerne im unteren Hälfte auf  Gegengerade, damit ich einen guten Überblick habe, doch beim Spiel Dortmund gegen Nürnberg am 15. Spieltag 1992/93 stand ich im Westfalenstadion das ganze Spiel über direkt hinter dem Tor vor der Gästetribüne. Der andere Strafraum war nur am Horizont zu sehen, aber als Eckstein in der ersten Halbzeit das 1-0 für den Club köpfte, sah ich das Weiße in seinen Augen. Knut Reinhardts  Gewaltschuß, der in der 89. Minute das 3-2 für den BVB bedeutete, schlug quasi über meinem Kopf ein. So ähnlich ist das auch in 3D. Und anders als in den lawinenartig hereinbrechenden 3D-Filmen kann man ein Fußballspiel nicht auf Effekte trimmen. Das Kopfballduell kommt oder kommt nicht, das Abstaubertor kann passieren, muss aber nicht.

Den Wischer von Lakic gegen Eichner sah auch in 3D völlig beknackt aus. Da auch versuchte Tätlichkeiten strafbar sind, fand ich Rot  völlig in Ordnung. Er spielt eine tolle Saison, aber hier war Lakic leider ein Depp. Rot für einen Roten Teufel auf dem Betzenberg, das muss man sich erst einmal trauen. Dass die Kölner viel stärker sein werden in der Rückrunde, deutete sich an, wurde mittlerweile durch das 3-0 gegen Bremen bestätigt. Als Podolski nachließ, kam Lautern auf (oder war es umgekehrt?). Jedenfalls verdiente sich der FCK den Punkt zurecht. Zuhause sind sie wie in alten Tagen zu allem fähig, und selbst, wenn Lakic geht, wird Kuntz einen anderen aus dem Hut zaubern.

Einziger Schwachpunkt war wie so oft Jörg Dahlmann. 90 Minuten haltloses Gelaber waren jenseits aller Schmerzgrenzen. Als er nach 80 Minuten von einem „richtig guten Spiel“ sprach, gab es höhnisches Gelächter im Publikum, das den Abstiegsfight bekommen hatte, den es erwartet hatte. Dahlmann behauptete auch, das Spiel sei so mitreißend, weil es in 3D übertragen würde. Nice try. Aber wenn er wirklich im Stadion saß, um sich das Spiel dort mit Brille anzusehen, dann muss er mit dem Klammerbeutel gepudert gewesen sein.  Aber man kann 3D ja auch ohne Ton und hoffentlich für alle Zukunft ohne Dahlmann-Hologramm sehen, das neben einem auf dem Sofa sitzt und die Nüßchen wegfrißt. Nachdem mir Pay-TV im Moment nicht ins Haus kommt, um nicht die schäbigen Reste eines funktionierenden Soziallebens zu gefährden, werde ich auf die erste 3D-Kneipe warten müssen.

Die Viererkette der Apokalypse

Die Mannschaft stellt sich quasi von selbst auf. Zumindest im Manager-Spiel in der Classic-Variante. Dort stehe ich mit 177 Punkten auf Platz 11700 von 130000 und habe seit dem 10. Spieltag mehr als 20000 Plätze gut gemacht. Top-Scorer ist Kagawa gefolgt von Schwegler und Starke. Pinola hängt wegen seiner blöden Sperre bei 16 Punkten, Raul bei 11. Auch für schöne Tore gibt es nur drei Punkte. Nachdem Ballack erstmalig ins Geschehen eingreift, Starke wieder dabei ist und Idrissou sich mit Frontzeck ausgesöhnt hat, bin ich optimistisch, dass nach oben noch ein bißchen was geht. Die Oberen Zehntausend sind greifbar nah, vielleicht reicht es sogar zu Platz 7248, dann wäre ich im vorderen Achtzehntel, also quasi Erster.

Die Transferphase in der Interactive-Variante habe ich genutzt, die Verschwundenen, Fußlahmen und sonstigen Ausfälle zu ersetzen. Banovic (zu Duisburg), Bunjaku (bis Saisonende verletzt), Frantz (ominöse Frankfurter Verletzungsseuche am Bauchmuskel) und Jones (Magath) sind verkauft, dafür spielen jetzt Fuchs (Mainz), Vidal (Leverkusen), Sukuta-Pasu (St. Pauli) und Tiffert (Kaiserslautern). Mit Tiffert hatte ich mal eine ganz gruselige Saison, ich glaube nur noch Peter Peschel hat mir mehr Kummer bereitet. Fuchs hätte ich beinahe schon zu Saisonbeginn genommen, der hat mir schon bei Bochum immer sehr gut gefallen. Sukuta-Pasu werden wir jetzt öfter in der ersten Elf sehen, mit ihm schafft St. Pauli den Klassenerhalt. Vidal ist in Leverkusen der Kopf der Mannschaft, seine rabaukige Seite wandelt er in positive Zweikampfenergie. Eichner ist quasi mein fünfter Neuzugang, in Hoffenheim ausgemustert, in Köln auf dem Weg zum Stammspieler. Nachdem sich die Wechsel automatisch ergaben, bleiben mir Harnik, Gentner, Hunt und Fritz alle erhalten, quasi die Viererekette der Apokalypse. Vier Ypse, vier Gimmicks. Weil an diesem Wochenende Tiffert, Gündogan, Bugera und und Kagawa nicht dabei sein können, sind drei von den vieren sogar in der ersten Elf. Gentner und Harnik sind eigentlich keine Schlechten, Fritz spielt in der Chaosabwehr einigermaßen solide, nur Hunt enttäuscht bisher auf der ganzen Linie. Zusammen 81 Punkte, trotzdem nicht wirklich der Bringer.

Bei der Interactive-Variante ist ebenfalls Kagawa ganz vorne, gefolgt von Gekas und Schäfer, jeder über 100 Punkte. Das Team darf gerne noch ein bißchen über sich hinauswachsen. Platz 68700 von 210000 bedeutet zwar einen Platz im oberen Drittel, aber auch Helmes, Schäfer, Gündogan und Son können noch mehr, nach den guten Spielen vor dem Winter habe ich den FCK ein bißchen als Geheimtipp. Die Roten Teufel haben sich eingewöhnt, jetzt legen sie los.

Was zu der spannenden Frage führt, wer eigentlich absteigt. Nachdem Bremen und Wolfsburg ihre besten Stürmer verkauft haben, sind ihre Chancen auf Liga Zwei jedenfalls nicht kleiner geworden. Auch der VfB wird sich mit Dampfplauderer Bobic und Topmodel Labbadia sehr schwer tun. Alle anderen Mannschaften haben mehr Erfahrung im Abstiegskampf, mehr Gleichgewicht in der Mannschaft, mehr Biss als diese drei. Wäre natürlich blöd für den Dritten der Zweiten Liga, wenn sie ausgerechnet gegen so ein Schwergewicht spielen müßten – Paderborn gegen Wolfsburg in der Relegation, das wäre doch der Hit. Gladbach kriegt die Kurve noch. Die haben sich richtig gut verstärkt und irgendwann ist jede Verletzungsmisere einmal zu Ende.

Meister wird natürlich Mainz, Dortmund ganz bestimmt nicht, Leverkusen aus Prinzip nicht.

Heute Abend nicht meinen Live-Ticker auf Twitter verpassen: Vizekusen gegen Lüdenscheid, Ballack kommt in der 78. Minute und schießt das Sieg bringende 2-1 für die Gastgeber.

Der talentierte Mister Blatter

Klar, WM in Rußland, warum nicht. Bei der EM 2008 spielten die jungen Russen unter Hiddink Zauberfußball, ehe sie zum zweiten Mal zwischen Tiki und Taka genüßlich zermahlen wurden. Die Vereinsmannschaften sind zumindest in der Europa League immer vorne mit dabei. Die sowjetische Fußballtradition ist exquisit, Rußland ist das größte Land der Erde, von Kaliningrad bis Wladiwostok wird leidenschaftlich Fußball gespielt. Und nicht überall kaufen wichtigtuerische Oligarchen wahllos weltweit ein. Für manche Europäer ist es natürlich ein Schock, dass ihr Kontinent nicht nur aus den üblichen Verdächtigen besteht, nicht nur aus dem Old Boys‘ Network der vier großen Ligaländer. Da werden schnell Forderungen laut, die die Exklusivität einer WM-Vergabe mit dem Anprangern politischer Mißstände verknüpfen.

Ob der englische Fußballverband auch einen herzhaften Vorstoß unternehmen möchte, Rußland aus der Runde der G8 rauszuwerfen, darf bezweifelt werden. Auch die Idee, einem Land die WM zu geben, das nicht einmal in der Lage ist, in seiner Hauptstadt eine funktionierende S-Bahn zu unterhalten und in dem die staatlich alimentierte Kirche jahrzehntelang ihre segnende Hand über ein flächendeckendes System von Gewalt gegen Kinder in jeder erdenklichen Form unterhielt, könnte man im Nachhinein kritisch sehen. Ob man ein derartiges Turnier ein Land vergeben sollte, in dem regelmäßig Massaker verübt werden, gerne auch vor Supermärkten und in Schulen, vielleicht besser nicht. Und ist die Besetzung Nordirlands durch die Briten nicht ein bißchen wie die Besetzung Nordzyperns durch die Türkei bzw. umgekehrt bzw. dreihundert Jahre älter und also eigentlich nicht weltsportkompatibel?

Was niemand daran gehindert hat, die EM 1996 zu bejubeln. Was niemand daran hindern wird, die Olympischen Spiele in London zu bejubeln. Zurecht. Sport kann nicht die Welt retten, aber er kann trotzdem einiges bewirken, die antirassistischen Bemühungen der Fußballverbände sind von großer Bedeutung. Die internationalste Sportart der Welt wirkt am besten, wenn sie einbindet, Grenzen durchlässiger macht, den Veranstalter dazu zwingt, sich der Weltöffentlichkeit zu präsentieren. Sonst könnte man sich eine WM-Qualifikation mit Ländern wie China, Iran und den anderen größeren und kleineren Überltätern sparen.

Und Katar bzw. Qatar? So viel Mut zum Risiko möchte ich gerne mal auf einem Weltklimagipfel sehen. Mut zu einer vollkommen unerwarteten Entscheidung, die Chancen schafft. Glaubt einer ernsthaft, die FIFA war einen Deut weniger korrupt, als Blatter den kleinen Umschlag öffnete, in dem Deutschland stand? Jetzt im Brustton der Selbstgerechtigkeit Mißstände anzuprangern, kommt gerade recht in einer Zeit, in der klar ist, dass die WM die nächsten dreißig Jahre nicht in Deutschland stattfinden wird. Wem die FIFA zu korrupt ist, der muss sie abschaffen, der muss fast alle internationalen Sportverbände abschaffen. Blatter macht wahrscheinlich das einzig Gute, zu dem die FIFA wirklich machen kann, er erweitert konsequent die Karte des Weltfußballs.

Was haben die üblichen Beleidigten gelästert über die WM in Japan und Südkorea. Jetzt mischt ein japanischer Zweitligaspieler die Bundesliga auf, und in Seoul versammelten sich bei der WM in Südafrika eine Million Menschen zum Public Viewing – früh um drei. Die WM in Qatar wird wieder neue Aspekte liefern, La Ola wurde 1986 in Mexiko geschaffen, die Vuvuzelas sind schon jetzt Legende. Wenn einer der Chefscheichs bereits jetzt darüber nachdenkt, eine Solar-WM zu machen, ist das kein schlechter Anfang. Und zwölf Jahre sind auch im Mittleren Osten eine lange Zeit. Man vergleiche Deutschland 1994 mit Deutschland 2006. In das Land der Pogrome und Mordanschläge hätte man zurecht niemand einladen mögen, aber die Zeiten änderten sich. Mit Polen und der Ukraine sind zwei Länder für die EM 2012 verantwortlich, deren nachbarschaftliches Verhältnis mindestens so kompliziert ist, wie das der Deutschen und Franzosen nach 1945. Auch wenn es heftig klemmt im Zeitplan (mehr als übrigens im vermeintlich minderbemittelten Südafrika), dieses gemeinsame Projekt wird es leichter machen, die schwierige Geschichte aufzuarbeiten, auch wenn Fußball keine Wunderdroge ist.

Das immer wieder vorgebrachte schlechte Beispiel der Olympischen Spiele 1936, mit der eine Diktatur unbehelligt Propaganda machen konnte, stimmt so nicht. Wer ein Großereignis ausrichtet, will heutzutage in den Weltmarkt integriert werden, Vuvuzelas kann man auch in Südafrika-Boutique im Prenzlauer Berg bekommen. Die Nazis wollten Autarkie, ökonomisch und kulturell. Auch die Medien funktionieren anders als damals. Bin gespannt, wie die Russen und Qatari mit Blogs und Tweets umgehen werden und wie sie ihre Länder modernisieren, wenn die nächste große Fete in terra incognita stattfindet.