Monat: Januar 2009

Hertha, still und leise auf Platz Zwei

Das Tor von Luca Toni nicht zu geben, war eine einsame Entscheidung von Schiri Kircher. Ich habe jedenfalls kein Abseits gesehen, nur einen festen Schubser gegen den Bauch von Reinhardt, kurz vor dem Torschuß, aber da war die Fahne schon längt oben. In jedem Fall war der Sieg des HSV verdient, ganz an die Leine legen lassen sich die Bayern über 90 Minuten nicht. Und wer einen Rost auf der Linie hat, darf auf den Flügeln auch mal ein bißchen schlampen. Ihre Einfallslosigkeit im Spielaufbau kompensierten die Münchner mit großem Einsatz in Halbzeit zwei. Die Niederlage erinnert an das 1:0 in Hannover von heute, nur hat Schalke deutlich weniger Punkte auf dem Konto als die Bayern. Hannover, Frankfurt, Cottbus und Gladbach spielten stärker als in der Hinrunde, trotzdem standen drei Teams mit leeren Händen da. Bei Gladbach hatte ich das Gefühl, sie hätten auch in drei Stunden kein Tor geschossen, Friend ist jedenfalls kein Knipser. Cottbus schlug sich wacker und hatte bei Sanogos 2:0 auch ein bißchen Pech. Nicht jeder Schiri gibt das Tor. Jedenfalls zeigten der Leihbremer und Hildebrand, warum sie verpflichtet wurden. Und Enke, warum er vor seiner Verletzung die Nummer eins war. Bin gespannt, wie lange das „knallharte Leistungsprinip“ beim DFB vorhält, wenn Enke weiter so spielt. Dortmund gelang es wieder nicht, zu Hause zu gewinnen und Leverkusen ist nach dieser Leistung – trotz des erfreulichen Transfers von Kroos – aus meiner Sicht aus dem Meisterschaftsrennen ausgeschieden. Wer solche Spiele nicht gewinnt, der wird nicht oben stehen am Ende. In Köln erfüllte sich Radu den Herzenswunsch, Wolfsburgs Trainer Magath ein Tor einzuschenken. Überhaupt sprachen die Leistungen der Neuverpflichtungen eher für gezieltes Agieren mit Augenmaß und nicht so sehr für Winterpanikkäufe. Spieler des Tages ist Doppeltorschütze Marco Pantelic von Hertha, der den siebten Heimsieg in Folge sicher stellte. Und die Bayern, Dortmund und Schalke müssen noch nach Berlin. Ohlala, würde Lucien Favre sagen, genießen und schweigen.

Gestern zu HSV – Bayern zum ersten Mal einen Liveblog auf Twitter geschrieben. Am Anfang kam ich kaum hinterher, aber in der zweiten Halbzeit ging es recht gut. Ich frage mich, was schwieriger ist: ein Spiel, in dem sehr viel passiert, oder ein Spiel in dem gar nichts passiert.  Im Nachgang dann allerlei Jubel- und Trauerge*zwitscher*, sowie die Aufforderung eines HSV-Unterstützers, zum Bahnhof zu gehen, um die St-Pauli Fans aus Osnabrück in Empfang zu nehmen. Eine Tracht Prügel für den Lokalrivalen als Nachtisch? Hoffentlich nicht.

Hoffenheim und Bayern – Wer hat den längsten…Kontoauszug?

Bin gespannt, was The Next Uri Geller in der Säbener Straße noch alles so hinbiegt. Insgesamt wirkt die Mannschaft nach wie vor recht volatil. Knackpunkt für die nicht völlig verhunzte Hinrunde war das 4:2 gegen Wolfsburg nach 0:2. Da haben sie gut dagegen gehalten. Borowski hat sich als wichtiger Neuzugang gezeigt. Warum der in Bremen gehen mußte, verstehe ich so wenig wie Hamits Abgang auf Schalke. Mit Arsenal, Barca oder ManU hat der FCB trotzdem nichts zu tun, aber dass Klinsmann ein guter Einpeitscher ist, wissen wir ja durch Sönke Wortmann. Ich halte es für völlig ausgeschlossen, dass man mit dieser Abwehr (und diesem Torwart) die CL gewinnt. Nicht zuletzt, weil jetzt die Auswärtstoreregel greift. Und die Meisterschaft? Es wird enger als letztes Jahr, und die große Abhängigkeit von einem Spieler, nämlich Froonck, findet man ansonsten nur bei deutlich schlechteren Vereinen. Bei Bielefeld und Wichniarek, Hertha und Pantelic, bevor Favre kam. Das 2:2 gegen Stuttgart zeigt, dass man die Big Points in der Hinrunde immer wieder nicht gemacht hat, das letzte Quantum fehlt.

Die Vorbehalte gegen Hopp kann ich nicht verstehen. Er ist der Gegenentwurf zu den Großinvestoren, die mal eben so einen Verein kaufen. Regional engagiert seit vielen Jahrzehnten hat er mit Schindelmeiser, Peters und Rangnick drei hervorragendene Fachleute angeworben und ihnen Zeit gegeben. Die permanenten Stänkereien von Hoeneß und Rummenigge gegen die angeblich zu hohen Transfersummen sind Ausdruck tiefsitzender Verunsicherung. Hoffenheim ist ein Team von Nobodys und ehemalig Gescheiterten. In der Winterpause hat der Verein den einzigen Schwachpunkt verbessert und mit Hildebrand einen hervorragenden Torhüter ablösefrei verpflichtet. Sanogo kostet 250000 Euro Ausleihe. Beide sind kluge und präzise Verstärkungen. Klar, dass Bayern da von Wettbewerbsverzerrung redet. Die Eigengewächse Breno und Oddo werden dort seit zwanzig Jahren behutsam aufgebaut. Die Verletzung von Ibisevic ist für die Statistikfreaks schlimmer als für die TSG. Ich behaupte, im schnellen Systemfußball der Hoffenheimer kann jeder andere Offensivspieler die Tore machen, die Ibisevic gemacht hat. Die meisten fielen zwangsläufig, aus struktureller Überlegenheit heraus. So ähnlich wie beim SC Freiburg in seinem besten Jahr. Weshalb ich auch das Prädikat Weltklasse in der kicker-Rangliste für Ibisevic nicht verstehe. Weltklasse ist ein Tor wie das 1:1 von van Niestelrooy gegen Deutschland bei der EM 2004. Wörns klebt an seinem Rücken, Van the Man steht mit dem Rücken schräg zum Tor. Und blind und an Kahn vorbei im Synchronsprung mit Wörns schießt RVN den Ball über seine Schulter ins Eck. Tore machen, die man eigentlich nicht machen kann, das zeichnet einen Ausnahmestürmer aus. Wenn Sanogo die Streicheleinheiten bekommt, die er braucht, wird er die Laufwege bald so verinnerlicht haben wie sein Vorgänger. Und Tore machen wie Ba und Obasi. Unterm Strich ist Hoffenheim mit Hildebrand und ohne Ibisevic stärker als in der Hinrunde. Ein 5:4 wird es nicht mehr geben. Ein 1:0 wird öfters reichen. Der Rest ist Nervensache.

Hertha und der HSV – Alte Dame trifft Dino

So langsam finde ich Gefallen an dem Verein der wie ein Dampfer heißt. Das liegt nicht nur an Spielern wie Friedrich, der mit seiner Vertragsverlängerung eindrucksvoll meine Theorie des Authochthonen unterstützt. Einen besseren Käptn hatte Hertha seit Michael Preetz nicht mehr. Auch ein Zeichen dafür, dass es langfristig besser wird mit der alten Dame. Jetzt hat Friedrich mit Simunic zusammen in Babelsberg sogar ein paar als Hertha-Fans kostümierte Rassisten zur Ordnung gerufen. Schade, dass der Rassismus in den Stadien nach wie vor klein geredet wird. Da ist dann meist von „ein paar Idioten“ die Rede. Als ob die „Urwaldrufe“ und der Antisemitismus nicht ihren festen Platz im Schmähprogramm haben. Früher, bei Hertha gegen St. Pauli, da grüßten die Berliner stets mit „Arbeitslose, Arbeitslose“, was in der Paulikurve mit „Steuerzahler, Steuerzahler“ quittiert wurde. In der Krise gibt es keinen Platz mehr für solches Brauchtum. Soll man die Fans der Frankfurter Eintracht als „Bankrotteure, Bankrotteure“ beschimpfen, nur weil ihr Stadion nach einem Geldinstitut heißt? Und darf die Erwiderung lauten: „Eure Armut kotzt uns ans.“? Bei Barcelona wohl eher: „Eure Anmut macht uns an.“ Herthas bester Mann ist Lucien Favre. Er ist kein Ballokrat wie Sammer oder Löw, kommt nicht aus dem Bild-und-Bayern-Sumpf wie Klinsmann oder Hitzfeld, ist nicht telephil wie Klopp oder Meyer, lacht bei dummen Journalistenfragen manchmal einfach los, was ein geradezu zidanehaftes Lächeln auf sein superseriöses Gesicht zaubert. Er hat dafür gesorgt, dass La Marco, die Diva aller Strafraumdiven so klein mit Haarband über den Platz trabt. Wem das gelingt, der kann auch Meister werden.

Kürzlich wurde der HSV als „ewiger Ausbildungsverein“ tituliert. Seit der Saison mit den fünf B – Barbarez, Beinlich, Bouhlarouz und van Buyten gingen, der Beinaheabstieg kam – hat sich die Transferpolitik der Hamburger merklich verbessert. Der Abgang von de Jong wird sich nicht weiter negativ auswirken. Mit Jarolim haben sie einen sehr guten Defensivmann, Jol arbeitet unablässig am Einbau neuer großer Talente (Aogo, Guerrero). Mit dem Tausch Petric gegen Zidan ist dem HSV der Coup des Jahres gelungen. Ausbilden muss man einen Spieler, der auf Anhieb wichtige Tore am Fließband schießt, nicht mehr, nur taktisch einbinden. Und dann für das Zehnfache verkaufen. Warum Olic zu den Bayern geht, ist mir absolut schleierhaft. Nachdem Ribéry die zweite Reihe auf der ganzen Breite des Platzes für sich beansprucht, würde ein hängender Stürmer ihm nur auf den Füßen stehen. Der HSV hat sich klugerweise offiziell kein Zeitlimit gesetzt für das Erreichen höchster Weihen. Die sportliche Führung ist gerade beeindruckend bestätigt worden. Ich finde, die basisdemokratischen Ansätze wie bei Fortuna Köln sehr interessant sind, aber ausgerechnet dem BL-Gründungsmitglied schlechtes Management vorzuwerfen, wirkt ein wenig übertrieben. So viel kann man beim HSV nicht falsch gemacht haben.

Pokalgeflüster: +++ bis auf Hoffenheim, Dortmund und Hertha sind die ersten acht der Liga unter sich +++ Wetten, dass das ZDF Bayern gegen Wehen überträgt, „damit sich auch einmal ein Zweitligist vor großem Fernsehpublikum präsentieren kann.“ +++ Leverkusen und Bremen bärenstark, auch die Schalker besser als ihre Presse während der Winterpause +++