Monat: April 2010

Auch der HSV ist jetzt ein Depp

Letztes Jahr war es noch eine Papierkugel, dieses Jahr gab es keine Ausreden mehr. Irgendwie freut mich das für Labbadia. Es war alles so einfach: Erreicht die Mannschaft nicht mehr – Tischtuch zerschnitten – Entlassung alternativlos, und dann bitteschön, hopphopp, Finaleinzug. Gestern gaben die Spieler trotz optimaler und einfühlsamer Ansprache durch den fußballbesessenen Moniz ihre gute Ausgangssituation binnen fünf Minuten aus der Hand.

Schade, dass der Sky-Moderator seinen Experten Stefan Effenberg nicht fragte, wie das so ist, gegen ein englisches Team plötzlich alles zu verlieren. Fulham brauchte immerhin doppelt so lange wie Manchester, und wieder einmal zeigte sich, dass es nicht immer sinnvoll ist, auf Defensive zu setzen, um einen Vorsprung nach Hause zu bringen. Wenn Guerrero beim Stand von 1-0 gekommen wäre, wie wäre es dann wohl weitergegangen? Der HSV spielte seine beiden Konterchancen vor dem 1-1 fahrig und fahrlässig zu Ende, das machte den Unterschied zu den Bayern vom Dienstag, die das 2-0 genauso wichtig nahmen wie das 1-0.

Was passiert jetzt mit den mehrfach Gescheiterten? Will Löw sich diesen HSV wirklich antun? Wird Hoffmann weggeputscht? Was sagen Seeler und Barbarez? Und wie will man sich der runerneuerten, bärenstarken Konkurrenz vom Millerntor erwehren? Der Bundesliga-Dino hat sich bis auf die Knochen blamiert. Schade, schade.

Jemand hatte die Absicht, eine Mauer zu errichten

Und dieser Jemand heißt José Mourinho. Wenn man seinen Siegesspurt gestern Abend gesehen hat, wünscht man sich beinahe einen Bayern-Sieg, bloß um diesen Mann vor sich selbst zu schützen. Was wird er machen, wenn er gewinnt? Eine Büste von sich in Madrid aufstellen lassen? Rom anzünden? Portugal kaufen? Eine andere spannende Frage: Soll man, muss man, darf man für die Bayern sein in diesem Spiel? Weil es um den vierten Platz geht? Weil es gehen Italiener geht? Darf man sich wenigstens ein frühes Tor wünschen, damit Inter Fußball spielen muss?

Die zweite Halbzeit dieses Spiels war ein Leckerbissen für alle, die gerösteten Beton an mediterranen Gemüsen mögen. Barcas Uhrwerk gegen die Neunerkette in Weiß, die ein hohes Maß an Schwarmintelligenz und Hingabe bewies. Sind schon ausgekochte Taktikferkel, diese Menschen südlich der Alpen. Wer auf einem Stiefel Fußball spielt, weiß, wie er die Räume eng macht. Da half auch das überbreite Spielfeld in Nou Camp nichts. Auch da steht das Tor in der Mitte, und in der Mitte wartete die neunköpfige Hydra. Barca hat es im Hinspiel verloren, da hat Inter gezeigt, dass sie ein Spiel auch machen können, nicht bloß zerstören. Gegen Chelsea übrigens auch schon. Wobei, das Handspiel vor dem nicht gegebenen 2-0 war eine sehr harte Entscheidung, der Ball ging aus zwei Metern an den Körper. Nebenbei bemerkt, es stehen die beiden Mannschaften im Finale, die im Viertel- und Halbfinale zuerst Heimrecht hatten. Das galt bisher immer als Nachteil. Liegt es an der besseren Defensivarbeit, oder ist es doch ein Vorteil, mit einem Vorsprung anzureisen?

Und heute Abend der HSV. Wenn das in Hoffenheim Absicht war, dann sollten sie in Fulham wenigstens ein 1-1 holen.

Stairway to Fröttmaning

Das klingt jetzt vielleicht ein bißchen negativ, aber das Stadion in Fröttmaning ist auf einer stillgelegten Mülldeponie errichtet worden. Dort befindet sich auch eine alte, von den renaturierten Abfallbergen halb überwucherte Kirche, zur Erinnerung an das frühere Dorf, das immerhin 815 erstmalig erwähnt wurde.  Gut zu wissen, wo man die ganzen Kirchen hinbringen kann, die keiner mehr braucht. Selten ist der Satz von der Müllhalde der Geschichte sinnlicher erfahrbar geworden. Die Kapellen nach links, die Kathedralen nach rechts, und jeder nur ein Kreuz bitte.

Technisch gesehen gehört Fröttmaning zu Schwabing-Freimann. Das ist ungefähr so, wie wenn man sagt, Wedding gehört zu Mitte oder Tempelhof zu Schöneberg. „Du, ich wohn in Schwabing“, sagen die Bewohner der 1948 gegründeten Fröttmaninger Auensiedlung und werfen dir über die Gläser ihrer Ray-Ban-Blicke coole Blicke zu, bevor sie sich am Autobahnkreuz München-Nord ins wilde Partyleben stürzen.

In einer alten Sage ist dem FC Bayern großes Unheil prophezeit worden, sollte er seine Arena jemals gelb ausleuchten. Ganz Oberbayern wird wie die Motten vom Licht magisch angezogen seinen Restmüll dorthin schaffen und die hoffnungsvollen Neuanfänge unter Louis van Gaal würden in Yoghurtbechern, Plastikfolie und Kronenkorken ertrinken. Weil es nie so weit kommen wird, gilt Fröttmaning vielen schon als der kommende Rotlichtbezirk Münchens.