Monat: September 2009

„Stell dir vor, du bist ein Migräneanfall.“

„Nürnberg am Abgrund“, behauptete Bernd Schmelzer am Samstag in der Sportschau bei der Zusammenfassung der 0-1 Niederlage gegen Bochum. Ich finde das schamlos übetrieben, die Niederlage ist zwar ärgerlich, aber nicht wirklich verwunderlich. Die Mannschaft braucht Zeit, vermutlich bis zum Ende der Hinrunde.

Als Maroh und Risse für Wolf und Kluge eingewechselt waren, betrug der Altersdurchschnitt der elf Spieler auf dem Platz 23 Jahre. Mich würde interessieren, wer in der Bundesliga die jüngste Startelf aller Zeiten aufgeboten hat. Sehr viel jünger wird sie nicht gewesen sein. Noch deutlicher werden die Zahlen, wenn man auf die Einsätze schaut. Einschließlich Schäfer hatte die Elf in der 61. Minute 355 Bundesligaspiele, die zehn Feldspieler 227. Paul Freier von Bochum bringt es alleine auf 228, Dabrowski auf 251.

Das Spiel wurde – wie das gegen Bayern – durch eine Hereingabe über die linke Nürnberger Abwehrseite (Judt, 4 Bl-Spiele, 23 Jahre) entschieden, aber die gesamte Defensive war völlig desorientiert. Danach gab es redliche Versuche,  schnell und direkt nach vorne zu spielen. Dass Gündogan, Choupo M und Diekmeier richtig gute Fußballer sind, mussten auch die beiden Lemuren gesehen haben, die ein Transparent mit „Bader und Oenning raus“ aufgezogen hatten. Bis zum Strafraum sah es schon recht ansehnlich aus. Was fehlt, ist ein Taktgeber, einer der weiß, wann man das Spiel auseinanderzieht, wann man langsam spielt, wann man kontert. Weder Mintal noch Pinola, die beiden Erfahrenen mit 88 bzw. 83 Bundesligaspielen können diese Rolle ausfüllen.

Immer wenn der Nürnberger Kombinationsfluß Geschwindigkeit aufnahm, wälzte sich alsbald ein Bochumer Spieler mehr oder weniger gekonnt auf dem Boden und hielt sich den Kopf. Diese furchtbar gestelzte Pose weckte den Verdacht, dass ein großer Teil der VfL-Mannschaft einen Method Acting Abendkursus an der heimischen Volkshochschule besucht („Stell dir vor, du bist ein Migräneanfall.“). Natürlich spielt ein Abstiegskandidat, der auswärts 1-0 führt auf Zeit, aber in dieser Penetranz kennt man das eigentlich nur von italienischen Mannschaften. Was nicht heißt, dass der Bochumer Sieg unverdient war. Sie hatten die besseren Chancen und zogen sich nie völlig zurück. Aber dass sich Nürnberg durch diese Mätzchen irritieren ließ, obwohl die spielerischen Möglichkeiten vorhanden waren, ist eine von vielen Konsequenzen aus der Unerfahrenheit. Nicht nur am Freitag habe ich mich über die schnellen Verkäufe von Banovic, Polak und Engelhardt gewundert. Diese Generation – Polak und Engelhardt sind 28, Banovic 29 – fehlt dem Club im Moment. Gerade Engelhardt war einer, der sich immer reinhaute, auch wenn gar nichts lief oder wenn er einen schlechten Tag hatte. Für einen defensiven Mittelfeldspieler war er außerdem sehr torgefährlich. Was Banovic drauf hat, bekam neulich Hertha zu spüren. Im Moment ist der Club alles – talentiert, überfordert, technisch stark, jung, sympathisch, einfallslos – aber nicht torgefährlich.

Die ersten sieben Gegner hießen Schalke, Bayern, Stuttgart, Frankfurt, Gladbach, Hannover und Bochum. Gegen alle hat der Club mitgehalten, er hat sich weder an die Wand spielen lassen noch hat er versucht, sich durchzumauern. Im Moment ist er punktgleich mit den Millionarios von Schwarz-Gelb. Wenn er seine beiden Auswärtspunkte nicht geholt und dafür gegen Bochum oder Hannover gewonnen hätte, hätte er einen Punkt mehr und wäre Vierzehnter statt Sechzehnter.  Soll das der Unterschied ums Ganze sein nach einem Fünftel der Saison? Wären sieben oder mehr Punkte realistisch gewesen bei diesem Startprogramm? Natürlich ist die dritte Niederlage im vierten Heimspiel kein Leckerli für die Fans, aber wer sichere Siege sehen will, der ist bei diesem Verein völlig falsch. Am Freitag lag es jedenfalls nicht am Einsatz, sondern an der Kaltschnäuzigkeit.  Also warten wir ab, trinken Tee und hoffen dass, Mnari, Gygax und Charisteas bald in Form kommen.

Man trifft sich immer zweimal

In der Saison und auch sonst im Leben. Hertha blieb 2004  nur oben, weil der unglückliche Francis Kioyo von 1860 München am vorletzten Spieltag einen Elfmeter gegen die Berliner verschoß. Diesmal war es der ehemalige Hertha-Torhüter Kiraly (von Falko Götz durch Fiedler ersetzt), der Hertha eine weitere bittere Erfahrung bescherte. 4-1 hieß es im Elfmeterschießen für die Löwen, als nächstes ist Hoffenheim dran, die Berliner zu rupfen. Rangnicks Team gewann gegen viel zu unentschlossene Nürnberger. Ich freue mich über jeden Club-Sieg, es wird im Verlauf der Saison aber kein Schaden sein, nur in der Liga zu spielen. Abstiegskonkurrent Köln erledigte verdient den Deutschen Meister Wolfsburg, Podolski wächst immer mehr in eine Zidane-Rolle hinein: Vorbereiter, Kämpfer, Stratege und dank seiner 60something Länderspiele mit einer bemerkenswerten Ausstrahlung. Unterklassige Vereine kegelten mit dem HSV, Freiburg, Leverkusen, Gladbach vier weitere Erstligisten raus. Die vier Sieger – Augsburg, Duisburg, Osnabrück und vor allem Kaiserslautern – sind alle für weitere Überraschungen gut. Nach den bisherigen Leistungen läuft alles auf ein Endspiel Bayern – Trier hinaus. Aber auch die Fürther sollte man nicht unterschätzen. Wer zweimal so kurz vor Schluß gewinnt, ist zu allem fähig.

Bad Boys Kiel – sie wollten nur Respekt

Als Falco Götz als Hertha-Trainer immer mehr Probleme  mit seiner Mannschaft bekam, war die Ursache schnell gefunden. Den jungen Straßenkämpfernfußballern fehle der Respekt vor Trainer und Altvorderen. Simunic und Kovac, die Alten im Kader waren die Kronzeugen für dieses Gerücht, und manch einer im Blätterwald heulte mit den Leitwölfen. Diese fühlten sich von den Rotzlöffeln Kevin-Prince und Jerome, Ashkan, Chinedu, Malik, Sofian und wie sie alle hießen, nicht genug gewürdigt. Die Gegenstrategie war ebenso nachhaltig wie grotesk: Eine komplette, überdurchschnittlich begabte Nachwuchsmannschaft wurde in alle Himmelsrichtungen verscherbelt. Jerome hat sich beim HSV mittlerweile (trotz des Wachkomas in Wien) zum Europameister hochgepöbelt. Ashkan provozierte sich unter Felix Magath in Wolfsburg zur Meisterschaft. Malik ist bei Spartak Moskau dank seiner Disziplinlosigkeiten auf Champions League-Kurs. Keiner der dortigen Trainer hat sich jemals spezifisch negativ über die Disziplin der jungen Spieler geäußert.

Vergangene Woche kam Götz vom Regen in die Traufe. Gegen die beinharte Kieler Innenförde ist Berlin-Wedding wie Baden-Baden. Und es kam wie es kommen mußte. Aufgehetzt von den aus autoritätsfernen Schichten stammenden beiden Milchbubis Sven Boy (*1976) und Dimitrijus Guscinas (*1976) ließen sich die vielen Hitzköpfe im Team schnell anstecken und empfahlen/forderten/erwogen, den als beratungsresistent eingestuften Trainer Götz vor die Tür zu setzen. Was auch geschah. Und Kiel gewann. Zwar nur 1-0 und auch nur gegen Heidenheim, aber immerhin.

Nun könnte man einwenden, die stacheligen Berliner Pflanzen hätten einfach einmal umgetopft werden müssen, um ihre geistigen Wurzeln zu finden, rein dialektisch gesprochen natürlich.  Aber im Kader der Störche wimmelt es nicht gerade von Eigengewächsen aus Problemvierteln der Landeshauptstadt, die mit dem Mutterboden an den Töppen und dem Tribal auf dem Rücken gegen den Übungsleiter aufmucken. Mithin werde ich den Verdacht nicht los: Die Kieler Sprotte stank vom Kopf her, und anstatt die Früchte ihrer Weg weisenden Nachwuchsarbeit zu verkaufen, hätte Hertha (lies: Dieter Hoeneß) vielleicht besser den Trainer feuern sollen damals, und Karsten Heine zum Chef gemacht. Der wäre jetzt vielleicht auch Tabellenletzter, aber billiger und nicht so grauenhaft leblos.

Götzens Nachfolger hat im Verbund mit dem Manager-Azubi Preetz mittlerweile fleißig drittklassige Neuzugänge besorgt und wundert sich, dass man für Geld, das man nicht hat, keine besseren Spieler bekommt. In Hertha schlummert eine ausgeprägte, gefährliche Neigung zur Trainerhörigkeit. Auf Forderung des einen hin wurde der Nachwuchs verjagt, auf Drängen des anderen der Erfolgsmanager geschaßt, der Hertha neues Leben einhauchte. Nichts gegen Preetz, der ein echter Lichtblick bei diesem merkwürdigen Verein ist. Aber er kann sich die Krisenbewältigung genauso wenig aus den Fingern saugen wie Scholl bei den Bayern. Sympathie schießt auch keine Tore. Alles andere als eine fette Niederlage in Hoffenheim am kommenden Wochenende wäre eine große Überraschung. Sind also Favres Tage bei Hertha gezählt? Götz ist im Moment zu haben, und die Mannschaft ist überaltert. Das könnte passen. Bis Heine das nächste renitente Rasenrudel ausgebildet hat, dauert es noch ein bißchen. Die Hertha-Bubis stehen in der Regionalliga ganz brav auf Platz 12. Und dürfen sich nach unten orientieren, wenn der große Bruder am Ende die Biege macht.