Monat: November 2010

Die Zahnfee auf Bewährung räumt ab

Der fast wortgetreue Live-Tweet vom Mittwoch Abend.

5. Min. Schalke gegen Lyon ist bereits im vollen Gange. Hallo und herzlich willkommen zum Champions-League Live -Tweet.

9. S04 schon mit mehr schönen Offensivaktionen als in der ganzen letzten Saison. Aber noch nicht konsequent genug zu Ende gespielt.

13. Und da ist es schon passiert. Raul wuselt sich im Strafraum an zwei Leuten vorbei, steckt irgendwie auf Farfan durch,
1-0 für S04.

16. Bisher alles über rechts bei S04, aber bisher noch keine richtig gute Flanke. Mit Kluge über links wird es wohl nicht
sehr offensiv.

20. 2-0. Ich nehme alles zurück, Kluge mit genialer Vorarbeit für Huntelaar, 2-0 für S04. Lyon erlebt ein Wunder in
Königsblau.

24. Weiterhin ein sehr lebendiges Fußballspiel. Lyon nicht in Schockstarre, aber auch ohne echte Geistesblitze gegen die
Schalker Abwehr.

28. Raul spaziert durch den Strafraum von Lyon wie Terminator 2 durch Gitterstäbe. Nicht zu fassen, nicht zu stoppen. S04
richtig gut.

30. Ups, Gelb gegen Farfan, und das ist korrekt, er springt vor Lloris ab. Der Peruaner fehlt S04 gegen Lissabon.

33. Ich denke, die Gelbe Karte geht in Ordnung, er springt ab, und spekuliert auf Elfer und Rot für den Goalie.

34. Hoffentlich ist S04 nicht so unbedarft wie die Bayern. Die hatten gestern auch schon ein 2-0.

37. Lisandro Lopez holt über links eine Ecke raus. Neuer hat den Ball.

38. Farfan sollte sich jetzt bloß nicht auf Scharmützel mit dem Schiri einlassen. Mit zehn Mann wäre es schwer für S04.

40. Lyon wird über links stärker, aber die Bälle kommen (noch) nicht nach innen. Aufpassen, S04.

43. Magath ruft vorsichtshalber zur Ordnung, aber er kann sehr zufrieden sein mit S04. Auch Jones spielt sehr ordentlich.

45. Jurado geht ab durch die Mitte, aber er läuft sich fest. 1 Minute Nachspielzeit, 2-0 für S04.

Halbzeit. Lyon wird kommen, S04 muss die ersten 20 Minuten nach der Pause überstehen. Glückauf.

46. Und weiter geht’s. Lyon bringt den neuen offensiven Gomis, Schalke muss noch 45 Minuten dagegen halten.

50. Schalke spielt gut gegen den Ball, sehr laufstark, der Ballführende bei Lyon fast immer gedoppelt.

53. Der Reporter bei Sat 1 nennt Jones „die Super-Nanny im defensiven Mittelfeld“. Mich erinnert er an die Zahnfee auf
Bewährung.

54. Schalke stellt sich nicht hinten rein, sondern spielt auf das 3-0. Richtig so.

56. Interessant die ganzen internationalen Tweets, die sich vor allem mit Raul beschäftigen. Plötzlich ist Schalke eine
Weltmarke.

60. Die erste Abwehrreihe von Schalke steht 15 Meter in der Hälfte von Lyon – und holt jetzt eine Ecke heraus.

63. Matip soll kommen bei Schalke. Ist das die Chronik eines angekündigten Kopfalltors nach einer Standardsituation?

65. Jones kriegt Gelb für ein taktisches Foul, und Edu kommt für Farfan.

68. Lyon kommt langsam auf Touren, meistens über links. Matip kommt, und Schalke muss ein bißchen mehr tun.

69. Jurado macht nicht viel falsch, aber ist jetzt auch nicht der Spieler, der dem Spiel seinen Stempel aufdrückt.

70. Matip für Jones. Magath wäre mit dem Klammerbeutel gepudert, wenn er Jones im Winter abgibt.

72. Lyon mit gefährlicher Flanke von der Grundlinie, in der Mitte aber kein Abnehmer.

75. 2-0 für Tel Aviv, Sababah!

78. Überall Tweets von verzweifelten Werder-Fans und orakelnden Bayern-Fans, die einem erklären, dass ein 2-0 schnell
verspielt ist.

80. Toulalan senst Jurado um, kriegt ein gnädiges Gelb.

83. Werder jetzt 0-3 in Tottenham, Ohjehmineh. Schalke geht weiter zielstrebig Richtung Achtelfinale.

88. Manni Breuckmann würde jetzt sagen: Der Drops ist gelutscht.

89. 3-0! Huntelaar serviert den Nachtisch. Ein zum Lupfer abgefälschter Schuß. Schalke, voll Laser wie du abgehst.

Schlusspfiff. Und die Null steht. Schalke schlägt Lyon 3-0. Farfan sagte im kicker, die Krise sei vorbei. Weiter so, S04.

Gute Nacht an alle Fußballfans und stellt ein Kerzlein ins Fenster für Thomas Schaaf. Er sollte die Kurve kriegen dürfen.

Was geht ab? – Da geht was.

18 Punkte nach 11 Spieltagen, Lobeshymnen über den eleganten Offensivspiel, eine ausbalancierte Mannschaft, und das alles zwei Punkte und vier Plätze vor den Bayern. Der gemeine Clubberer reibt sich in diesen Wochen freudig-verdutzt die Augen und sieht dem Derby mit hoffnungsfroher Neugier entgegen. Der Club hat jetzt doch eine ganze Serie von brenzligen Situationen, angefangen mit dem Rückständen in Hamburg und Bremen, gut überstanden und wirkt trotz des nominell viel stärkeren Kaders der Bayern als Team gefestigter als van Gaals millionenschwere B-Mannschaft. Mit den Relegationsspielen ist die Mannschaft nervenstark geworden, macht frühe Tore, fällt nach Gegentoren nicht auseinander, kann spielerisch reagieren, hat viele verschiedene Torschützen, sich gut verstärkt, eine solide Defensive, das magische Pokaldreieck Schäfer, Pinola, Wolf in alter Stärke an Bord…die Liste ließe sich fortsetzen.

Wer gesehen hat, wie sich van Buyten austanzen und Butt von den Gladbachern übertölpeln ließ, sieht, dass bei den Bayern der Wurm drin ist. Die vollmundig ausgelobte Siegesserie ist gestoppt, man geht sich gegenseitig auf die Nerven, Dortmund enteilt, Frankfurt und Leverkusen eilen mit, und selbst Mainz hat ist immer noch Zweiter, hat nach den ersten drei Niederlagen immer noch acht Punkte Vorsprung auf die Bayern.

Kann natürlich auch sein, dass sich die Mannen um Schweinsteiger irgendwie zu einem Sieg durchwurtschteln, dass sich der Club zu viel Druck macht, aber diesmal sind die Chancen für eine Überraschung so gut wie seit dem 3-0 nach Hitzfelds Neueinstieg 2007 in Nürnberg nicht mehr. Den letzten Auswärtssieg bei den Bayern gab es 1992. Köpke hielt einen Elfmeter von Effenberg, Zarate und Wück machten die Tore zum 3-1  nach 0-1 Rückstand nach fünf Minuten durch einen Spieler namens Mazinho, eine Art Gomez der frühen Neunziger, und wir skandierten völlig euphorisiert im märzlichen Schneetreiben des Olympiastadions schmutzige Lieder. Zum Beispiel auf die Melodie von Flipper: „Wir singen Bayern, Bayern, Bayern, Zweite Liga, oh ist das schön, euch nie mehr zu sehen…“  Auf ein Neues.

Fischkopf mit Trauerrand

Um die Bremer muss man sich langsam wirklich Sorgen machen. Dass sie gegen eine technisch versierte, gut eingespielte, taktisch hochintelligente Mannschaft, die mit hervorragenden Einzelspielern nur so gespickt ist, zu Hause verlieren, das kann ja mal passieren. Aber dass sie es dann auch noch gegen Enschede versemmeln, kurz nachdem der Club drei Punkte entführte, das ist schon eine ganz fette „pad“, wie Kröte im Niederländischen heißt, die sie da schlucken mußten. Wobei pad süßsauer ja so ähnlich schmecken soll wie Matjes. Alles Gewohnheitssache.

Sollte Werder an diesem Wochenende auch in Stuttgart verlieren, treten natürlich wieder die auf den Plan, die erst sagen a) Schaaf sei verbraucht und dann, sollte er entlassen werden, hinzufügen, das seien b) die üblichen Gesetze der Branche. Der Medienbranche, müßte das ganz genau heißen. Schaaf wird ebenso wie Allofs hoffentlich noch viele Jahre weiterarbeiten.

Nachdem die Bremer in der letzten, auch schon als völlig verkorkst ausgerufenen Saison, immerhin noch in die CL-Quali und bis ins DFB-Pokal-Endspiel brachten, werden die Erfolge dieses Jahr äußerst überschaubar bleiben. Gründe dafür gibt es einige. Naldo fehlt in der traditionellen Wackelabwehr besonders schmerzlich, ebenso wie der zuletzt wieder präziser spielende Fritz. Die nicht mehr ganz jungen Nachwuchshoffnungen Hunt und Bargfrede sind zu schwankend in ihren Leistungen, auch Mertesacker schwächelt nach der WM. Marin ist zu sehr Dribbler und Frings, defensiv hervorragend, zu langsam, um regelmäßig ein Spiel zu machen. Arnautovic ist sicherlich ein Spieler mit großen Talenten, aber so einen Querkopf perfekt einzubauen, braucht eine funktionierende Mannschaft. Man könnte sich mal überlegen, ob es sinnvoll ist, aus der ganzen Welt die Problemkinder des Fußballsports nach Bremen zu holen, um dort im gesunden Reizklima einer Hansestadt ihre Persönlichkeit weiter zu entwickeln.

Nachdem die Abwehr noch nie das Prunkstück war, tut es jetzt doppelt weh, wenn dauernd Großchancen versemmelt werden, mal von Almeida, mal von Arnautovic, mal vom vor dem Tor überhasteten Marin. Nur Pizarro ist da sehr zuverlässig. Die Bremer könnten jetzt die Gunst der Stunde nutzen und in aller Ruhe eine vernünftige Defensive aufbauen. Mit ihrem schönen Offensivspiel ist dieses Jahr eh nichts mehr zu gewinnen. Als erstes sollten sie einen soliden Linksverteidiger finden. Eichner wär in der Winterpause wohl zu haben und würde als mannschaftsdienlicher, bodenständiger Typ sehr gut in das wetterfeste Profil der Bremer passen. Auch Madlung kann wesentlich mehr, als ihm sein jetziger Verein augenscheinlich zutraut. Im Gegensatz zu Mertesacker ist er außerdem äußerst torgefährlich für einen Innenverteidiger. Einen zweiten sehr guten Sechser fände man vielleicht in Leverkusen. Die haben auf der Position ein deutliches Überangebot.

Für Stuttgart könnte es trotz der Schierigkeiten reichen. Die scheinen mir noch nicht wirklich stabil mit dem neuen Trainer Keller. Die Europa League sollte da nicht blenden.