Monat: September 2010

Das Wunder von Mailand – Werder nur 0-4

Es wird nach einem happy end im Film jewöhnlich abjeblendt„, dichtete Kurt Tucholsky dereinst, obwohl er gar nicht in der Sportredaktion tätig war. Nach dem 3-0 für Inter habe ich auch abjeblendt, besser konnte es gestern für Werder nicht mehr werden. Ohne Frings, Naldo und Pizarro und mit einem immer noch wackeligen Mertesacker war da nichts zu wollen. Diese Prödls, Silvestres und wie sie alle heißen, irrten durch den eigenen Strafraum wie chloroformierte Hummeln. Klar, es gibt auch noch ein Rückspiel, aber wenn sie nicht beide Spiele gegen Enschede gewinnen, wird es sehr schwer für die Grün-Weißen. Es wird eine gefährliche Saison. Warum, wer Diego und Özil verkauft und Allofs als Manager hat, keinen einzigen vernünftigen Abwehrspieler verpflichtet, bleibt ein Rätsel.

Schalke dagegen kommt so langsam auf Touren, vor allem Huntelaar ist ein echter Volltreffer, er paßt gut zu diesem Verein mit seiner körperbetonten und mannschaftsdienlichen Spielweise. Wie Asamoah, aber torgefährlich. Jede Menge Glück hatten sie auch, aber wer 73 Minuten lang die Nerven behält, wird mit solchen Stürmern irgendwann belohnt. Besonders freut es mich, dass Jones wieder auf dem Damm ist. Nur Pander scheint die Kurve nicht mehr zu kriegen, das ist sehr schade.

Es hat nur noch gefehlt, dass Thorsten Fink mit Autogrammwünschen an die Bayern herangetreten wäre. Selten war ein Trainer nach einer Niederlage gegen so still vergnügt und ehrfurchtsvoll wie der Matchwinner des CL-Finales von 1999. Bayern ringt einen international zweitklassigen Gegner in der 89. Minute nieder. Das ist schon der zweite Befreiungsschlag nach dem 2-0 gegen Rom. Danach gab es dann ein 0-0 gegen Köln. Mit diesem Ergebnis wären die Bayern in Dortmund vermutlich hoch zufrieden. So lange einer der Innenverteidiger van Buyten heißt, muss man mit dem Gewinn der CL nicht ernsthaft rechnen. Man stelle sich vor, der gegen Eto’o.

Wer wird Hertha 2011?

Die Mannschaft, die nach einem Dampfer benannt ist, sorgt in der Zweiten Liga für Furore, wie das früher in der Sportberichterstattung so schön nichtssagend immer hieß, und nicht Raserei, sondern rasender Beifall bedeutet. Aber wer besetzt die Planstelle des Überraschungsabsteigers?

Da richten sich viele Augen erwartungsfroh nach Gelsenkirchen und hoffen, der Totalsanierer Magath möge den Karren gegen die Wand fahren. Aber zu früh gefreut. Nach der denkbar knappen Niederlage in Nürnberg am kommenden Wochenende im Duell zweier starker Mannschaften wird es vorbei sein mit der Schwächelei beim S04, und ab Mitte Oktober wird aufgeholt. Dass es bei Magath nicht nur darum geht, vermeintlich alternde Weltstars zu verpflichten, zeigen Matip, Schmitz, Höwedes, Rakitic und Moritz, die im Personalpuzzle alle eine wichtige Rolle spielen, von Neuer gar nicht zu reden. Dass er nicht bloß verbrannte Erde hinterläßt, zeigen die Wolfsburger, die bis auf Diego für Misimovic und Kjaer mit Magaths Kader und System spielen.

Auch die Bremer werden sich mit Mertesacker und Pizarro wieder nach oben wurschteln. Wahrscheinlich haben Schaaf und Allofs eine Wette laufen, mit wieviel Punkten Rückstand die Jagd auf Platz 3 gestartet werden darf. Wenn sie sich im Winter endlich mal einen richtigen Außenverteidiger leisten, könnte es auch mal Platz 2 oder 1 werden.

Dann gibt es noch den HSV und natürlich die Bayern. Selten konnte ich Marcel Reif so beipflichten wie zu seiner Bemerkung im Tagesspiegel „…wie wohl auch der FC Bayern nicht auf Platz acht bleiben wird.“ Er meint das natürlich ganz anders, aber selbst wenn für Bayern noch Luft nach unten ist, wird es für ein Derby mit Ingolstadt nicht ganz reichen. Bei den Hamburgern zeigt sich Armin „Tullius Destructivus“ Veh einmal mehr auf der Höhe seiner Kunst, die Champions League ist auch dieses Jahr so weit weg wie Övelgönne von der Reeperbahn, aber der HSV bleibt erstklassig. Der Name bedeutet übrigens Übel gegönnt, zu Happels Zeiten hieß das kleine Fischerdorf noch Pressing.

Mein Favorit für den Abstieg aus dem Kreis der Schönen und Verschuldeten ist der VfB Stuttgart. Erstens sind mit Lehmann, Kehdira und  Delpierre die drei wichtigsten Spieler weg bzw. verletzt (wie Simunic, Voronin und Pantelic bei Hertha). Zweitens haben sie eine wenig hilfreiche Europa League an der Backe, die es schwierig macht, sich auf den Abstiegskampf zu konzentrieren (wie Hertha). Drittens ist Stuttgart drauf und dran, eine geteilte Stadt zu werden (Niemand hat die Absicht, einen Bahnhof zu errichten). Viertens hat die Mannschaft nach der hervorragenden Rückrunde ein Motivationsproblem (Hertha wurde Vierter). Fünftens ist Horst Heldt weg (wie Dieter Hoeneß). Sechstens ist ein Exspieler mit wenig Erfahrung in Gestalt von Fredi Bobic für ihn gekommen (wie Preetz bei Hertha). Siebtens haben beide Vereine beständig Mühe, ihr Leistungsvermögen richtig einzuschätzen. Der einzige Unterschied heißt Christian Gross, aber der alleine wird nicht reichen.

Immer wieder Mittwoch

Schade, dass es keine englischen Wochen in der Bundesliga mehr gibt, das waren immer kleine Sahnehäubchen nach eines harten Tages Nacht. Diesmal, wegen der WM, die bekanntlich nichts anderes war als eine groß angelegte Intrige von Sepp Blatter und dem KNVB, um den Bayern die ihnen zustehenden Titel zu stehlen und deren Fuhrpark zu demolieren, war es aufregend wie früher. Viele frühe Tore, vier Spiele wurden erst in der Schlußminute entschieden, ein paar rote Karten gab es auch. Flutlicht schafft den Rahmen für die besonderen Momente.

Bis auf die zu zaghaften Hoffenheimer gewannen immer die Richtigen. Grafite ist wieder da, weil McClaren sein System verändert hat, der Club wuppt seit dem 3-2 in Wolfsburg letztes Jahr wieder mal ein Punktspiel in der Nachspielzeit. Pino will es wissen in dieser Saison, schon den Elfer beim HSV hat er sicher verwandelt. Nie war er so wertvoll wie heute. Die Mannschaft sieht gut aus, steht gut, läuft viel, hat das Glück des Tüchtigen und wieder eine funktionierende Abwehr.

Für St. Pauli trifft Asamoah und dreht das Spiel. Gazprom schlägt die Breisgauer Sonnenkollektoren, schöner noch als das Tor von Huntelaar war die Vorarbeit von Matip.  Mainz bleibt vorne dran, weil Tüftel-Tuchel wieder einmal die richtige Taktik hatte. Das ist nicht nur Laufstärke und Euphorie bei Mainz. Außer bei Mourinhos Siegesritt durch die Champions League habe ich selten ein Team erlebt, das taktisch so gut eingestellt ist und so variabel reagieren kann wie die Mainzer. Hannover spielt sich die Alptraum-Saison von der Seele und Dortmund spielt so gut, dass die Fans auf der Südtribüne grinsend den Kopf schütteln.

Bayern spielt jetzt nacheinander gegen die Teams auf Platz 1 und 2, danach kann man sehen, ob sich die Tabelle eingependelt hat, oder ob man schon auf Außenseiter wetten darf.