Monat: Februar 2009

Deutscher Meister HSV?

Einiges spricht dafür. Zum zweiten Mal in kurzer Zeit hat sich der HSV einem Konkurrenten taktisch deutlich überlegen gezeigt. Ausserdem hat er schon reichlich Rückstände gedreht in dieser Saison, gleich am Anfang bei den Bayern oder auch im Hinspiel gegen Leverkusen. Für mich ist diese Fähigkeit entscheidend auf dem Weg zur Meisterschaft unter Wettbewerbsbedingungen. Soll heissen, wenn nicht die ganze Liga wie das Kaninchen auf die Bayern starrt. Der HSV hat den Verlust von van der Vaart und de Jong sowie zahlreiche Verletzungen gut weggesteckt und wirkt sehr kompakt. Das Spiel gegen Wolfsburg wird die Probe aufs Exempel.

Glücklicherweise sind die Zeiten totaler Unterwürfigkeit gegen die Bayern vorbei. Es war sehr feinsinnig von Christoph Daum, der den Bayern „keine Niederlage mehr bis Saisonende“  gewüscht hat. Mit dreizehn Unentschieden hätten die Bayern 51 Punkte, das reicht locker für Platz acht, vielleicht ja sogar sechs. Wegen Hoffenheim merkt keiner so richtig, was für eine klasse Saison der 1. FC Köln spielt. Ich bin gespannt auf die Saison mit Poldi.

Im Moment haben die Bayern vier Punkte Rückstand und gegen den HSV und Hertha schon verloren. Aus eigener Kraft kommen sie an die beiden nicht mehr ran. Und wandern mit The Next Uri Geller langsam in den Keller? Die Verpflichtung Klinsmanns war auch deswegen rätselhaft, weil er keine Qualifikation spielen musste. Der Faktor Zeit in einer Saison spielt eine nicht unerhebliche Rolle, nervlich wie körperlich. Löw, den ich für einen sehr guten Trainer halte (Klinsmanns Nachfolger bei den Bayern?), sieht gerade, dass eine WM-Quali mehr ist als nur ein Sommermärchen. Es gibt Durchhänger, Konkurrenzkämpfe, Angstgegner und den täglichen Kleinkram, zum Beispiel Spieler, die sich pümktlich zu Testspielen verletzt abmelden. Klinsmann lernt gerade, dass man nicht zwölf Monate lang immer nur den Überflieger geben kann. Andererseits muss man die Bayern verstehen. Im Januar 2008 war klar, dass Hitzfeld nicht verlängern würde. Für die ganz großen Namen (Wenger, Mourinho) sind die Bayern nicht mehr attraktiv genug, und die unbekannten Fachleute wie Jol und Rutten haben keinen Glamourfaktor, auf den man an der Säbener Straße Wert legt. Klinsmanns Verpflichtung war der Versuch, shock and awe in die Bundesliga zu transferieren. Und weil der Boulevard brav Massnahmen gehypt hat, für die Berti Vogts vor zehn Jahren bei Leverusen verspottet wurde und weil Ribery ein Ausnahmespieler ist, hat das auch eine Zeit lang funktioniert.  Jetzt wird es langsam eng und die Zahlen sprechen gegen die Bayern. Wer in allen Bundesligaheimspielen mindestens ein Gegentor kassiert, hat in der CL schlechte Karten. Es warten mit Wolfsburg, Hoffenheim, Bremen und vor allem Cottbus noch vier richtig schwere Auswärtsspiele auf die Bayern. Wenn man das Experiment mit Klinsmann gewagt hat, warum rief man dann gleichzeitig den Gewinn der CL als Saisoniel aus?

Trainingslager in Tokio – Live aus Japan (3)

Wenn ein Reisender in einer Winternacht in Tokio versucht, von Asakusa nach Bakuro-yokoyama zu kommen, kann er die drei Stationen auch laufen. Trotzdem ist die Tokioter U-Bahn ein farbenfrohes Meisterwerk der Logistik, eine bewohnbare Schweizer Uhr. Jede Linie hat ihre eigene Farbe und ihren eigenen Namen: Asakusa, Ginza, Hibiya sowie einen Buchstaben, der sie bezeichnet: A, G, H. Ausserdem hat jeder Bahnhof seine eigene Nummer.  A 18 ist der 18. von 19 Bahnhoefen auf der Asakusa-Linie. Er heisst Asakusa, und wer glaubt, dass koenne man sich doch merken, der wird sich freuen, wenn er hoert, dass es auch die Bahnhoefe Akasaka, Aoyama-itchome, Awajicho, Akihabara und Asakusa-bashi gibt. Unter anderem. Um es trotzdem nicht zu einfach zu machen, haben Umsteigebahnhoefe mehrere Nummern, fuer jede Linie, die dort kreuzt eine andere. Asakusa  ist nicht nur Bahnhof  A 18 der Asakusa-Linie, sondern zugleich G 19 der Ginza Linie.  Und Tameike-sanno ist G 06 auf Ginza, N 06 fuer Namboku, M  14 fuer Marunouchi sowie C 07 fuer Chiyoda. Auf jedem Bahnsteig gibt es Markierungen, die einem zeigen, wo die Tueren der Waegen halten werden, ausserdem Wartemarkierungen. Auf Bahnhoefen, auf denen es sehr voll ist, sind die Schienen mit Waenden vom Bahnsteig abgetrennt, damit keiner vor den Zug gedrueckt wird. Wenn der Zug da ist, oeffnen sich die Schiebetueren, damit alle ein- und aussteigen koennen. In den Zugabteilen gibt es kleine Displays, die die Fahrtrichtung, die naechste Station und alle Umsteigemoeglichkeiten dort anzeigen. Und die Zuege kommen immer puenktlich. In Japan gibt es Linksverkehr. Aha, sagt der Reisende in einer Winternacht, also auf den Rolltreppen links stehen, rechts gehen. Im Prinzip richtig, jedoch in Osaka genau anders rum. Warum, war nicht in Erfahrung zu bringen, jedenfalls haelt dort der in Tokio Sozialisierte den OEPNV dauernd auf. Wenn Linksverkehr, dann vielleicht auch Meilen und Yards? fragt der Reisende. Nein, Meter. Im allessoschoenbunthier  U-Bahn-Labyrinth gibt es staendig Hinweise auf die unterirdischen Passagen, die einen von A nach G, von Asakusa nach Ginza bringen. 480 Meter hier lang, 130 Meter da lang, 60 Meter quer, 280 Meter laengs. Dieser Umstand hat mich darauf gebracht, dass die Tokioter U-Bahn eigentlich der perfekte Ort fuer ein Trainigslager von und mit Felix Magath waere. Eine umgangssprachliche Tokioter Begruessungsformel lautet: Wie sind deine Laktatwerte? Und niemand kann sich wundern, dass 2002 die Japaner (und die Suedkoreaner) allen anderen Teams laeuferisch haushoch ueberlegen waren. Alles, was der Fussballlehrer braucht, ist ein detaillierter Streckenplan der Tokioter-U-Bahn. Dann kriegt jeder Spieler seinen individuellen Trainingsplan: „Also der Alex, der faehrt jetzt von Kasumigaseki nach Kagurazaka und steigt Otemachi um. Treppen runter leicht und locker, den Uebergang im Bahnhof Otemachi  auf 60 Prozent steigern und die Treppen voll durchziehen. Zurueck nach Kasumigaseki und das ganze zehn Mal. Wen ich auf der Rolltreppe erwische, spendet einen Phaeton fuer die Mannschaftskasse.“

Habe ich schon von den nummerierten Ausgaengen gesprochen? Gelbe Hinweisschilder geben die grobe Richtung vor. Nach links A1 bis A13, nach rechts B1 bis B5 sowie C1 bis C8. B1 meint natuerlich B1a sowie B1b. Damit sich Alexander Madlung nicht verlaeuft.

Falls Madlung an der Station Ochanumizo wieder Tageslicht erblickt, kann er auch beim Japanischen Fussballmuseum vorbeischauen. Wahrscheinlich wird es eh nie so weit kommen, denn fuer Medizinbaelle ist in der U-Bahn kein Platz.

Nicht ohne meine Alge – live aus Japan (2)

Was fuer eine Ernuechterung. Das mit den Littbarskistatuen hat sich als Ente entpuppt, nichts dergleichen ist hier zu finden, nicht einmal kleine Tonfigurine. Oder eine Handpuppe. Oder ein Tamagotchi. Aber Littbarski war in Japan, zuletzt bei Brummell Sendai, einer jener schrecklichen Werksclubs, so wie Arsenal London zum Beispiel. Seit mehr als hundert Jahren ist Arsenal ein seelenloser Werksclub. Nach dem Ende seiner sportlichen Laufbahn 1997 betrieb Littbarski in Berlin-Wedding kurzzeitig ein Sushi-Restaurant, zehn Jahre zu frueh, wie die brummelige Reaktion der Weddinger Bevoelkerung zeigte. Sie rief die Berliner Drogenbeauftragte auf den Plan und legte Littbarski eine Currywurst ohne Darm auf die Tuerschwelle. Eine Drohung, die Littbarski so ernst nahm, dass er ueber den Umweg Yokohama, Sydney, Teheran den Weg nach Vaduz fand, wo er heute als Trainer arbeitet und der Designerdroge Nigiri abgeschworen hat.

Halluzinogene Drogen sind eine multipolare Angelegenheit. Hartmut Mehdorn nimmt zum Beispiel irgendein Zeug, aufgrund dessen molekularer Zusammensetzung er sich seit einigen Jahren fuer Gott haelt. Toll fuer Mehdorn, bloed fuer Leute, die die Bahn benutzen oder dort arbeiten. Gott andererseits hat im Apothekenschraenkchen die Ampulle verwechselt und etwas erwischt, unter dessen Einfluss er sich fuer Hartmut Mehdorn haelt. Seitdem leidet er an einer Altersdepression.

Heute Morgen war die Welt fuer mich noch in Ordnung. Eine Substanz befluegelte mich darin, einen 2-1 von Hertha ueber Bayern im Internet zu entdecken, und gaukelte mir sogar voellig glaubhaft vor, dass Marcel Reif im Tagesspiegel die Verantwortung fuer diese Niederlage den Bayern gegeben hat. Er ist ein schlechter Verlierer, und die Bayern waehnt er so dermassen eine Klasse fuer sich, dass sie sogar ihre Niederlagen selbst uebernehmen muessen. Niemand kann jemals besser sein als sie. Wahrscheinlich schnupft er Weisswuerste. So wie Mehdorn. Doping bei Spitzenkraeften ist ja ein Massenphaenomen.

Am Abend dann der richtig miese Flash. Nuernberg 2-6 in Aachen. Vermutlich liegt  es an den Algen, die hier staendig im Essen auftauchen. In der Suppe, auf den Spaghetti, im Salat, auch apokryph im Eis und im Caffe Latte. Aber winzige Fehler bei der Zubereitung veraendern den Kugelfisch fuer Vegetarier nachhaltig. 2-6 in Aaaargh….Der Preis fuer legales Doping ist manchmal viel zu hoch.

In Deutschland dopen die wilden, freien Kreativen – Blogger, Taxifahrer, Webdesigner – mit Rucola. Roman Herzogs Forderung nach einem Ruck haben sie mit einer La Ola froehlich aufgegriffen und in die Praxis umgesetzt. Die Berliner Drogenbeauftragte schaetzt, dass in Prenzlauer Berg 60000 Menschen zwischen 17 und 35 regelmaessig  Rucola konsumieren. Und ihre Dependenzstruktur geben sie an ihre Kinder weiter, die am Kollwitzplatz sitzen und nach Glaeschen mit Rucola und Parmesan schreien.

Morgen, wenn der Jetlag ganz weg ist, werde ich einen algenfreien Tag einlegen und noch einmal in Ruhe nachlesen. Bayern in Berlin, knapp aber nicht unverdient, Nuernberg in Aachen, knapp aber nicht unverdient, beide 1-1. Andererseits, so richtig prickelnd ist das auch nicht. Also gibt es morgen zum Fruehstueck doch wieder Algenmarmelade zum Toast. Besser das Depot auffuellen, wenn am Freitag Schalke gegen Dortmund spielt, damit die grauenhafte Wahrheit so lange wie moeglich ausgeblendet werden kann.